Hohenlohe-Franken

Kriminalität Fünf junge Männer wegen versuchten Mordes verurteilt / „Abscheuliche“ Messerattacke gegen „Verräter“ im Drogenmilieu

„Ganz knapp an lebenslang vorbei“

Archivartikel

Das Heilbronner Landgericht verurteilte jetzt fünf junge Männer wegen versuchten Mordes an einem 21-Jährigen am Gaildorfer Kieselberg zu Haftstrafen zwischen sechs und 14 Jahren.

Gaildorf/Heilbronn. Die fünf jungen Männer, die am 19. Januar einen vermeintlichen „Verräter“ schwerstverletzt am Gaildorfer Kieselberg zurückließen, haben vom Heilbronner Landgericht Haftstrafen zwischen sechs und 14 Jahren bekommen. Der Schuldspruch lautet bei allen auf versuchten Mord.

An 14 Verhandlungstagen vernahm die 1. Große Jugendkammer eine Vielzahl von Zeugen und hörte zwei Sachverständige. Weggefährten der fünf Angeklagten aus dem Drogenmilieu berichteten von den Verabredungen, die dem „Blutrausch“, wie das Geschehen einmal umschrieben wurde, am Kieselberg vorangingen. Bei einem anderen Termin schilderte die dreiköpfige Familie, die das lebensgefährlich verletzte Opfer auf der B 19 als erste versorgte, ihre erschütternden Erinnerungen. Polizeibeamten beschrieben die Blutspuren am Tatort und die Festnahmen der fünf Täter.

Vier von ihnen waren, nachdem sie ihr 21-jähriges Opfer abends nach 20 Uhr blutüberströmt in eiskalter Nacht am Kieselberg zurückgelassen hatten, von ihrem jetzt mitangeklagten Fahrer nach Fichtenberg gebracht worden. Die beiden älteren Täter wohnten dort. Jeder nahm einen der Komplizen als Schlafgast auf. Der junge Fahrer, der in Gschwend wohnte, fuhr nach Hause.

„Das passiert mit Verrätern“, soll der älteste Angeklagte, ein 32-jähriger Fichtenberger, zu dem Opfer gesagt haben. Diesen Schlüsselsatz sagte er, als er den Schwerverletzten am Kopf festhielt, damit der 22-jährige Haupttäter ihm beide Mundwinkel vier Zentimeter tief aufschneiden konnte. Zuvor aber hatte ihm der Haupttäter so schwere Messerstiche in den Rücken und Bauch versetzt, dass mehrere innere Organe verletzt worden waren. Zusätzlich wurde ihm eine Stelle am Kopf bis auf den Knochen aufgeschnitten. Skrupel waren diesen beiden Angeklagten damals fremd. Sie bekamen die höchsten Strafen: 14 Jahre Gefängnis für den Messerstecher, dreizehneinhalb Jahre für den anderweitig vorbestraften Fichtenberger. Von lebenslanger Freiheitsstrafe sah das Gericht ab, weil die Männer wegen Alkohol- und Drogenkonsums möglicherweise vermindert schuldfähig waren.

„Tickende Zeitbombe“

Der 22-jährige Haupttäter ist von einer Zeugin aus dem Milieu als „tickende Zeitbombe“ bezeichnet worden. Deswegen wurde gegen ihn auch der Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung ausgesprochen. Diese soll nach den Jahren der Haft geprüft werden.

Das dolchartige Messer, das er bei der Tat benutzte, hatte er zu Weihnachten von seinem 23-jährigen Haller Freund geschenkt bekommen. Dieser junge Mann war der Initiator der Vergeltungsaktion. Er sah sich von dem späteren Opfer, mit dem er eigentlich freundschaftlich verbunden war, bei der Polizei verraten. Auch wenn sein Name als Drogenkonsument bei einem anonymen Anruf gefallen war – die Polizei hatte bis zum Tatzeitpunkt keine Ermittlungen gegen ihn aufgenommen. Das Gericht schloss auch hier verminderte Schuld nicht aus und entschied auf eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren.

Der zweite Fichtenberger (27) wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Fahrer – zur Tatzeit noch 20 – bekam eine Jugendstrafe von sieben Jahren. Er war dazugestoßen, weil man ihn als Autofahrer brauchte. Er stand nicht unter Alkohol oder Drogen. Anders als seine Mittäter wies das Gericht ihn auch nicht in eine Drogen-Entziehungsanstalt ein. Die anderen vier sollen vor ihrer Entlassung aus dem Gefängnis für zwei Jahre dorthin wechseln.

50 000 Euro Schmerzensgeld

„Sie sollen wissen, dass jeder von Ihnen fünf nur ganz knapp an einer lebenslangen Freiheitsstrafe vorbeigeschrammt ist“, sagte der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth in seiner Urteilsbegründung. Diese „abscheuliche“ Tat sei von extremer krimineller Energie geprägt gewesen. Das Leben des 21-Jährigen, der durch Narben entstellt sei und vermutlich immer einen künstlichen Darmausgang behalten müsse, sei „komplett zerstört“, so Kleinschroth weiter.

Einen Anfang sehe er, so der Richter, in der Bereitschaft, dem Opfer Schmerzensgeld zu zahlen. Jeder Angeklagte sagte schriftlich 10 000 Euro zu. Die Frist ist allerdings lang: Erst einige Zeit nach der Haft wird die Summe fällig. Der 27-jährige Fichtenberger, der mit sechs Jahren die geringste Freiheitsstrafe bekam, hat über seine Verwandten schon 1000 Euro überweisen lassen. Das Gericht wertete diese Zahlung beim Strafmaß zu seinen Gunsten.

Die Angeklagten haben noch im Gerichtssaal das Urteil akzeptiert. Oberstaatsanwalt Harald Freyer, der für alle Lebenslang gefordert hatte, äußerte sich nicht. Ihm steht das Rechtsmittel der Revision offen.