Igersheim

Gesundheitswesen Eine Zuwanderin aus Venezuela berichtet von ihrer Ausbildung in einem Beruf, in dem deutschlandweit Tausende Arbeitskräfte fehlen

„Pflege ist nicht angesehen, aber schön“

Angela ist aus Venezuela nach Deutschland gekommen, um die Chance auf ein besseres Leben zu bekommen und macht nun eine Ausbildung zur Altenpflegerin in Bad Mergentheim.

Igersheim. „Der Beruf der Altenpflegerin wird hier nicht angesehen, aber ich finde ihn echt schön und man muss zwar Geduld mit den Menschen haben, wenn man arbeitet und sie verstehen, aber dann ist es wirklich schön!“ Den Weg den Angela (Name der Redaktion bekannt) 2017 angetreten hat, um nach Bad Mergentheim zu kommen, war nicht leicht, aber sie hat es geschafft und ist sehr glücklich darüber. Mit uns hat sie über ihre Zeit in Venezuela gesprochen, warum sie hierher wollte und wie viel Spaß ihr ihre Ausbildung als Altenpflegerin macht.

„Wie Verbrecherin gefühlt“

„Ich habe mich wie eine Verbrecherin gefühlt als ich bei meiner Ankunft am Flughafen in Spanien von den Polizisten aufgehalten wurde.“ Kurze Zeit später saß Angela wieder im Flugzeug, das Ziel wusste sie nicht. Kurz darauf hat sie dann jedoch erfahren, dass sie zurückgeflogen wird, zurück in das Land, aus dem sie eigentlich wegwollte. Das Land in das sie zurückgeflogen wurde war Venezuela, wo sie bisher gelebt hat und dort auch ein Medizin- Studium begonnen hat. In dem südamerikanischen Land ist die politische Lage kritisch und auch die Lebenssituation war schlecht. Das waren nur zwei Gründe warum Angela weg wollte.

Ihre zwei Tanten welche hier im Main-Tauber Kreis leben, haben ihr vorgeschlagen nach Deutschland zu kommen, um hier eine Ausbildung zu machen, woraufhin Angela mit deren Hilfe ihr Flugticket nach Deutschland buchte.

Wieder ins Flugzeug gesetzt

Um nach Deutschland einreisen zu dürfen, benötigte sie eine „Einladung“ von ihrer Tante, damit diese fortan als Ansprechpartner für die Behörden galt, falls Angela kein Visum bekommt und untertaucht. Ihre Tante erklärt sich auch dazu bereit, für sie zu sorgen und sie bei sich zu Hause aufzunehmen. Diese „Einladung“ hatte auch Angela bei sich, jedoch nur auf Deutsch, was im Nachhinein zum Problem wurde.

Der Flug nach Deutschland hatte einen Zwischenstopp in Spanien, bei dem Angela eigentlich nur in ein anderes Flugzeug wechseln wollte. „Als ich in Spanien gelandet bin, wollte die Polizei dann aber meine ’Einladung’ sehen, aber ich hatte sie nur auf Deutsch dabei. Ich habe meine Tante angerufen und sie wollte es der Polizei auf Spanisch schreiben, aber das hat auch nicht geholfen. Die Polizei hat mich dann mitgenommen, ich habe mich gefühlt wie eine Verbrecherin, aber ich habe ja gar nichts gemacht. Ich habe sie gefragt was sie mit mir machen und wohin sie mit mir gehen, aber habe keine Antwort bekommen und wurde einfach wieder in ein Flugzeug gesetzt. Ich wusste nicht einmal wohin es ging“, so Angela. Im Flugzeug hat sie dann gesehen, dass es nach Bogota geht – also wieder zurück nach Südamerika. Aufgeben kam für die selbstbewusste junge Frau jedoch nicht infrage und so hat sie mit finanzieller Unterstützung ihrer Tante ein neues Flugticket für die Woche darauf gebucht. „Es gibt in Venezuela nicht viele Möglichkeiten sein Geld anzusparen, weshalb ich mir das eigentlich nicht leisten konnte noch ein Ticket zu kaufen“, gibt Angela zu, doch mit Unterstützung ihrer Verwandtschaft in Deutschland schaffte sie es schließlich hierher zu kommen.

Anfangs war das Leben in Deutschland natürlich komplett anders, im Vergleich zu dem was sie zuvor erlebt hatte, so Angela: „Es war alles neu und die Sprache fiel mir schwer, ich habe vorher kein Wort Deutsch gesprochen und wenn ich abends nach Hause gekommen bin, hat mir der Kopf wehgetan und ich war nur noch müde von der neuen Sprache in meinem Kopf.“

Während Angela sich nach Ausbildungen umschaute, fand sie Möglichkeiten eine Ausbildung beim Bäcker, als Hotelfachfrau oder eben als Altenpflegerin zu machen, wobei ihr klar war, dass sie gerne einen sozialen Beruf ausüben möchte.

Ihre Ausbildung macht sie jetzt im Seniorenzentrum „Phönix“ in Igersheim.

„Mein Chef hat mich sehr unterstützt, auch bei meinem Visum und den Papiersachen, das hat mir sehr geholfen hat“, so Angela. Mit Beginn ihrer Ausbildung konnte sie ihre Deutschkenntnisse durch viele Gespräche mit ihren Kollegen und Klassenkameraden, aber auch mit Hilfe ihrer Tante und ihrem Onkel, die beide Lehrer sind, sehr verbessern und nun spricht sie nach knapp zwei Jahren schon fließend Deutsch. Mit ihrer Ausbildung erlernt sie einen Beruf, der im Moment mehr als gebraucht wird, denn den Mangel an Pflegepersonal bemerkt sie jetzt schon deutlich.

Wenn man sich Zahlen des Statistischen Bundesamtes anschaut, sieht man, dass Deutschland immer älter wird und dadurch der Bedarf an Pflegepersonal kontinuierlich ansteigt.

Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln könnten in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307 000 (!) Pflegekräfte fehlen.

Vom Beruf überzeugt

„Ich habe mitbekommen, dass viele Leute keine Lust auf die Pflege haben und dass es zu wenige Leute gibt. Der Beruf wird hier nicht angesehen, aber ich finde ihn echt schön und man muss zwar Geduld mit den Menschen haben, wenn man arbeitet und sie verstehen, aber dann ist es wirklich schön“, meint Angela, die überzeugt von dem Beruf ist, den sie erlernt und trotzdem weiß, dass es nicht einfach werden wird – aber es gefällt ihr.

Vom Wecken der Bewohner am Morgen bis hin zum Waschen, Pflegen und Bespaßen der Menschen macht es ihr Freude und sie weiß mittlerweile wie sie sich zu verhalten hat. Ihre Mutter und ihre Geschwister wohnen inzwischen in Kolumbien, Angelas größter Wunsch ist deshalb, so viel Geld wie möglich zu sparen, um ihre Familie nach dieser langen Zeit wiedersehen zu können, „das schaffe ich aber wahrscheinlich erst nach der Ausbildung, weil die Flugpreise in den Ferien so verrückt teuer sind“.