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Neue Perspektiven in Napoleon

Lia-Luisa Markert reiste mit der Organisation Youth for Understanding (YFU), die mit dem Spruch „Ein zweites Zuhause im Herzen“ für sich wirbt. Die 16-Jährige wählte bewusst diesen Verein, da dieser rein auf freiwilliger Basis funktioniert. „Ich habe bereits in der Schule an einem Austausch mit Hastings, UK, teilgenommen und damals fiel mir auf, dass die Motivation der Gastfamilie meist aus dem finanziellen Gewinn stammte. Für die Dauer von zehn Monaten wollte ich bei einer Familie sein, die das auch wirklich gerne macht“, sagte Markert zu ihrer Motivation.

Ihre Wahl fiel auf Amerika, da die Schülerin bereits als Kleinkind ein paar Jahre in Texas lebte. „Großbritannien empfand ich zu einem als zu nah dran an Deutschland, zum anderen war ich mir aufgrund des Brexits sehr unsicher.“ Aufgrund der Nähe zu Kanada wählte Markert die Stadt Napoleon aus.

Ihre erste Gastfamilie bestand aus ihrer Gastmutter und deren Sohn, der nebenan wohnte. In Wachbach lebt sie mit Mutter, Vater und zwei jüngeren Geschwistern. „Natürlich musste ich mich am Anfang erstmal eingewöhnen. Jedoch hat mich meine Gastmutter sehr unterstützt. Ich erinnere mich noch, wie sie mich vom Flughafen abgeholt hat. Als wir dann auf der Rückfahrt waren, meinte sie zu mir, dass sie gar nicht weiß, welcher Glaubensrichtung ich angehöre, und legte sofort nach, dass sie mich auch zu einer buddhistischen Gemeinde fahren würde, wenn ich Buddhistin wäre. Für mich hat das ein ganz neues Bild von Amerika gezeichnet.“

Religion im Alltag

Mit ihrer ersten Gastmutter betete Lia-Luisa jeden Morgen beim Frühstück und sonntags gingen sie gemeinsam in die Kirche. Durch diese verstärkte Einbindung von Religion in ihrem Alltag hat sich ihre Beziehung dazu nachhaltig verändert. „Die Gottesdienste waren in Napoleon anders. Das gemeinsame Singen spielte eine zentrale Rolle, aber wurde auch für die Jüngeren attraktiv gestaltet. Das war eine schöne Erfahrung und die gemeinsamen Kirchenbesuche mit meinen Familien werden mir positiv in Erinnerung bleiben.“ Aufgrund eines Unfalls ihrer ersten Gastmutter musste Lia-Luisa mitten im Schuljahr die Familie wechseln.

In ihrer zweiten Familie bekam sie dann eine große Schwester, die bereits in der Abschlussklasse war, und einen kleinen Bruder, eine Klasse unter ihr. „Dass ich meine erste Gastfamilie verlassen musste, war natürlich zuerst ein großer Schock. Zum Glück kontaktierte mich eine Schulkameradin und bat an, bei ihrer Familie zu wohnen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur wenig Kontakt zu ihr gehabt und war sehr überrascht, so schnell eine neue Familie zu finden. Diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit hatte ich nicht unbedingt erwartet.“

Lia-Luisas Tagesablauf war stark durch die Schule vorgegeben. Um sieben Uhr holte sie jeden Morgen der gelbe Schulbus ab und brachte sie zur Schule. Jeden Tag hatte sie die gleichen Fächer und um 11.30 Uhr gab es den „Lunchbreak“. „In meiner Schule gab es ganz klischeehaft einen Cheerleader- und einen Footballer-Tisch“, erzählt Markert.

Außerdem war das Schuljahr stark durch den Sport geprägt: „Das Schuljahr ist in Trimester unterteilt und jedes Semester konnte man eine neue Sportart wählen. Im letzten Semester fand ich eine neue Leidenschaft: ,Track and field’. In Deutschland war ich keine gute Läuferin, aber jetzt laufe ich auch in meiner Freizeit gerne und habe sogar schon einen Halbmarathon geschafft“, so Markert.

Das Schulklima beschreibt sie im Großen und Ganzen eher als locker: „Man konnte im Unterricht essen, am Handy sein oder sich komplett ausklinken und Netflix gucken. Konsequenzen gab es keine. Nach den Hausaufgaben gab es dann ein gemeinsames Abendessen mit der Familie. Im Gegensatz zu Deutschland isst man abends warm und mittags kalt, eine weitere Umstellung, die mir aber nicht so schwerfiel. Ich habe mich in beiden Familien sehr integriert und willkommen gefühlt. Sie haben Zeit, aber auch Geld in mich investiert.“

Konsumverhalten der Schüler

Auch Lia-Luisas Umgang mit Geld hat sich verändert: „Ich hatte ein monatliches Taschengeld zur Verfügung und musste immer gucken, wofür ich mein Geld ausgebe. Konsum spielte schon eine große Rolle, und viele Mitschüler haben sich besonders für die Schule angezogen, anderen war es wiederum egal, was sie anhatten. Der Schule war es auch nicht wichtig, solange der Dresscode eingehalten wurde. Anfangs habe ich mein Essen noch in der Schule gekauft, aber dann fing ich an, Essen von zuhause mitzunehmen, da das Essen in der Cafeteria meist nicht so appetitlich war. Meine Familien achteten auf eine gesunde Ernährung, aber nicht alle Familien taten es ihnen gleich. Das Klischee von Käse aus der Tube kann ich leider bestätigen.“

