Igersheim

Natur und Umwelt Erlenbach in Igersheim führte bis Dienstagabend auf 400 Metern kein Wasser mehr und auch andere Gewässer sind betroffen / Tote Fische

Wenn Bäche zu Rinnsalen werden

Archivartikel

Es fehlt der Regen. Wer die Tauber und ihre Nebenbäche aufmerksam betrachtet, sieht die Wassernot. Kleine Bäche sind nur noch Rinnsale, der Erlenbach in Igersheim ist teilweise ganz ausgetrocknet.

Igersheim. Der Igersheimer Josef Dürr lebt direkt am Erlenbach. Dem ist er seit Jahrzehnten verbunden, denn er betrieb die von seinem Vater 1938 begonnene Fischzucht bis 2017. „Ich bin jetzt 67 Jahre alt, aber das habe ich noch nie erlebt“, sagt Dürr. Was den Ex-Fischzüchter – er übergab den Betrieb 2017 an Sandro Girardi – am Dienstag so bewegt, ist der Erlenbach selbst. „Der ist trocken gefallen“, sagt Dürr und führt den Reporter an den Ort des Geschehens.

Gleich an der Einfahrt zur Fischzucht ist die Entnahmestelle für das Bachwasser. Doch wo das sonst abgezweigt wird, fließt kein Tropfen mehr. „Rund 150 Meter aufwärts ist der Erlenbach trocken, abwärts bis zur Mündung in die Tauber ebenfalls“, sagt Dürr. Was das für Fische, Wasserinsekten und andere Kleintiere in diesem Bereich bedeutet, offenbart dem Betrachter ein Blick ins Bachbett nur wenige Meter oberhalb der Entnahmestelle: Auf dem taunassen Laub liegen fingerlange Jungfische – die kleinen Regenbogenforellen sind erstickt, als kein Wasser mehr von oben kam. „Das Leben im Bach ist in diesem Bereich ausgelöscht“, sagt Dürr.

Was das fehlende Erlenbachwasser für die Fischzucht bedeutet, ist klar. „Wir erbrüten hier Bach- und Regenbogenforellen, außerdem ziehen wir hier Regenbogenforellen auf“, sagt Sandro Girardi. Und dazu wird das Wasser des Erlenbaches benötigt. „Aber das fehlt jetzt schon eine geraume Zeit. Bis vor kurzem kam wenigstens noch etwas Wasser an, dann war es komplett vorbei.“ Drei Wochen lang lag der Bachlauf trocken, dann, nach dem Schneefall, führte er im Bereich der Fischzuchtanlage wieder eine sehr geringe Menge – ein karges Rinnsal nur, zu wenig, um das Wasser zu nutzen. „Das reichte nicht einmal, um die vorgeschriebenen zwei Sekundenliter durchzulassen. Entnehmen konnten wir da gar nichts.“ Aus den zwei Röhrchen unter dem Staubrett kam, wie Dürr betont, „so gut wie nichts heraus, und bis zur Mündung war nur an wenigen, tiefen Stellen noch etwas stehendes Wasser zu entdecken. Seit einer Woche ist das auch wieder vorbei, der Bach ist wieder trocken“, sagt Dürr.

„Das ist für uns eine schwierige Situation“, betont Sando Girardi, seit 2017 Inhaber der Forellenzucht Dürr, die er mit seiner Frau und seinem Sohn betreibt. Eine Forellenzucht benötigt sauerstoffreiches und kühles Wasser, das in normalen Zeiten der Erlenbach liefert. Nach dem Durchströmen der Zuchtbecken wird es der Tauber zugeführt. „Und das fehlt uns jetzt schon lange in der benötigten Menge und seit vier Wochen komplett.“

Für das Bruthaus habe man eine eigene Quelle auf dem Gelände, aber die schütte auch deutlich weniger als in der Vergangenheit, erläutert Girardi. Glücklicherweise hätten sich die Dürrs schon vor vielen Jahren eine wasserrechtliche Genehmigung für ein Entnahmerecht in der Nähe der Tauber gesichert. „Das sollte als Notnagel dienen, wenn der Erlenbach wenig Wasser führt. Wir haben es nur wenig gebraucht“, erklärt Dürr. Aktuell aber „ist es unverzichtbar“, sagt Girardi. Und: „Es ist mit zusätzlichen Kosten verbunden“, schließlich muss das Wasser erst aus dem Grund heraus- und dann zur Zuchtanlage hochgepumpt werden. Überdies sei die Entnahmemenge natürlich begrenzt.

