Hohenlohe-Franken

Totschlagprozess Landgericht Ellwangen hat an der Schuld des Angeklagten keine Zweifel und verurteilt 45-Jährigen zu neun Jahren Haft

„Besoffener hat seiner Wut nachgegeben“

Archivartikel

Crailsheim/Ellwangen.Ein Hund namens Rudi hat beim Totschlagsprozess in Ellwangen eine wichtige Rolle gespielt. Was genau sich in der Nacht zum 30. August 2019 in einer Wohnung in der Alexander-von Humboldt-Straße abgespielt hat, weiß niemand. Wie bei vielen Beziehungstaten gibt es keine Zeugen, das Opfer ist tot, und der Täter kann oder will sich nicht erinnern (wir berichteten).

Dass der 45-jährige Angeklagte der Täter ist, daran hatte die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen keinen Zweifel. Seine DNA-Spuren fanden sich an dem hölzernen Pfosten, mit dem das 51-jährige Opfer erschlagen wurde. Sein Handy war zur Tatzeit im WLAN-Netz der Wohnung eingeloggt, und niemand anderes hat sich in der Wohnung aufgehalten. Für das Gericht war es die entscheidende Frage, ob der Angeklagte heimtückisch gehandelt hatte, ob er also die Wehr- und Arglosigkeit seines Opfers wissentlich ausgenutzt hat. Dann nämlich hätte er sich des Mordes schuldig gemacht. Diese Möglichkeit haben die Richter ernsthaft erwogen.

Dass es doch zu einem Urteil wegen Totschlags gekommen ist, hat der Angeklagte seinem Verteidiger Roman Heisig aus Schwäbisch Gmünd zu verdanken. Er hat in seinem Plädoyer einen möglichen Tatablauf skizziert, den das Gericht als „ernsthafte Alternative“ seiner Entscheidung zugrunde gelegt hat.

Eine besondere Rolle spielt bei dieser Möglichkeit ein Hund namens Rudi, von dem während der Verhandlung weder Rasse noch Alter bekannt wurden. Rudi gehört einem Bekannten der getöteten Frau und wurde von ihr immer wieder betreut. Dies muss dem Angeklagten ein Dorn im Auge gewesen sein, denn er hatte den Hundehalter – zu Unrecht – im Verdacht, er habe ein Verhältnis mit seiner Freundin.

In der Nacht zum 30. April, so nimmt es das Gericht an, ist der Angeklagte mit einem Alkoholpegel von über 2,0 Promille, vielleicht sogar von 2,5 Promille, also sturzbetrunken, nach Hause gekommen. Er findet den Hund im Wohnzimmer vor, gerät darüber in Wut, holt den Pfosten aus dem Garten und will den Hund erschlagen; der überlebt trotz schwerer Verletzung an der Halswirbelsäule. Die Frau, die den Abend bei einer Bekannten verbracht hatte und inzwischen zu Bett gegangen war, wird auf den Vorfall aufmerksam und schaut im Wohnzimmer nach. Sie wird von dem Angeklagten attackiert und weicht ins Schlafzimmer zurück. Dort schlägt der Angeklagte viermal mit dem Pfosten zu. Zweimal trifft er die zur Abwehr erhobenen Arme, zweimal den Schädel.

Bei einem solchen durchgehenden Tatvorgang und weil dem Opfer bekannt gewesen sei, dass der Mann zu Gewalt neigt, sei das Mordmerkmal der Heimtücke nicht gegeben, weil es an der Arglosigkeit des Opfers fehle, sagte der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg in der Urteilsbegründung. „Das war der völlig sinnlose Tod einer Mutter von zwei erwachsenen Kindern, nur weil ein besoffener Mensch die Kontrolle über sich verloren und seiner Wut nachgegeben hat“, sagte Ilg.

Der Augsburger Psychiater Dr. Felix Segmiller hatte dem Angeklagten zwar eine ganze Reihe von psychischen Auffälligkeiten bescheinigt, mit Ausnahme seiner Alkoholabhängigkeit sei jedoch keine Störung für die Tat ausschlaggebend gewesen.

Wegen der erheblichen Alkoholisierung des Angeklagten nahm das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit an. Es verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren. Gleichzeitig ordnete es seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an, die in zwei Jahren wirksam wird.

Damit blieb die Kammer unter dem Antrag des Ersten Staatsanwalts Martin Hengstler, der zehn Jahre Haft gefordert hatte. Hengstler hatte sich überdies gegen die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt ausgesprochen, weil diese nicht erfolgversprechend sei.

Der Haller Rechtsanwalt Oliver Scheid, der die Mutter, den Sohn und die Tochter des Opfers als Nebenkläger vertrat, plädierte auf Mord.

Das Opfer habe nicht damit gerechnet, dass es in Gefahr sei, sagte Scheid. Verteidiger Heisig beantragte für seinen Mandanten ein Haftstrafe von sieben Jahren. Erwin Zoll