Hohenlohe-Franken

Freilichtspiele Schwäbisch Hall Anja Gutgesell ließ am Neuen Globe Marlene Dietrich wieder aufleben

Eine Diva und ihre vielen tiefen Lieben

Über die vielen tiefen Lieben eines Lebens sang Anja Gutgesell am Neuen Globe und ließ Marlene Dietrich wieder aufleben.

Schwäbisch Hall. „Wir sind von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Schwäbisch Hall ist unsere Welt und sonst gar nichts.“ Das letzte Lied des knapp 90-minütigen Programms singt die Soubrette gemeinsam mit „dem Chor von Schwäbisch Hall – hinter dem Globe“, sagt sie und meint die etwa 140 Zuschauer. „Tragen Sie dieses Gefühl bis nach Hause und küssen Sie sich im Dunkeln“, fordert sie die laut mitsingenden oder leise mitsummenden Besucher auf. Und verlässt unter dem berührt wirkenden Beifall die Parkbühne, wie das Podest aus Holzpaletten etwas verwegen genannt wird.

Coronabedingt wird nicht im überdachten Neuen Globe gespielt, sondern „dahinter“, wie Gutgesell sagt. Und hätte es die Not nicht diktiert, hätte man es erfinden müssen – dieses „Dahinter“: kleine Sitzgruppen unter den hohen Bäumen des Stadtparks platziert, jeweils mit einem Tisch und dem nötigen Sicherheitsabstand zu den Nachbargruppen. Die lyrisch anmutende Szenerie erinnert an ein Gemälde von Max Liebermann. Ordnerinnen geleiten die Zuschauer an den Platz und während der Vorstellung gibt’s Getränke von der Bar im Globe. Die betriebswirtschaftlichen Aspekte außen vor gelassen, kann der Eindruck entstehen, die Freilichtspiele haben aus der Not eine Tugend gemacht. Beim Auftritt in Hall wird die Sängerin von Heiko Lippmann am E-Piano begleitet, dem musikalischen Leiter der Freilichtspiele. „Marlene hatte viele Lieben“, erzählt Gutgesell. Immer wieder liest sie Texte der Diva und fetzt die „Lola“ aus dem „Blauen Engel“ so impulsiv und fesch herunter wie das Original. „Marlene hatte viele Herzen und viele Männer, die darin wohnten“, zitiert sie Maria Elisabeth Riva, die einzige Tochter der Dietrich. „Nimm dich in Acht vor blonden Frau’n“ oder „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“: Gutgesell lässt die deutsch-amerikanische Sängerin wieder aufleben und resümiert: „Liebe macht selige Stunden, Treue macht gar keinen Spaß“.

Sie liest von den Besuchen der Diva bei Soldaten und singt eine ihrer vielen Hymnen, „Lili Marlen“. „Sag mir, wo die Blumen sind“ intoniert Gutgesell, um sich dann intensiv den vielen großen Lieben der außergewöhnlichen Künstlerin zu widmen. „La vie en rose“ oder „Sei lieb zu mir“. „Hinter“ dem Globe herrscht mitunter berührt wirkendes Schweigen, wenn sie singt: „Frag nicht, warum ich gehe.“ Gutgesell und Lippmann intonieren die Dietrich in vielen Facetten. Wenn es etwas Schöneres gibt, als im Globe zu sitzen, dann ist es wohl, neben dem Globe zu sitzen und in diesen Zeiten Theater und Konzerte zu erleben, die sich unter Pandemiebedingungen neu erfinden. „Ich finde, Sie könnten da jetzt einfach mitsingen“, fordert die Gutgesell das Publikum schließlich auf. „Wenn sie den Text nicht kennen, dann singen Sie einfach lalala. Das ist international und passt zu jedem Lied.“