Auch die Einstellung zu Müll unterscheide sich sehr stark zu Deutschland. „Aus diesem Grund habe ich in meiner zweiten Familie Mülltrennung eingeführt. In den USA wird noch viel mehr in Plastik verpackt und importiert. In Erinnerung geblieben sind mir die riesengroßen Supermärkte wie ,Costco’ und das große Überangebot. Trotzdem, mir war es wichtig, nachhaltiger zu leben. Bald hatten wir alle wiederverwendbare Flaschen, ein Pfandsystem wie in Deutschland gibt es ja nicht.“

Eine weitere Überraschung barg der Umgang mit Social Media. „Niemand nutzt WhatsApp. Alles läuft über iMessage oder Snapchat. Ich bin mir sicher, hätte ich keine IPhone gehabt, wäre der Anschluss wesentlich schwieriger gewesen.“ „Sehr merkwürdig war für mich, wie sich Beziehungen unter meinen Mitschülern geformt haben, das lief nie persönlich ab. Es hieß immer „we’re writing“, wir schreiben miteinander. Eine sexuelle Aufklärung fand auch nicht wirklich statt, es gab zwar eine ,Health Class’, aber in der wurde das nicht thematisiert.“

Was Lia-Luisa außerdem sehr verwunderte, war das Wissen über Europa und andere Teile der Welt ihrer Klassenkameraden. „Viele Menschen aus Napoleon haben Deutsch sprechende Vorfahren, ungefähr 70 Prozent emigrierten aus Deutschland. Meine erste Gastmutter besaß sogar eine Spätzlepresse, wusste damit aber nicht viel anzufangen. Trotzdem zeigten alle ein Interesse an Deutschland. Der Nachbar meiner zweiten Familie, ein fast 90 Jahre alter Herr, war sogar Deutscher. Mit ihm habe ich deutsches Essen gekocht, das war ein schönes Erlebnis.“

An der Schule gab es Spanisch als Wahlfach, andere Sprachen wurden nicht angeboten. „Die meisten haben Amerika noch nie verlassen, das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Als wir in Erdkunde über Europa sprachen, wurde Spanien als Hauptstadt von Italien identifiziert. Deutschland wurde nur mit Spekulatius und Lebkuchen in Verbindung gebracht, und natürlich mit Haribo.“

Ein weiterer Kontrast zu Deutschland zeichnete die Fahrerlaubnis mit 16 Jahren und die daraus resultierenden Konsequenzen. „Öffentliche Verkehrsmittel gab es praktisch gar nicht, wir wurden immer von unseren Eltern gefahren oder auch von Mitschülern. Jeder hatte einen Tracker auf dem Handy oder an dem Auto und es wurde sehr stark überwacht, wo wir uns gerade aufhalten. Ich denke schon, dass da eine gewisse Angst mitschwingt, zum anderen haben Eltern auch eine große Verantwortung. Meine Gasteltern ließen mich nur zu Freunden, deren Familie sie kannten.“ Umso glücklicher ist Lia-Luisa nun über die Freiheit und Selbstbestimmtheit in Deutschland. „In der Schule mussten wir unsere Sachen immer im Spind einschließen, was aber auch der Faulheit geschuldet war, da wir so immer nur Stift und Notizbuch mit uns herumtragen mussten. Aber es gab auch einen Schulpolizist, der immer vor Ort war und auf uns aufgepasst hat. Zudem haben wir auch ein Amoklauf-Training bekommen, sowie Tornado-Drills und das Verhalten bei einem Feueralarm. Die Kontrollen wurden mit der Zeit verschärft. Die Schüler wurden nun immer in der Schule und zum „Lunchbreak“ in der Cafeteria eingeschlossen. Trotzdem habe ich mich immer sicher gefühlt, wenn auch unter stetiger Kontrolle.“

Politische Diskussionen

Über das Thema Politik redete Lia-Luisa nicht mit ihren Freunden, aber sie versuchte herauszufinden, wie ihre Gasteltern über Trump dachten. „Meine erste Gastmutter hat durchblicken lassen, dass sie für ihn gestimmt hatte, aber aus der Begründung heraus, Anti-Clinton zu sein. Aber ihr war das Thema sichtlich unangenehm. Meine zweite Familie positionierte sich deutlich gegen Trump und machte belustigende Kommentare, wenn er im Fernsehen auftrat. In der Schule gab es das Wahlfach ,Government’, in dem über die aktuelle Politik diskutiert wurde. Es gab auch ganz klar ausländerfeindliche Menschen, die Trump unterstützen, aber mit denen hatte ich wenig Kontakt.“

Lia-Luisa wollte nicht, dass ihre Familie sie besuchen kommt. „Für mich war das einfach mein Ding, meine Erfahrung. Ich bin jetzt sogar dankbar für unser Schulsystem. Meine Gastschwester geht jetzt aufs College und zahlt dafür 30 000 Dollar im Jahr und meine Gasteltern zahlen immer noch ihre Universitätsschulden ab.

Auch die Zeit mit meiner Familie sehe ich jetzt weniger als Pflicht an, sondern ich genieße die Zeit mit ihnen. Des Weiteren habe ich viel über wahre Freundschaft gelernt und wertschätze die guten Freunde, die ich habe.“

Und auch ihr Englisch habe sich stark verbessert. „Ich habe jetzt einen amerikanischen Akzent und fühle mich wohl, wenn ich Englisch spreche. Für mich haben sich diese zehn Monate sehr gelohnt und ich freue mich darauf, meine Gastfamilie bald wiederzusehen, vielleicht auch in Deutschland.“