Hohenlohe-Franken

Rothenburger Krankenhaus Online-Petition für den Erhalt kleiner Kliniken fehlen bundesweit noch rund 8000 Unterschriften / Begriffs-Verwirrung

Gesundheitszentrum statt „richtiger“ Klinik?

Soll aus dem Rothenburger Krankenhaus ein Gesundheitszentrum werden? Die Debatte um die Zukunft der Klinik ist verwirrend. Auf der Zielgeraden ist derweil eine Online-Petition.

Rothenburg. „Die Hoffnung stirbt zuletzt”, sagt Rothenburgs Oberbürgermeister Walter Hartl auf die Frage nach der Wirksamkeit der Onlinepetition gegen das Krankenhaussterben auf dem Land, die von Rothenburg ausging und nun bundesweit auf ihren Abstimmungserfolg zusteuert. Unterdessen wird vor Ort die öffentliche Diskussion um den Anregiomed-Krankenhausverbund im Landkreis Ansbach von der Frage beherrscht, was man genau unter einem Gesundheitszentrum versteht.

Die Rothenburger und Dinkelsbühler Klinik sollen nämlich in einem solchen Gesundheitszentrum die Zukunft sehen. Aber wäre das überhaupt noch eine Klinik? Gut ein Viertel der Rothenburger Patienten kommt aus dem Württembergischen. Es kommt von allen Seiten landesweit knüppeldick mit Forderungen zu mehr Konzentration im Krankenhauswesen, vielzitiert wird dabei die Bertelsmann-Studie, nach der Experten tabula rasa machen und von noch 1400 Krankenhäusern bundesweit über die Hälfte am liebsten schließen würden. Darin sehen die Politiker vermutlich keine Lösung, doch sie bekommen kräftig Gegenwind von Forderungen wie zum Beispiel der Kassenärztlichen Bundes-Vereinigung. Da werden „intersektorale Gesundheitszentren (IGZ) zur „Transformation kleiner ländlicher Krankenhausstandorte” gefordert.

Auch wenn Anregiomed mit den Verbundkrankenhäusern sich in kommunaler Trägerschaft befindet, so täuscht dies über politische Einflussmöglichkeiten leicht hinweg. Krankenhaus-Verwaltungsratsmitglied Walter Hartl sieht seine Mitwirkung in der Sache begrenzt, denn „die wirklichen Entscheidungen fallen bereits auf Bundes- und Landesebene” sagt der Oberbürgermeister. Dabei werde der Druck durch die Kassen und andere Interessensvertreter immer größer. Natürlich seien Reformen im Gesundheits- und Krankenhauswesen notwendig, es gehe aber um Maß und Ziel.

Vor einem Monat hatte Anregiomed-Vorstand Dr. Gerhard M. Sontheimer in einem Interview von einem „integrierten Gesundheitszentrum” als denkbare Zukunft für die Krankenhäuser Rothenburg und Dinkelsbühl gesprochen, was zu umso mehr besorgten Reaktionen führte. „So kann sich auch der Einstieg in den Ausstieg anhören und aus einem Krankenhaus mit fünf Fachabteilungen eine Großpraxis mit Betten werden” befürchtet der Rothenburger Arzt Jan Overmans.

Das war nur eine zahlreicher kritischer Stimmen, zumal man sich berechtigte Sorge konkret um die Zukunft des „Rothenburger Aushängeschildes Kardiologie” und dann auch noch um die Geburtshilfe (rund 600 Entbindungen jährlich) machen musste. „Die Vakanzen in der Kardiologie Rothenburg sind mit der Einstellung zwei neuer Oberärzte ausgeglichen”, heißt es jetzt auf Anfrage. Auch das Personalproblem bei den Hebammen habe man aktuell im Griff: um nicht mehr vollständig von externen Beleghebammen abhängig zu sein, seien mit mehreren Hebammen und einer Kreißsaalhilfe jetzt Anstellungsverträge geschlossen worden. Inzwischen rudert der Vorstand zurück und betont, das angesprochene Gesundheitszentrum habe überhaupt nichts mit dem IGZ zu tun, wie es die Kassen fordern – nur warum wird es dann so explizit von Dr. Sontheimer ins Gespräch gebracht?

