Hohenlohe-Franken

„Sensationelle Sichtung“ In der Nähe von Frankenhardt läuft einem Jäger ein Waldrapp über den Weg

Österreicher „Attila“ ließ sich’s gutgehen

Archivartikel

Der Waldrapp ist in Europa im 17. Jahrhundert ausgestorben. Mithilfe von Programmen soll er wieder angesiedelt werden. Ein Tier wurde nun in Spaichbühl bei Frankenhardt gesichtet.

Frankenhardt. Einer der seltensten Vögel der Welt, der seit Jahrhunderten in Mitteleuropa ausgestorben ist, wird in Frankenhardt, südwestlich von Crailsheim, gesichtet? Klingt zunächst unwahrscheinlich oder nach einer Verwechslung – das dachte sich auch Jäger Martin Gschwind aus Oberspeltach. Als er das Tier bei Spaichbühl sieht, hält er es zuerst für einen Schwarzstorch, doch der zweite Blick verrät: Es handelt sich um einen Waldrapp.

Als Jagdpächter kennt Gschwind die Felder um Spaichbühl, jeden Morgen fährt er die Umgebung ab. Am 29. Juni bemerkte er Folgendes: Auf der rechten Wiese, von Gründelhardt aus kommend, oberhalb des Taubbachs, saß etwas Schwarzes. „Ich dachte erst, das wäre eine Katze“, berichtet der Jäger. Er fuhr weiter, den Blick immer wieder auf die vermeintliche Katze gerichtet. Erst als zwei Krähen daneben landeten, wurde Gschwind stutzig. Aus einer Entfernung von rund 400 Metern zückte er schließlich sein Fernglas, um das Tier besser erkennen zu können. Ihm wird klar: „Das ist doch keine Katze, das ist ein Vogel“, erzählt er.

Die nächste Annahme war dann, dass es sich um einen Schwarzstorch handeln musste. Immerhin sieht dieser mit seinem schwarzen Federkleid und dem langen roten Schnabel dem Waldrapp ähnlich. Doch die langen Beine des Storches fehlten. Mit dem Zielfernrohr seines Gewehrs schaute Gschwind noch einmal genauer hin. „Er hatte keine Federn am Kopf, das kann nur der Waldrapp sein“, vermutet er. „Ich dachte, das glaubt mir doch keiner.“

Damit er seine Sichtung beweisen konnte, wollte er ein Foto des Vogels schießen. Da dachte der Jäger direkt an seinen Schwager und Hobbyfotografen Reinhard Hassel aus Oberspeltach. Um 9.30 Uhr ruft Gschwind ihn mit der Bitte an, nach Spaichbühl zu kommen. Hassel hatte vorher noch nie von einem Waldrapp gehört. „Der dachte erst, ich meine den Nachtkrapp“, erzählt der Jäger und lacht. „Mir war der Vogel gar nicht bekannt, ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es den gibt“, so Hassel.

Als er das erste Mal nach Spaichbühl fährt, um das Tier zu fotografieren, ist es schon weggeflogen. Erst beim zweiten Versuch, um kurz nach zehn Uhr, gelingt es schließlich. Aus der Nähe fällt Gschwind dann der Sender auf dem Rücken des Tieres auf, „der ist bestimmt aus einem Auswilderungsprojekt“, so seine Annahme.

Und tatsächlich: Das Vogelmännchen, das den Namen Attila trägt, stammt aus dem Projekt des europäischen Waldrappteams. 2017 schlüpfte er im Brutgebiet Kuchl im Salzburger Land, berichtet Anne-Gabriela Schmalstieg. Aktuell kümmert sich das Team um knapp 120 Waldrappe in den Kolonien im bayerischen Burghausen und in Kuchl. Das konkrete Ziel des Projekts: Der Vogel soll in Europa wieder angesiedelt werden.

Denn während der Waldrapp einst in Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Österreich, Spanien und im Westen des Balkans beheimatet war, starb der Vogel im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa aufgrund intensiver Bejagung aus. In freier Wildbahn leben aktuell nur noch wenige Vögel – 2019 waren es etwa 700 in Marokko und rund 250 halbwild in der Türkei.

