Hohenlohe-Franken

Rothenburg Statt beginnender Saison eine leere Stadt mit geschlossenen Läden / Dramatische Auswirkungen für Industrie und Gastronomie

Ein Virus verändert eine Touristenstadt

Firmen, Gaststätten und der Tourismus bekommen die finanziellen Folgen von Corona zu spüren – genauso wie der Häuslebauer.

Rothenburg. An sonnigen Tagen im März eine menschenleere Altstadt mit geschlossenen Restaurants, Cafés und Geschäften, dazu leere Hotels und eine von der Polizei überwachte Ausgangssperre – das sind ganz neue Erfahrungen für die Menschen. Nicht nur Oberbürgermeister Walter Hartl geht von dramatischen Auswirkungen über das ganze Jahr aus.

Von den 560 000 Übernachtungen des letzten Jahres wird man in diesem Jahr meilenweit entfernt sein, ist Tourismuschef Jörg Christöphler sicher. Vor Tagen konnte man Einzelreisende auf der Suche nach einer Unterkunft wenigstens noch ins benachbarte Württemberg weiterschicken, als es auf bayerischer Seite schon verboten war, Betten zu vermieten. Aber das ist jetzt auch vorbei, nachdem bundesweit die Regelungen angeglichen wurden. Trotzdem gelten in Bayern (Ministerpräsident Markus Söder ist letzten Freitag bundesweit vorgeprescht) immer noch etwas strengere Vorschriften. Im Prinzip ist alles geschlossen, was nicht zur lebensnotwendigen Versorgung notwendig ist. Der gesamte Tourismus ist lahmgelegt. Zunächst für zwei Wochen, aber dass es dabei bleibt, erwartet niemand mehr.

„Nur, wer zur Arbeit muss“

Das Haus darf nur verlassen, wer zur Arbeit muss oder einkaufen geht. Die Tauberstadt ist wie leer gefegt, der Straßenverkehr erinnert an das Niveau der sechziger Jahre, die Parkplätze sind leer. Nicht einmal Spazieren gehen in Gruppen ist erlaubt und bei Begegnungen gilt es, zwei Meter Abstand zu halten. Sport und Bewegung im Freien ist nur alleine oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes gestattet. Nicht einmal Angehörige dürfen noch in Heimen oder Krankenhäusern besucht werden. Die Schulen und Kitas sind zu.

„Wir müssen versuchen die Liquidität der Betriebe zu erhalten, die Lager im Handel sind voll und nichts kann verkauft werden”, sagt OB Walter Hartl. Deshalb wurde die Gewerbesteuervorauszahlung ausgesetzt (1,9 Millionen Mindereinnahmen), die Tourismusabgabe steht auf dem Prüfstand. Man richtet sich auf einen völlig veränderten Haushaltsplan 2020 ein, wozu eine lange Liste verschiebbarer Ausgaben erstellt wird. Das Rathaus arbeitet im Notbetrieb, Gremiensitzungen finden erstmal nicht statt. Regiert wird in Corona-Zeiten mit dringlichen Anordnungen des Oberbürgermeisters und Abstimmungen über Telefon und Internet.

„Die Bevölkerung ist sehr einsichtig”, stellt Polizeichef Stefan Schuster fest. Erfreulich: Verkehrsunfälle sind naturgemäß gesunken. Kürzlich wurden am Ortsausgang Autofahrer stichprobenartig nach dem Grund ihrer Fahrt befragt. Denn niemand soll zum Vergnügen oder touristisch unterwegs sein. Auf der Autobahn wird nur gezielt kontrolliert, etwa wenn ein Reisebus gesichtet werde, so der Polizeichef.

