Hohenlohe-Franken

Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall Literaturkritiker Denis Scheck liest aus seinem Buch „Kanon“

„Literatur hat mich alles Verkorkste überstehen lassen“

Live, amüsant vorgetragen und mit launischen anekdotischen Anmerkungen gewürzt, erfahren die Zuhörer in der Kunsthalle Würth, was Denis Scheck aktuell zu lesen empfiehlt. Der Literaturkritiker kommt direkt von der Fernsehaufzeichnung „druckfrisch“ nach Schwäbisch Hall und plaudert aus dem Nähkästchen.

Bevor es konkret wird, stellt er die Frage: „Warum soll man überhaupt lesen?“ Seine Antwort: Wir verstehen die Welt besser und finden uns besser zurecht. Durch Bücher können wir tausend Leben führen und erfahren, was unsere Vorfahren gedacht haben. Unser Blick geht hinaus in die Welt, und Lesen ist damit ein Fluchtmittel aus dem öden Gefängnis des Alltags. Eigene Charakterschwächen und Vorurteile offenbaren sich.

Der Blick geht in die Welt

Denis Scheck beschreibt, wie ihm Literatur das Leben gerettet hat: „Sie hat mich alles überstehen lassen, was verkorkst war in meiner Kindheit, meinem Elternhaus, meiner Schulzeit: Ablehnung, Einsamkeit und Liebeskummer, die beruflichen und privaten Enttäuschungen.“ Auch heute kann man lesend lernen, dass Enttäuschungen, Niederlagen und Zurückweisungen der Normalfall sind.

Der Literaturkritiker spottet über das Klagelied über den Verfall der Lesekultur und sieht in den Autoren Elfriede Jelinek, Herta Müller, Daniel Kehlmann, Juli Zeh stattdessen eine Blütezeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Weg mit dem Gejammer „Früher war alles besser“ oder mit Loriot gesprochen: „Früher hing mehr Lametta am Baum der Literatur.“ Wurden in der Vergangenheit die Pausenbrote der Schulkinder etwa in Kafka-Parabeln eingewickelt oder in der Tagesschau Hölderlin-Oden vorgelesen?

Radikale Nichtleser

Schauen wir trotzdem der Wirklichkeit ins Auge. Gut ein Drittel der Deutschen sind radikale Nichtleser. Schuld haben wahrscheinlich die derzeitigen Verblödungsangebote und Computerspiele, die sozialen Netzwerke, Zeitknappheit und mangelnde Konzentrationsfähigkeit.

„Die Gesellschaft schrumpfender Leserschaft ist mir peinlich, und ich reagiere auf diesen statistischen Befund mit Ekel und Widerwillen. Ich bin ungern unter Menschen, die nicht lesen.“

Gute Literatur muss weiterhin zur Kultur gehören. Und humorvoll ergänzt Scheck: „Keine Stimme für Nichtleser wäre da schon ein guter erster politischer Schritt. Kein Sex für Nichtleser noch effektiver.“

Einen Großteil der problemorientierten Jugendliteratur findet er so unaussprechlich öde und schlägt stattdessen einen „wilden“ Kanon vor, der weder Sprach- noch Genregrenzen respektiert. Ganz bewusst steht Astrid Lindgrens größenwahnsinniger Karlsson vom Dach am Anfang seines Kanons. Auch Donald Duck gehört zu seinen Empfehlungen.

Es gibt in seinen Augen nur einen echten Goldstandard in der Literatur: „Zur Weltliteratur zählt für mich ein Werk dann, wenn es meinen Blick auf die Welt nachhaltig verändert.“ Lesen bedeutet für ihn sogar so viel, dass er dazu immer eine Krawatte trägt.

Auf Nachfragen der Zuhörer, wie Lesen gefördert werden kann, stehen für ihn an erster Stelle die Eltern, die ihren Kleinen Geschichten erzählen und vorlesen sollen. Für die Schulzeit hat er kein perfektes Rezept. Schmunzelnd und ironisch bekennt er sich zur schwarzen Pädagogik: Wenn ein Kind liest, habe es eine Tracht Prügel verdient, „lies das ja nicht!“ Nur durch Verbote wird das Buch interessant.

Der Literaturkritiker hat seine Zuhörer inhaltlich beim Mitdenken gefordert, aber gleichzeitig anregend erzählt und einige Bücher aus „Schecks Kanon: Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ (Piper Verlag) exemplarisch vorgestellt, zum Beispiel Jane Austen („Stolz und Vorurteil“) oder Hypatia.

„Wer ein Autogramm haben will, dem kann ich sein erworbenes Buch durch eine persönliche Unterschrift „entwerten“, so sein letzter Gag an diesem Abend.