Der Grund für die Misere ist klar – 2020 war ein regenarmes Jahr, ebenso wie 2019 und auch 2018. „Es fehlen einfach entsprechende Niederschläge, und das seit langem“, sind sich Dürr und Girardi einig.

Auch andere Bäche betroffen

Das vom Reporter befragte Igersheimer Rathaus antwortete prompt: „Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Verena Hofmann den Erlenbach auf Höhe der Fischzucht Dürr in Augenschein genommen“, schrieb Alfons Hönig. Man habe dabei festgestellt, „dass der Bach in diesem Bereich zur Zeit kein Wasser führt und völlig ausgetrocknet ist“.

Die beiden Verwaltungsmitarbeiter begaben sich daraufhin in Richtung Golfplatz, „wo der Erlenbach etwas stehendes Wasser – vermutlich Zulauf aus einer oder mehreren Quellen – enthält, das aber nur in einem kleinen Rinnsal weiterfließt und schließlich im Bachbett versickert“, wie Hönig betonte. „Diese Situation ist ganz offensichtlich auf die extreme Trockenheit mit ebenfalls extremem Regenmangel im Sommer und Herbst dieses Jahres zurückzuführen.“

Zudem betreffe dieses Problem auch den Neuseser Bach, „der ebenfalls zu großen Teilen ausgetrocknet ist sowie den Harthäuser Bach, wo sich abschnittweise nur noch ein kleines Rinnsal ins Tal ergießt“. Auch dies sei, so Hönig weiter, „ausschließlich auf die viel zu trockene und regenarme Jahreszeit zurückzuführen. Was uns fehlt ist Regen, Regen und nochmals Regen!“

Im Fall des Erlenbaches kommt hinzu, dass zwei der ihn speisenden Quellen, nämlich die Altenberg- und die Karlsquelle, auch zur Trinkwassergewinnung genutzt werden. „Die Entnahmemenge ist limitiert, maximal dürfen aus diesen beiden Quellen zusammen neun Liter pro Sekunde, allerdings nur 600 Kubikmeter pro Tag entnommen werden“, erklärt der Geschäftsführer des Stadtwerks Tauberfranken, Dr. Norbert Schön, auf Nachfrage unserer Zeitung. „Es ist aber so, dass das Stadtwerk alle seine Quellen und Brunnen im Zuge der Wasserkonzeption an die Nordost-Wasserversorgung, kurz NOW, verpachtet ha.“ Man müsse also dort nachfragen, wie viel Wasser aktuell entnommen wird, sagt Dr. Schön. Klar sei aber, „dass die NOW alle Vorgaben, also die wasserrechtlichen Genehmigungen, beachten muss“. Und noch etwas machte Schön deutlich: „Es fehlt Regen, und zwar schon seit längerer Zeit. Seit zwei Jahren fällt der Grundwasserpegel, landesweit ist die Grundwasser-Neubildungsrate im Schnitt der vergangenen drei bis fünf Jahre um 20 Prozent gesunken.“ Daraus resultiere die verringerte Schüttung sämtlicher Quellen, die die Gewässer speisen. „Das betrifft natürlich auch alle Quellen und Brunnen, die der Trinkwasserversorgung dienen.“

Wie denn der Regen fallen sollte, weiß Dr. Schön ganz genau: „Der Regen muss in den Boden eindringen können. Kurze, heftige Regenfälle kann die ausgetrocknete Erde nicht aufnehmen, das fließt alles gleich wieder ab.“ Er wünsche sich lange, sanfte Regenfälle – so genannten Landregen, „der den Boden aufweichen und tief einsickern kann, um so zur Grundwasserneubildung beizutragen“.