Ob dieses Jahr überhaupt Großveranstaltungen wie das Festspiel an Pfingsten oder das Taubertalfestival anfang August (über 15 000 Besucher) stattfinden, bleibt fraglich. Die Festspieler haben erstmal die Bühnenproben bis nach Ostern ausgesetzt. Die Museen sind längst zu, das Veranstaltungsprogramm „Frühlingserwachen” wird es ebenso wenig geben wie die Wanderwochen. Die jährliche Freiluft-Konzertreihe im Sommer mit den Ambassadors of Music aus den USA (erfahrungsgemäß etwa 5000 Übernachtungen) ist abgesagt. Längst haben Reiseveranstalter und Gruppen ihre langfristigen Reservierungen storniert. Anstatt im März nach der Winterpause zügig in die Saison zu starten, passiert gerade das Gegenteil.

Stornierungen bereiten Sorge

Bei einem rund fünfzigprozentigen Auslandsanteil mit den großen Überseemärkten wirken sich Stornierungen aufs ganze Jahr aus. „Es ist Stillstand, so was habe ich noch nie mitgemacht”, stellt Marion Beugler, Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, fest. Rund 120 Betriebe in Rothenburg leiden. Der Umsatzeinbruch sei nicht aufzuholen, betont Marion Beugler. Man hoffe mit deutschen Gästen den Markt danach langsam wieder in Gang zu bringen: „Wir dürfen keinen Betrieb über die Klinge springen lassen, gerade die familiengeführten und kleinen Häuser trifft es hart”. Schließlich geht es auch um das Thema Immobilien und bezahlbare Mieten für alle Gewerbetreibenden. Hotels und Gasthöfe, die keine Nachfolger haben, werden jetzt noch schwieriger Interessenten finden. Ob sich das vom Stadtrat gewünschte Tagungs- und Wellnesshotel auf dem alten Brauhausgelände noch realisieren lässt, ist abzuwarten.

„Unsere Sorgen reichen bis weit in den Juni hinein, die Gäste aus USA und Japan werden auch nicht so schnell wiederkommen”, konstatiert Jörg Christöphler und sieht sich mit den Themenjahren Rothenburg als Landschaftsgarten bestätigt. Mit Landschaft, frischer Luft, und Natur zu werben, sei ideal in dieser neuen Ausgangssituation. Auch die deutschen Küsten und das Hochgebirge sollten nach Corona ihr (meist inländisches) Publikum finden.

Mancher kleine Altstadtladen bangt um seine Zukunft. Und die Möglichkeit der Gasthäuser, Essen zum Abholen auszugeben, greift nur in wenigen Fällen. Ein Gasthausbesitzer: „Wir haben es versucht, aber wegen einem oder zwei Essen rentiert sich das nicht mehr.” Ariane Koziollek vom Stadtmarketing sieht erhebliche Probleme des Handels. Viele seien mit Saisonware versorgt und blieben darauf sitzen. Es zeige sich aber auch viel Hilfsbereitschaft in der Stadt. Zusammen mit der Stadtverwaltung werden die spontanen Hilfsangebote von Vereinen und Organisationen sowie von Betrieben koordiniert, stellt der OB dankbar fest. Der Rothenburger Mode-Hersteller „Anra“ in der Altstadt hat kurzfristig die Produktion auf Gesichtsmasken aus Baumwolle umgestellt. Chefin Anett Utz: „Wir haben Anfragen bis aus Stuttgart und über die sozialen Medien gehen ständig neue ein. Darunter ist eine Kinderklinik in München, für die wir die Masken aus lustigen Kinderstoffen nähen”.

Auch der Industriestandort Rothenburg mit großen Werken wie Electrolux/AEG und anderen spürt Corona bei der Zulieferkette, die Auswirkungen sind teils verzögert und noch gar nicht abzusehen. Kurzarbeit greift um sich. Oberbürgermeister Walter Hartl ist sicher: „Corona wird das Denken verändern.” Man müsse sich wieder auf die soziale Marktwirtschaft besinnen und vieles neu positionieren. Arbeitslosenzahlen würden steigen und viele Existenzen bis hin zum Häuslebauer, der Schulden abzahlen muss und keine Einnahmen mehr hat, gefährden. Der künftige Stadtrat stehe vor ungeahnten Aufgaben: „Krisenmanagement wird erstmal alles andere in den Hintergrund rücken”.