Die Wiederansiedlung scheint erfolgreich: In den beiden Kolonien haben sich Brutgebiete etabliert und die Waldrappe brüten dort seit mehreren Jahren, erzählt Schmalstieg. Heuer haben die Tiere dort rund 30 Küken großgezogen, die momentan schon flügge werden. Im Brutgebiet Überlingen am Bodensee sind auch erstmalig geschlechtsreife Waldrappe aus dem Wintergebiet in der südlichen Toskana zurückgekehrt. Dort wird es die erste Brut voraussichtlich im kommenden Jahr geben.

Als Zugvogel folgte Attila während der Herbstmigration 2017 seinen Artgenossen nach Italien. Die meiste Zeit verbrachte er dann in Ortobello, erst im März dieses Jahres startete er Richtung Norden. Im Juni kam er dann in Frankenhardt vorbei. Mit der App „Animal Tracker“ des Waldrappteams lässt sich die Route des Vogels genau verfolgen.

Drei Tage lang hielt er sich dort auf. Zwischen dem 27. und dem 29. Juni blieb das Tier in der Umgebung, traute sich teilweise sogar in die Ortsmitte Spaichbühls. Dieses Verhalten sei auffällig, so Martin Zorzi vom Umweltzentrum Schwäbisch Hall. „Es scheint ein attraktiver Platz zu sein“, vermutet er. Das bestätigt Schmalstieg vom Waldrappteam: „Er hat dort in der Gegend ergiebige Futterwiesen gefunden und dann ist es normal, dass er sich längere Zeit an einem Ort aufhält.“

Als Nahrungshabitat bevorzugt der Waldrapp Grünland oder landwirtschaftlich genutzte Flächen, weiß Schmalstieg. Auch in Spaichbühl wird die Wiese, auf der sich Attila befand, landwirtschaftlich genutzt. Gschwind berichtet, dass ein Traktor auf der Wiese fuhr, als der Vogel dort saß. Dieser näherte sich dem Tier, ohne dass es floh. Als das Fahrzeug rund zehn Meter vor Attila stand, flog er schließlich auf und landete wieder direkt hinter dem Traktor.

Dass er so ruhig blieb, sei für Waldrappe ein gewöhnliches Verhalten, so Schmalstieg. „Da sie bewirtschaftete Wiesen generell für ihre Nahrungssuche nutzen, sind sie Traktoren gewöhnt und die Fluchtdistanz ist dementsprechend gering. Durch die Gewöhnung haben sie gelernt, dass in der Regel keine Gefahr besteht und sie ihre Futtersuche normal fortsetzen können.“

Nach seinem Aufenthalt in und um Spaichbühl flog Attila weiter. Zunächst hielt er sich noch zwei Tage bei Mittelfischach auf, bevor er schließlich am 1. Juli in die Nähe von München und am 5. Juli wieder ins Brutgebiet nach Burghausen reiste. Hier ist er auf seine Artgenossen getroffen. Seine Ankunft war jedoch verspätet: Zwar ist er mit seinen drei Jahren bereits geschlechtsreif – es kann aber sein, dass Waldrappe nicht gleich im ersten Jahr der Geschlechtsreife brüten und später im Brutgebiet eintreffen, erläutert Schmalstieg. „Dieses Verhalten hat Attila gezeigt, indem er im März nicht direkt nach Burg hausen geflogen ist, sondern sich erst noch in anderen Gebieten aufgehalten hat.“

Wie Attilas Reise die nächsten Wochen weitergeht, darüber kann das Waldrappteam nur spekulieren. „Warum er sich genau jetzt entschieden hat, ins Brutgebiet zu fliegen, können wir nicht genau sagen“, sagt Schmalstieg. Da die Waldrappe komplett selbstständig sind, entscheiden sie selbst, wann sie wo langfliegen. „Dadurch, dass er jetzt wieder auf Artgenossen getroffen ist, wird er sich sehr wahrscheinlich bis zum Start der Herbstmigration dort oder in der Gegend bei den anderen Waldrappen aufhalten“, vermutet sie.

Standortgebunden ist er ohne Nachwuchs nicht, trotzdem sind ihm das Brutgebiet und die anderen Vögel besonders vertraut. Schmalstieg: „Waldrappe sind sehr soziale Vögel. Sie suchen den Kontakt zu ihren Artgenossen.“ Vorerst wird Attila also nicht nach Frankenhardt zurückkehren – einen bleibenden Eindruck hat er trotzdem hinterlassen. „Für uns ist es hier in der Gegend toll, so einen Vogel zu sehen“, findet Gschwind. Auch Zorzi ist begeistert: „Die Sichtung ist wirklich sensationell.“ jwo