Hohenlohe-Franken

Politik Wilde Diskussionen rund um die Absage einer AfD-Veranstaltung in Mainhardt / Familie „Opfer der Entwicklungen“

Wirtsleute zwischen den Mahlsteinen

Archivartikel

Das Mainhardter Wirtsehepaar Benzinger schildert, was sich rund um die Absage einer AfD-Veranstaltung abspielte. Kurt Möller kritisiert „verächtlich machende Darstellung“.

Mainhardt. Ein Wort auf Facebook brachte für Claudia und Martin Benzinger das Fass zum Überlaufen. Eine „Nazikneipe“ sei der Mainhardter „Waldblick“. „Das tat weh“, sagt Claudia Benzinger, „das sind wir ganz sicher nicht“. Sie sitzt neben ihrem Mann im „Waldblick“. Seit ihrem zehnten Lebensjahr arbeitet die jetzt 51-Jährige dort, seit 2003 in eigener Verantwortung. Benzingers sind in Mainhardt angesehen, die Vesperstube wird gerne aufgesucht. Bislang jedenfalls.

Derzeit ist’s ruhiger, berichtet die Wirtin auf Nachfrage. Doch im Moment geht es ihr weniger um die Auslastung als darum, eine Diskussion anzustoßen. „Wir müssen miteinander reden und darauf achten, wie wir anständig miteinander umgehen.“ Sie und ihr Mann wirken abgeklärt. Sie haben zwei Wochen intensiver Diskussionen hinter sich, die „an die Substanz“ gingen. „Das ist unheimlich kräfteraubend.“

Auf Whatsapp ging’s ab

Am 20. Februar war im Waldboten, dem örtlichen Amtsblatt, eine Anzeige erschienen, dass in der Pension ein AfD-Stammtisch mit Udo Stein abgehalten werde. „Mit Whatsapp fing’s an“, so Benzinger. „Das war am Donnerstagmorgen. Ich hatte nicht mitbekommen, was in Hanau war.“ In Hanau hatte am Tag zuvor der 42-jährige Tobias Rathjen zehn Menschen aus rechtsradikalen Motiven ermordet. Neun der zehn Ermordeten hatten einen Migrationshintergrund.

Auf ihrem Smartphone las Benzinger irritiert die Nachricht eines langjährigen Gastes. „Du kennst doch die Geschichte meiner Mutter. Und Ihr gebt der AfD eine Plattform.“ In der Pension lag der Waldbote noch nicht im Briefkasten, deshalb dämmerte der Wirtin erst nach und nach, was los war. Derweilen „ging’s auf Whatsapp ab“.

Bei Benzingers treffen sich mehrere Stammtische. Um die Termine abzustimmen, sind auch die Wirtsleute Teil der App-Gruppen. Es wurde wild diskutiert, es gab auch emotionale Bekundungen wie „Es grüßen Biedermann und die Brandstifter“. „Bei mir ging’s dann am Telefon weiter“, so die Wirtin. Anrufer schilderten ihre Enttäuschung.

Eine Frau forderte, die Bilder des Stammtisches abzuhängen. „Ist dir das nicht aufgefallen?“, fragte die Frau und sagte, dass der Stammtisch bereits seit Mai 2019 seltener bei Benzingers eingekehrt sei. Damals hatte die AfD im Waldblick den Auftakt zum Kommunalwahlkampf begangen.

„Ich nahm die Fotos aus der Homepage raus, hängte die Bilder ab. Bei uns war nicht angekommen, dass der Stammtisch deshalb weniger bei uns war“, erzählt Benzinger. Im Nachhinein sei sie froh, dass die Frau sie angerufen habe und persönlich auf sie zukam. „Ich bin nicht bös’. Freilich schluckt man im ersten Augenblick.“

Aus Vereinen ausgetreten

Martin Benzinger schildert, wie’s weiterging: „Wir sind aus allen Vereinen ausgetreten.“ Der Grund: „Die Vereine sollen ihre Vorstandssitzungen abhalten können, wo sie wollen“, erklärt seine Frau, keiner soll sich verpflichtet fühlen, bei ihr einzukehren. Zwei Tage später gab es klärende Gespräche mit den Vereinsvorsitzenden. Die Austritte wurden zurückgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die Zeitung über die Absage berichtet. Claudia Benzinger: „Ich bin von Mainhardtern angesprochen worden. Es gab viel Zuspruch, dass es gut ist, an diesem Abend ganz zuzumachen.“

Mit dem Abstand kam die Aufarbeitung. Der Mainhardter Kurt Möller, der den Nebenraum des Waldblicks für die AfD gebucht hatte, protestiert auf den Zeitungsbericht: „Ich selbst habe, dafür gibt es Zeugen, die Wirtin wegen der geplanten Veranstaltung kontaktiert und nach einer Woche die Zusage erhalten.“ Es sei ganz klar gewesen, dass es eine AfD-Veranstaltung sein werde. Claudia Benzinger, die gegenüber der Zeitung gesagt hatte, es sei lediglich von einem privaten Stammtisch des Gastes die Rede gewesen, sagt, das habe sie vielleicht nicht mitbekommen. „Möglicherweise ist das zwischen Bedienen, Spülen, Kassieren untergegangen.“ Erinnern kann sie sich an die Aussage: „Den Stammtisch haben wir sonst in Bühlerzell. Dann müssen wir nicht so weit fahren.“ Ihr Mann sagt: „Wir können ja zwei und zwei zusammenzählen.“ Ihnen sei schon klar gewesen, dass die AfD komme. „Wir sind davon ausgegangen, dass es ein interner Stammtisch ist. Wir wussten nicht, dass dazu öffentlich eingeladen worden ist.“ Weil in der Anzeige im Waldboten zudem der Veranstaltungsort, die Pension Waldblick, zentral in der Mitte platziert war, seien einige Mainhardter davon ausgegangen, die Gastwirte würden zu der Veranstaltung einladen.

In der Gemeinde ist die Diskussion inzwischen abgeflaut. Kurt Möller betont: „Mir liegt sehr da ran, die Wirtin aus dem unerfreulichen Geschehen herauszuhalten. Auch sie ist ein Opfer der Entwicklung.“ Er kritisiert eine „verächtlich machende Darstellung“ des Sachverhalts und einen unfairen Umgang mit der AfD. Bürgermeister Damian Komor und die stellvertretenden Bürgermeister Simon Müller, Tilman Schoch und Wolfgang Feuchter bitten „alle Beteiligten, aufeinander zuzugehen“. Es brauche einen „konstruktiven Dialog“, der „geprägt ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung“. Das sehen auch Benzingers so. Sie machen sich Gedanken, ob ein Boykott der richtige Weg ist. „Wie soll ich jemandem ansehen, in welcher Partei er ist? Und wie soll ein Metzger oder ein Tankwart reagieren?“