Kickers Würzburg

Fußball FN-Interview mit Sebastian Schuppan / Der Kapitän des Drittligisten FC Würzburger Kickers erklärt, warum wieder einmal der halbe Kader umgekrempelt wurde

„Müssen unseren eigenen Weg gehen“

Die Vorbereitung auf die neue Drittliga-Saison ist bei den Würzburger Kickers in vollem Gange. Heute bestreitet die Mannschaft von Trainer Michael Schiele um 15 Uhr in Grünsfeld ein Testspiel gegen den Regionalligisten FSV Frankfurt. Der Würzburger Kapitän Sebastian Schuppan stand den FN für ein Interview zur Verfügung.

Herr Schuppan, der Saisonstart in der 3. Liga steht kurz bevor. Wie ist Ihr Gefühl vor dem Auftakt?

Sebastian Schuppan: Die Aufregung und Nervosität steigen immer mehr – selbst bei mir noch, obwohl ich schon so viele Vorbereitungen und Auftaktspiele hinter mir habe. Es ist immer wieder aufs Neue diese Ungewissheit, die einen kitzelt. Man weiß nie wirklich, wo man steht. Du kannst in der Vorbereitung alles richtig oder auch alles falsch machen. Das zeigt sich sowieso erst immer nach ein paar Wochen in der Saison. Ich freue mich, dass es endlich wieder losgeht.

Für die Kickers-Fans heißt es wieder einmal, fleißig neue Namen zu pauken. Der Umbruch in diesem Sommer war groß. Dafür hat nicht unbedingt jeder Fan Verständnis . . .

Schuppan: Da kann ich die Fans auch verstehen. Allerdings verstehe ich genauso gut den Verein. Dem sind im Grunde die Hände gebunden. Wir waren zwei Mal Fünfter und haben guten Fußball gespielt. Da ist es der Gang der Dinge, dass auch andere Vereine auf unsere Spieler aufmerksam werden. Dieses Jahr kommt aber der Unterschied dazu, dass die meisten innerhalb der Liga und nicht wie im Vorjahr in die 2. Liga gewechselt sind. Wir müssen nicht lange um den heißen Brei reden: Es gibt einige Drittliga-Vereine, die über unsagbar mehr finanzielle Möglichkeiten verfügen als wir hier in Würzburg. Da braucht man auch gar nicht erst versuchen mitzuhalten. Der Verein muss da seinen eigenen Weg gehen.

Das Geld ist das eine. Aber hätte da nicht der Kapitän seine Kollegen zum Bleiben überreden können?

Schuppan: Das habe ich versucht. Offenbar haben aber nicht viele auf mich gehört, denn die Quote spricht nicht unbedingt für mich (lacht). Ich habe den Spielern, deren Verträge auslaufen, schon noch einmal nähergebracht, welche Vorteile eine Verlängerung bei den Kickers für sie haben könnte. Wir genießen hier ein familiäres Umfeld, in dem viel Ruhe herrscht. Dagegen hast du bei manchen größeren Vereinen ein viel hitzigeres Drumherum, bei dem du als Spieler auch mal untergehen kannst. Wir Dritt- und Zweitligaspieler können aber natürlich auch nicht sagen, dass es uns egal ist, was wir verdienen. Die Karriere ist einfach ein sehr begrenzter Zeitraum, aus dem man möglichst auch etwas für danach mit rausnehmen möchte. Wenn du irgendwo 5000 oder 6000 Euro mehr verdienen kannst, wechseln die meisten eben dorthin. Das kann ich keinem verübeln. Außerdem halte ich sowieso nichts davon, jemandem groß hinterher zu jammern. Das haben wir in Würzburg auch in der Vergangenheit nicht getan.

Die meisten Spieler haben den Dallenberg ja auch im Guten verlassen. Nur Dennis Mast sorgte mit seiner Aussage, dass die Stimmung in der Mannschaft in Halle nun deutlich besser sei als in Würzburg, für etwas Irritation. Wie haben Sie das aufgenommen?

Schuppan: Ehrlich gesagt hat mich das schon ein bisschen geärgert. Ich mag so etwas nicht, schon gar nicht, wenn einer versucht, auf der Mannschaft herumzutreten. Du wirst in der Dritten Liga nicht Fünfter, wenn im Team eine schlechte Stimmung herrscht oder dort jeder nur sein Ego-Ding fährt. Wir waren auch in der letzten Saison individuell nicht überragend besetzt und mussten immer über das Mannschaftliche kommen. Der Tabellenplatz und die Leistung sprechen für sich. Am Ende muss jeder für sich entscheiden, wie er mit solchen Situationen umgeht.

Ihre neuen Kollegen sind sehr jung. Wie ist Ihr Eindruck vom neuen Team?