Es gebe eben verschiedenste Interpretationen, heißt es, und Sontheimer spricht vom Trend zu mehr „intersektoraler Vernetzung”. In Gesundheitszentren nach seinem Verständnis finde „ambulante, aber auch stationäre Versorgung durch mehrere zusammengeschlossene Partner statt. Wie umfangreich diese Angebote sind, ist individuell für jeden Standort festzulegen.” Dr. Sontheimer hebt hervor: „Aus unserer Sicht ist der Klinikstandort Rothenburg aus dem Konzept der medizinischen Versorgung nicht wegzudenken!”

Weniger Betten

Davon freilich gehen auch die beteiligten Kommunalpolitiker und der Verwaltungsrat aus, sind aber wachsam und verweisen auf das Entscheidende „Wie”: Bleiben die vorhandenen Fachabteilungen oder wo wird letztlich doch gestrichen und konzentriert? Beschwichtigende Erklärungen und Fakten müssten übereinstimmen. Aufmerksam werden Veränderungen registriert. So der angepasste bayerische Krankenhausbedarfsplan, nach dem seit 1. August 2019 alle Kliniken im Verbund weniger Betten haben.

Ansbach wurde von 400 Betten um zehn Prozent auf 360, Rothenburg um gut acht Prozent von 180 auf 165 Betten und Dinkelsbühl um fast 15 Prozent von 170 auf 145 Betten reduziert. Das mag noch nachvollziehbar mit teils zu niedrigen Auslastungszahlen und der immer kürzeren Verweildauer zusammenhängen. In Rothenburg aber fehlt neuerdings die Elektrophysiologie, außerdem steht das bisherige bewährte Küchenkonzept in Frage.

Es müsse „einfach alles auf den Prüfstand“ stellt Pressesprecher Rainer Seeger fest. Ob der Klinikausstieg aus dem Notarztdienst oder Veränderungen in der 24-Stunden-Bereitschaft der Rothenburger Kardiologie – alles kann sich schnell summieren und das Gesamtangebot schmälern.

Wirtschaftlich gesehen ist bis heute das Schwerpunktkrankenhaus der Versorgungsstufe II in Ansbach das Sorgenkind. Dort wird erheblich investiert. Auf bereits verbaute 70 Millionen sollen die nächsten vier Jahre weitere 100 Millionen Euro folgen. Aus seiner Sicht, so kürzlich ein zuständiger Ansbacher Chefarzt bei einem Prominentenrundgang, sei es Luxus, dass es auch noch in Rothenburg und Neuendettelsau ein Herzkatheter-Labor gibt.

Während sich Vorstand Dr. Sontheimer mit neuen Interpretationen um Schadensbegrenzung zum Begriff des Gesundheitszentrums bemüht, hält der Landtagsabgeordnete und bayerische Patienten- und Pflegebeauftragte Dr. Peter Bauer (Freie Wähler) die Kassenidee vom IGZ sogar für sinvoll, betont aber, es sei trotzdem ein medizinischer Schwerpunkt nötig. Die Online-Petition steuert zügig auf die nötigen 50 000 Unterschriften zu (Stand über 85 Prozent), um damit beim Petitionsausschuss des Bundestages Gehör zu finden. Es wäre ein großer Erfolg für die Initiative des Klinik-Fördervereins Mediroth aus Rothenburg. Aber noch fehlen rund 8000 Unterschriften. Noch in diesem Jahr sind einige Entscheidungen zur Neuausrichtung des Verbundklinkums zu erwarten. Das Anregiomed-Defizit im Jahr 2019 ist auf 9,2 Millionen veranschlagt. Nur die Rothenburger Klinik hatte es über Jahrzehnte noch bis letztes Jahr fertiggebracht, schwarze Zahlen zu schreiben. Und damit seltsamerweise bewiesen, dass klein nicht immer unwirtschaftlich heißen muss.