Hohenlohe-Franken

Geschichte Mit der Crailsheimer Friedhofskapelle wurden getrenntkonfessionelle Beedigungen aufgehoben / Dolmetsch-Kirche 1901 erbaut

Lange Kitsch, heute große Baukunst

Archivartikel

In der Diskussion um den Bau einer neuen Leichenhalle auf dem städtischen Hauptfriedhof Crailsheim gerät auch die Friedhofskapelle ins Blickfeld. Das repräsentativste Bauwerk wurde 1901 gebaut.

Crailsheim. Der neue Crailsheimer Friedhof wurde Anfang des 20. Jahrhunderts am nördlichen Rand der Stadt angelegt, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung. Wegen der doch recht großen Entfernung zur Innenstadt regten kirchliche Stellen die Errichtung einer Kapelle an.

Im Jahr 1901 wurde sie nach den Plänen des Stuttgarter Architekten Heinrich Dolmetsch erbaut. Der Friedhof löste eigene Begräbnisstätten der Protestanten und Katholiken ab und war der erste bikonfessionelle Friedhof in Crailsheim.

Die Kapelle ist ein breitgezogener Saalbau mit offenem Dachstuhl. Die Raumdisposition mit einem querliegenden Hörersaal erinnert an protestantische Predigtkirchen. Deutlich sichtbar ist der Wunsch Dolmetschs nach Funktionalität: In einer Nische an der Nordwand steht erhöht das Rednerpult, auf dem Platz davor kann der Verstorbene aufgebahrt werden.

Bezug zum Rathausturm

Der Turm der Kapelle ist mittig vor eine Längsseite gesetzt und bildet den Zielpunkt der Blickachse vom Eingang des Hauptfriedhofs. Darüber hinaus nimmt er Bezug auf den Rathausturm, zu dem er in axialer Linie gesetzt ist. Die Einzelformen des Baus verweisen mit spitzbogigen Fenstern und deren Koppelung zu Dreiergruppen auf eine Rezeption frühgotischer Formen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Für die Bevölkerung stellten der neue Friedhof und die neue Kapelle einen wichtigen Markstein dar. Im „Fränkischen Grenzboten“ gab es 1901 Anzeigen zur Einweihung, kurz darauf wurde darüber berichtet:

„Die ganze Anlage des Friedhofes mit der Erwerbung des Grund und Bodens geschah auf Kosten der Stadt und wurden die Arbeiten unter der Leitung des Herrn Stadtbaumeisters Gehring in den letzten 2½ Jahren ausgeführt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf ca. 40.000 Mk.

In der Mitte der Nordseite erhebt sich die weithin sichtbare Friedhofkapelle, welche mit einem Aufwand von ca. 28.000 Mk. nach den Plänen von Oberbaurat Dollmetsch in Stuttgart seitens der ev. Kirchengemeinde erbaut wurde. Dieselbe enthält 150 Sitzplätze und ist durch 2 Wasseralfinger Öfen heizbar gemacht. Die Glocke im Türmchen wurde von Glockengießer Kiesel in Heilbronn gegossen.“

An die Einweihung des Friedhofes mit „zahlreicher Beteiligung der beiden Konfessionsgemeinden“, so der Bericht im Grenzbote, „schloß sich in kurzer Feier die Weihe der Friedhofkapelle durch Ansprache, Gebet und Gesang, über welche aber der Berichterstatter nichts berichten kann, da es ihm nicht möglich war, in dieselbe einzudringen.“ Die Kapelle wurde als „Zierde des Friedhofs“ angesehen.

Mit einem geänderten Architekturverständnis im Verlauf des 20. Jahrhunderts wandelte sich auch die Sicht auf die historistischen Bauwerke Dolmetschs, die nun als „kitschig“ bewertet wurden. Viele seiner Bauten wurden modernisiert, dabei wurden Bemalungen entfernt.

Auch die Crailsheimer Friedhofskapelle wurde in der Nachkriegszeit saniert, damals wurde ihr „ein großer baukünstlerischer Wert“ abgesprochen. Ausstattungsstücke gingen verloren, die Konzeption Dolmetschs im Innern wurde verändert. Ohne Gefühl für die ursprüngliche Architektur wurden das zentrale Nordfenster und die östliche Tür zugemauert.

Fenster geöffnet

Inzwischen wurde das zentrale Fenster wieder geöffnet. Peter und Gabriele Pfitzenmaier haben dafür 2014 ein neues Glasfenster gestiftet. Der frühere Crailsheimer Dekan erklärte am Ewigkeitssonntag in der Kapelle: „Meine Frau und ich haben das Fenster gestiftet, weil uns beiden das Leben nochmals geschenkt wurde, nach einem schweren Autounfall und nach einem Schlaganfall. Wir beide lieben das Sonnenlicht, so wie es an einem klaren Tag über Gottes Schöpfung aufstrahlen kann. […] Davon sollte künftig in den Trauergottesdiensten in der Kapelle mehr sichtbar sein, wenn der Tod schmerzhaft vor Augen ist. Wir wollten das Fenster wieder öffnen lassen, damit Menschen im Blick auf Ostern Trost finden und in ihrer Hoffnung gestärkt werden.“ Der Entwurf stammt vom Crailsheimer Künstler Roland May.

Seit den 1980er Jahren wird der historistische Baustil, dem auch Heinrich Dolmetsch zuzurechnen ist, wieder positiver bewertet. Seither werden Dolmetsch-Kirchen als eigenständige Kunstwerke angesehen und teilweise wieder in den Zustand der Zeit um 1900 versetzt.