Schuppan: Es ist eine echt spannende Aufgabe. Was gibt es Schöneres, als eine junge und willige Mannschaft zu haben und diese zu einer Einheit zu formen? Die Jungs machen charakterlich alle einen tollen Eindruck. Ich bin echt begeistert. Trotzdem steckt natürlich viel Arbeit drinnen. Mit jungen Spielern kann das sehr schnell gehen, es kann aber auch eine ganze Weile dauern. Aber man spürt schon, dass jeder Einzelne hoch hinaus will. Wie schnell das in der Dritten Liga gehen kann, hat in der vergangenen Saison Caniggia Elva eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mir gefällt das und letztlich profitiere ich als Ältester auch davon. So schnell hoch und runter zu sprinten wie die Jungen, das schaffe ich nämlich nicht mehr.

Die Mannschaft hat gewiss einiges an Potenzial. Wo wird euch das in dieser Saison hinführen?

Schuppan: Erst einmal hoffe ich, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Es wird bestimmt Phasen in der Saison geben, in denen es mal nicht so läuft. Alles andere wäre mit so einer jungen Mannschaft auch unnormal. Die Liga ist zudem meines Erachtens noch einmal stärker geworden. Kaiserslautern und Braunschweig haben gute Transfers getätigt, und mit Ingolstadt kommt ein Zweitliga-Absteiger dazu, der viele Spieler halten konnte und für mich zu den Top-Favoriten zählt. Dazu wird es wie jedes Jahr noch ein oder zwei Überraschungsteams geben, die heute noch keiner auf dem Zettel hat. Wer letztes Jahr auf Osnabrück als Meister getippt hätte, wäre ja sicherlich auch für verrückt erklärt worden. Die vier Aufsteiger schätze ich zudem auch stark ein. Von denen wird keiner Probleme haben, in der Liga mitzuhalten. Vermutlich wird es erneut ein Hauen und Stechen geben, in dem viele Vereine ganz lange mit im Abstiegskampf hängen. und einige wenige werden oben um den Aufstieg spielen. Wir wollen eine stabile Saison spielen und mit unserem Spielstil überzeugen.

Sie genießen hier bei den Kickers in Ihrer dritten Saison und im zweiten Jahr als Kapitän eine große Wertschätzung. Das macht einen doch sicherlich stolz?

Schuppan: Natürlich ist das schön. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes sage. Für mich war es als Nachfolger von Sebastian Neumann, der hier sehr beliebt war, zunächst keine leichte Aufgabe. Ich habe aber von Anfang an versucht, meinen eigenen Weg zu gehen und auch innerhalb der Mannschaft meinen eigenen Führungsstil zu entwickeln. Das hat, denke ich, ganz ordentlich funktioniert und ich bin sehr glücklich mit der Situation hier in Würzburg. Das Wichtigste ist aber, dass sich auch meine Familie hier sehr wohl fühlt. Das ist auch keine Floskel: Wenn die Familie sich wohlfühlt, kann man als Spieler auch am besten seine Leistung abrufen.

Ihr Start in Würzburg 2017 war aber alles andere als erfolgreich. Dachten sie damals nach ein paar Wochen, dass es keine allzu gute Idee war, bei den Kickers unterschrieben zu haben?

Schuppan: Klar hatten wir uns damals deutlich mehr vorgenommen. Wir hatten eigentlich auch die Qualität, um aufzusteigen zu können. Der Saisonstart war aber dann einfach nur fürchterlich. Im Endeffekt bin ich froh, dass wir auch mal durch so eine Krise gegangen sind. Das hat uns nur stärker gemacht. Wir haben zwar am Ende nicht wirklich etwas erreicht, denn auch mit dem DFB-Pokaleinzug hat es damals leider nicht geklappt, aber nach so einem Saisonstart sind viele Vereine auch schon abgestiegen.

Sie sind mit 32 Jahren die älteste „Rothose“ im Kader. Die Frage sei erlaubt: Was machen die Knochen und wie lange dürfen die Fans Sie noch auf dem Platz sehen?

Schuppan: Sagen wir es mal so: Solange ich morgens in die Kabine komme und mir alles weh gut, ich aber dann merke, den jungen Kerls tut auch alles weh, bin ich immer beruhigt. Von daher ist alles super. Ich fühle mich topfit und kann nicht klagen. So lange ich nicht morgens mit Schmerzen aufstehe und keine Lust habe, zum Training zu fahren, bin ich glücklich. Wann das Karriereende kommt, daran verschwende ich momentan noch keine Gedanken. Meine Kraft brauche ich derzeit, um meinen Teil dazu beizutragen, die Mannschaft auf dem Platz zu verstärken und dabei zu helfen, dass wir eine Einheit werden. Wenn ich im Winter ’mal Zeit zum Durchatmen habe, werde ich mir meine Gedanken machen, wie es weitergeht.