Igersheim

Von Italien nach Deutschland übergesiedelt So einfach funktioniert Europa / Einige Zufälle und glückliche Umstände / Schnelle Integration dank Hilfe

Igersheim der Stadt Mailand vorgezogen

Seit langer Zeit hat man den Eindruck, dass nur noch gemeckert und geschimpft wird über das Konstrukt „Europa“. Wie schön, dass es noch echte Erfolgsgeschichten gibt.

Igersheim. Für Chiara Comolli, ihren Mann Roberto Ghidelli und die drei Töchter waren die letzten Jahre ziemlich turbulent. Mehrere Umzüge mussten bewältigt werden, ein Haus musste gebaut und schwierige Entscheidungen getroffen werden. Jetzt sind sie endlich angekommen: in Igersheim, der Wohlfühlgemeinde.

Aber der Reihe nach: Roberto Ghidelli arbeitete seit 2008 für die Firma Wittenstein in seiner Heimatstadt Mailand. Im Rahmen eines Austauschprogrammes wechselte er für zwölf Monate in die Zentrale nach Harthausen. Zusammen mit seiner Frau und den Töchtern Ilaria, Martina und Alice, die damals zwei, vier und fünf Jahre alt waren, lebte er in Igersheim und stellte fest, dass das Leben hier auf dem Land gerade für die Kinder einige Vorteile bot. Nachdem der Aufenthalt bis August 2015 verlängert wurde, ging es dann zurück nach Mailand in die alte Heimat.

Mailand ist schön, aber. . .

Roberto erinnert sich: „Es war sehr schön, dass wir wieder daheim in unserer Heimat waren und unsere Familie und Freunde treffen konnten. Und das kulturelle Leben ist natürlich schon bemerkenswert.“ Sie stellten allerdings auch schnell fest, dass es da Einschränkungen gab, die sie in Igersheim nicht hatten.

Chiara: „Es war nicht mehr möglich, dass unsere Kinder alleine etwas unternehmen konnten. Sie mussten zur Schule gebracht und abgeholt werden, genau wie zu den Treffen bei Freundinnen oder anderen außerschulischen Aktivitäten. Richtig bewusst wurde es uns, als ich mit den Kindern auf dem Spielplatz war und eine von ihnen schnell zu den Großeltern gehen wollte. Als ich es ihr erlaubte, sagte mir eine Freundin, die in Mailand als Polizistin arbeitete, dass das nicht ginge. Ich müsse mit gehen und könne sie nicht alleine die wenigen hundert Meter laufen lassen, das sei zu gefährlich.“

In einer Familiensitzung wurde dann beraten, wo man denn in Zukunft wohnen wolle. Einstimmiges Votum der Kinder: Igersheim!

Gute Planung und einige Zufälle gingen bei dem Projekt „Umzug“ dann Hand in Hand. So hatte Roberto Ghidelli, als die Familie Deutschland verließ, einen Bauplatz in Igersheim reservieren lassen. „Ich kann bis heute nicht sagen, warum ich das gemacht habe. Wir hatten eigentlich gar nicht vor wieder zurück zu kommen“, meint er kopfschüttelnd. Und dann ging alles ziemlich schnell. Innerhalb von zwei Wochen musste er sich dann 2016 entscheiden, ob er den Bauplatz endgültig wolle und ob er einen Vertrag bei Wittenstein in Harthausen unterschreibt.

Im Juli 2016 war der Vertrag unterschrieben, das Grundstück gekauft und das Haus bestellt. Auch da half der Zufall kräftig mit. Nach gründlicher Recherche hatte sich das Ehepaar auf einen Anbieter geeinigt und dessen italienische Niederlassung war, wie hätte es auch anders sein können, in Mailand.

Einigermaßen verdutzt reagierte der Verkäufer dort schon, als sie ihm sagten, sie möchten ein Haus von ihm kaufen, allerdings solle das in Igersheim stehen und müsse zwingend bis Ende März 2017 stehen. Den Wettlauf mit der Zeit gewann die Familie dann auch, allerdings musste bis zum Schluss gezittert werden.

In der letzten Woche des März war das Haus fertig, die Familie zog ein, Roberto Ghidelli trat pünktlich zum 1. April seinen neuen Job an und die Töchter erschienen im Kindergarten und der Schule. Wobei der Begriff „fertig“ für das Haus so ganz nicht stimmte. Chiara Commolli: „Als wir ankamen, war der Fußboden fertig und das Bad. Die Wände waren ohne Tapeten, es war keine Küche da und es gab auch sonst noch viel zu tun. So verbrachten wir eben die ersten Nächte auf unseren Luftmatratzen. Wenn wir heute dran denken und die Bilder sehen, müssen wir echt lachen.“

Konsequenter Weg

Mit dem Umzug hat sich viel für die Familie verändert. Vor allem für die Kinder ist es ein echter Gewinn, dass sie jetzt wieder ihre Freundinnen besuchen können, ohne dass Mama oder Papa sie bringen müssen. Dass sie mit dem Rad ins Deutschorden-Gymnasium und die Grundschule fahren können oder auf der Straße spielen.

Hilfreich war auch, dass sie in der Zeit in Mailand weiter auf die deutsche Schule gingen, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sie ihre Sprachkenntnisse wieder verlieren. Ihre Mutter hatte gleich zu Beginn in 2014 etwas sehr Kluges gemacht: Sie bat um Hilfe. „Ich rief im Rathaus an und sagte, dass wir Hilfe bei der Integration brauchen. Ingrid Kaufmann-Kreusser setzte sofort alle Hebel in Bewegung, um uns die Eingewöhnung leicht zu machen“, freut sich Chiara Commolli heute noch. Und wer Ingrid Kaufmann-Kreusser kennt, der ahnt, wie engagiert sie sich der Sache annahm. Zunächst gab es Tipps, was die Mitgliedschaft in Sportvereinen, der Kontakt zu Schulen, Sprachkurse in der Volkshochschule und so weiter anging und dann sorgte sie dafür, dass einmal in der Woche eine ehrenamtliche Helferin die Familie besuchte, um sie über deutsche Gesetze, Mysterien und Gepflogenheiten aufzuklären. So beispielsweise über die hohe Kunst der Mülltrennung und den Brauch an Fasching andere Menschen mit Bonbons zu bewerfen.

Dank dieser Tipps und Hilfestellungen gelang die Integration rasch. Heute machen die Kinder Leichtathletik im Verein, reiten gelegentlich, lernen verschiedene Musikinstrumente und haben viele Freundinnen gefunden beziehungsweise wiedergefunden. Auch für ihre Mutter hat sich viel geändert. Eigentlich ist sie Ingenieurin und hat Informatik studiert. Nun aber erfüllt sie sich ihren Traum und ist im Anerkennungsjahr zur Erzieherin.

Sieht also so aus, als hätten alle ihr Glück gefunden. Eine Frage beschäftigt uns dann aber doch noch und die stellen wir den Kindern: „Fühlt ihr euch jetzt eher als Deutsche oder als Italienerinnen?“ Nach kurzer Überlegung geben sie dann unisono eine simple Antwort: „Wir fühlen uns als Deutsche und als Italienerinnen!“

Und so hatten sie auch kurzerhand bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 T-Shirts bemalt, auf denen ein Herz zu sehen ist, dass je zur Hälfte mit den italienischen und deutschen Farben gefüllt war und fieberten mit beiden Teams mit.