Hohenlohe-Franken

Landwirtschaft Gaildorfer „Fachgespräch Milch“ offenbart Spannungsfeld zwischen „Marktrealität und Verbraucherwunsch“ / Weltbevölkerung wächst weiter, während Ackerflächen schrumpfen

Erzeuger „müssen jede Gelegenheit nutzen, den Dialog zu suchen“

Gaildorf.Beim Gaildorfer „Fachgespräch Milch“ geht es um Marktpreise und Verbraucherwünsche. Ein Fazit: Es braucht mehr Aufklärungsarbeit. Am Ende wird es dann doch noch emotional: Subventionen für Blühstreifen hinterherhecheln könne ja wohl nicht das Ziel sein, meint ein Landwirt.

Ein anderer fragt sich laut, warum er überhaupt Mitglied im Bauernverband sein solle. Zu diesem Zeitpunkt nähert sich das Gaildorfer Fachgespräch Milch in der Limpurghalle bereits seinem Ende, es ist nach 22 Uhr – und vieles von dem, was an diesem Abend bislang gesagt wurde, findet im Saal ungeteilte Zustimmung. Die Herausforderungen, vor denen die heimische Landwirtschaft steht, sind nicht neu. Viele Themen werden in der jährlichen Veranstaltung des Bauernverbands Hall-Hohenlohe-Rems mit Geschäftsführer Helmut Bleher und Vorsitzendem Jürgen Maurer immer wieder aufs Neue diskutiert. Ein Schwerpunkt in diesem Jahr ist das Spannungsfeld zwischen „Marktrealität und Verbraucherwunsch“. Dabei geht es etwa um all die Wünsche und Vorstellungen, die die Konsumenten mit in den Supermarkt nehmen. Zugespitzt: Bio und Öko sollten die Lebensmittel sein, frei von Gentechnik sowieso, die Tiere aus maximal artgerechter Haltung – und das Ganze sollte dann so wenig wie möglich kosten. Einen Erklärungsansatz für diese Entwicklung liefert Karsten Schmal. Er ist Milchpräsident des Deutschen Bauernverbands, steht dem hessischen Landesverband vor und ist einer von zwei Gastrednern an diesem Dienstagabend in Gaildorf. „Diese Gesellschaft ist so satt, dass Ernährungssicherung überhaupt keine Rolle mehr spielt“, prangert er an. Dabei sei es an der Zeit, sich mit der Realität der landwirtschaftlichen Produktion auseinanderzusetzen: Die Weltbevölkerung wachse immer weiter, während die Ackerflächen zusehends schrumpften. „Wo soll das hinführen?“ Über den Klimawandel und dessen Auswirkungen schlägt er den Bogen zur Ökobilanz deutscher Milchkühe, die im Vergleich zu anderen Ländern spitzenmäßig sei, wenn man die Treibhausgas-Emissionen pro Liter erzeugter Milch rechne.

Ein weiterer Hemmschuh für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Betriebe sei die Menge an Vorschriften, die ein Landwirt inzwischen zu beachten habe. „Wir schießen uns aus dem Wettbewerb raus!“, sagt Schmal. In ganz Hessen würden derzeit nur vier Kuhställe gebaut – Umbauten eingerechnet.

Schneller reagieren

Im Kern hat der Milchpräsident zwei Botschaften: Landwirte seien sehr wohl bereit, Neuerungen in der Tierhaltung und Milcherzeugung mitzutragen. Man müsse ihnen aber finanziell entgegenkommen, statt sie mit den Konsequenzen aus immer neuen Vorschriften allein zu lassen. Zum anderen fordert er, schneller auf Initiativen zu reagieren, um neue Standards mitgestalten zu können, statt sie nur übergestülpt zu bekommen. Trotz aller Skepsis zeigt er sich am Ende seines Vortrags „überzeugt, dass wir auch 2030 in Deutschland noch Kühe melken werden“. Denn: „Wir haben das Know-how!“

Einen etwas anderen Ton schlägt anschließend Josef Vögele an. Angesichts der soliden Verfassung der Milchwerke in der Region spricht der Geschäftsführer des Milchwerks Crailsheim-Dinkelsbühl von einer „komfortablen Situation“ für die heimischen Landwirte. Er präsentiert eine Menge Zahlen zur Preisentwicklung verschiedener Milch- und Molkereiprodukte. Der Milchpreis 2019 sei stabil, wenn auch unter dem Niveau der beiden Vorjahre.

Ein Trend, der nicht unterschätzt werden dürfe: die Nachfrage nach Bio- und Veganprodukten. Dazu zeigt er Folien mit den Wachstumsraten von Mandel- und Hafermilch auf dem Markt. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen“, appelliert er.

In der Diskussionsrunde fordert Verbandsvorsitzender Maurer die Landwirte auf, Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung zu leisten, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo die Lebensmittel herkommen, wie ein Landwirt arbeitet und vor welchen Herausforderungen er dabei steht. „Wir müssen jede Gelegenheit nutzen, den Dialog zu suchen.“ Am Ende beantwortet Karsten Schmal die Frage, weshalb ein Landwirt im Bauernverband Mitglied sein solle: „Weil wir eine starke Interessenvertretung sind. Und jetzt müssen wir da hinkommen, dass wir unseren Bauern nicht immer nur erzählen, was wir verhindert haben – sondern auch mal, was wir erreicht haben!“