Hohenlohe-Franken

Denkmalpflege als Bürgerbewegung Bei Gründung der Stiftung Kulturerbe Bayern spielt Rothenburgs Judengasse eine wichtige Rolle

Zwischen Erhalt und Nutzung

Ein Schritt zur Erreichung des großen Zieles einer Bayerischen Kulturerbestiftung, die im Herbst gegründet werden soll, ist getan. In Rothenburg fand die bayernweite Auftaktveranstaltung statt.

Rothenburg. Das Referenz-Projekt Judengasse 10 stand bei diesem Auftakt erneut im Blickpunkt. Es geht darum, eine breite bürgerschaftliche Beteiligung zu erreichen.

In einer unterhaltsam-informativen Mischung aus Podiumsgespräch, kurzen Videobeiträgen und sachkundigen Informationen wurde den interessierten Bürgern das große Vorhaben einer Bayerischen Nationalstiftung vermittelt wie sie aus dem erst seit drei Jahren bestehenden ehrenamtlich getragenen Verein entstehen soll. BR-Moderatorin Birgit Roßhirt führte in der Reichsstadthalle durchs Programm einer Veranstaltung wie sie ähnlich dann in allen Regierungsbezirken stattfinden wird.

Unterstützung für „Sorgenkind“

Die Rothenburger freuen sich, dass für das denkmalpflegerische „Sorgenkind” Judengasse 10 nun landesweit Unterstützung gesucht wird. Unter dem Titel „Eine lebendige Zukunft für einen notleidenden Schatz“ wird das von 1409 stammende lange zerfallsbedrohte Haus mit der jüdischen Mikwe (Ritualbad) und einer wertvollen Bohlenstube in eigenen Broschüren vorgestellt. Die geschätzten rund 800 000 Euro gilt es nun gemeinsam aufzubringen. Bereits im April haben Kulturerbe Bayern und Alt-Rothenburg vereinbart, dass die künftige Stiftung die Judengasse 10 erwirbt und zusammen mit Alt-Rothenburg herrichtet.

In der Gesprächsrunde machte Kulturerbe-Vorsitzender Johannes Haslauer deutlich wie wichtig es war, dass es im örtlichen Verein für Denkmalpflege einen hervorragenden Partner gibt. Nicht ohne Grund ist Alt-Rothenburg-Vorsitzender Dr. Markus Naser jetzt auch der Kulturerbe-Beauftragte für Mittelfranken.

Die Frage an den Oberbürgermeister, warum die Stadt nicht schon vor Jahrzehnten die Bedeutung des Judengassenhauses erkannt und gehandelt habe, beantwortete Walter Hartl mit gescheiterten Ankaufverhandlungen beim früheren Eigentümer. Der Stadt fehlten angesichts der vielen denkmalpflegerischen Aufgaben leider die Mittel um ein solches Haus eigenständig zu sanieren, aber: „Wir werden sicher kooperativ sein”, Rothenburg profitiere ja von „diesem Schmuckstück” der jüdischen Stadtgeschichte. Dass die Kulturerbe-Stiftung vom Freistaat Bayern eine halbe Million Euro als Starthilfe erhält ist wesentlich, um überhaupt anfangen zu können, denn schließlich möchte man noch weiteren bedrohten Denkmälern eine Zukunft geben. Von diesem Grundstock wird jedoch nichts für die Judengasse 10 abgezwackt. Da ist man auf Leute wie Gründungsstifterin Ursula Beyer aus Oberbayern angewiesen, die spontan 25 000 Euro „aus Überzeugung” in das Rothenburger Objekt fließen läßt. Oder Gründungsstifter Alexander von Hornstein, der darauf hinwies, dass man ab zehntausend Euro Einlage schon Gründungsstifter werden könne.

„National Trust“ als Vorbild

Das Stiftungsvermögen wird für Erwerb und dauerhaften Erhalt von Kulturgütern, die Qualifikation der ehrenamtlichen Mitarbeiter und die Werbung für das Anliegen eingesetzt.

Kurze BR-Filmbeiträge zeigten herausragende Beispiele gelungener Sanierungen. Dass auch Parkanlagen und Gärten zu Kulturerbe-Projekten gehören sorgt für weitere Bezüge zu Rothenburg, das sich gerade für die Besucher als „pittoreske Stadt in Gärten und Architektur“ positioniert. Am Podium versicherte Karl-Heinz Enderle von den Altstadtfreunden Nürnberg (die 6000 Mitglieder zählen), die Bereitschaft zum Miteinander mit der neuen Kultur-Organisation.

Es sei oft „ein Spagat“ zwischen Erhaltung des Denkmals und zeitgemäßen Anforderungen des Eigentümers zu einer Lösung zu kommen, antwortete Landtagsabgeordneter Andreas Schalk auf eine Frage. Manchmal werde Denkmalschutz gar als lästig angesehen. Historische Bauten seien aber identitätsstiftend, hätten mit Heimatgefühl und der Bewahrung des Charakters von Ortschaften in Bayern zu tun.

Der ehemalige Landtagspräsident Johann Böhm lobte das bayerische Denkmalschutz-Gesetz, die Politik mache viel, aber entscheidend sei letztlich doch das bürgerliche Engagement. Es müsse das Gefühl in der Bevölkerung entstehen, „das ist unsere ureigene Aufgabe und nicht Sache des Staates“. Was in England in hundert Jahren mit dem „National Trust“ gelungen ist, habe auch in Bayern mit der neuen Kulturerbe-Stiftung Chancen.

Das Kulturerbeprojekt ist auf gutem Wege, dabei wird das Vorhaben professionell angegangen. Und es lebt schon jetzt von der Leidenschaft Einzelner. Auf einer sachkundigen Führung durchs Sanierungsobjekt Judengasse 10 wurde deutlich, dass die Rettung in letzter Minute kommt. Auf diesen „ersten Schützling“ sollen bald weitere folgen, wenn es gelingt aus dem Denkmalschutzbemühen eine regelrechte Bürgerbewegung zu machen. Damit sollen bedrohte Kulturgüter für weitere Generationen lebendig bleiben.