Höpfingen

FG „Stedemer Beesche“ Stefan Müller-Ruppert fungierte als stimmgewaltige und gewitzte Galionsfigur des „Literarischen Gaumenkitzels“

Prall gefüllte literarische Schatztruhe mitgebracht

Archivartikel

Waldstetten.Dem Anlass entsprechend prall gefüllt war die literarische Schatztruhe, die Stefan Müller-Ruppert am Samstag in die voll besetzte Waldstettener Turnhalle mitgebracht hatte: Er fungierte als stimmgewaltige und gewitzte Galionsfigur des „Literarischen Gaumenkitzels“, mit dem die FG „Stedemer Beesche“ ihr 50-jähriges Bestehen feierte.

Zur Höchstform aufgelaufen

In ihrer nahtlos dem Sektempfang folgenden Einleitung beleuchteten Vorsitzende Marion Schäfer und Präsidentin Tina Sieber in Kurzform zahllose Höhepunkte der Vereinsgeschichte.

Kaum hatte Stefan Müller-Ruppert das Mikro übergeben bekommen, gratulierte er zum Jubiläum und erinnerte an all jenes, was man „unbedingt mal wieder tun müsste“ – zum Beispiel ein frohes Lied anstimmen und einfach nur in den Tag hinein leben, um den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen.

Mit Yves Bollingers Gedanken zum Champagner – man rührt den Schaumwein nur an, wenn man Durst hat – leitete Müller-Ruppert über zu einem Paradestück von Ottmar Schnurr, dessen hintergründige Aussage er gekonnt in den hiesigen Dialekt übertrug: Die Frage „Was is’n Heimat?“ beantwortete er folglich mit dem Hinweis darauf, dass man in der Heimat blind jede Schublade findet, immer von der Mutter herzlich empfangen wird und sich die Hände reicht statt Waffen. So könne auch die „äußere Heimat“ verloren gehen, niemals aber die Innere, die mit allen Fasern des Herzens verwoben ist.

Natürlich durfte auch Erwin Thoma aus Altheim nicht fehlen: Seine warmherzigen Betrachtungen über die „guten alten Zeiten“ ließen wissen, dass früher nicht alles besser gewesen war, aber zumindest das menschliche Miteinander ob einer gewissen Genügsamkeit und Demut womöglich ehrlichere, gefühlvollere und dadurch intensivere Züge hatte: „Die Zeiten haben sich geändert – aber wie!“, rief Müller-Ruppert aus.

„Heiliger Zorn“

Bei Erwin Thoma blieb er dann auch gleich und griff den „heiligen Zorn“ auf, der jener undankbaren Formulierung namens „Badisch Sibirien“ entgegen gebracht wurde.

Diese zwei Worte nämlich, so der Buchener Wortakrobat, bilden keinesfalls die Wahrheit ab, sondern seien viel eher Kreationen ignoranter und selbstsicherer Großstädter, welche die dörflichen Gepflogenheiten nicht kennen und sich trotzdem ausgerechnet im stets belächelten „Badisch Sibirien“ Auszeiten vom illustren Treiben ihrer Metropolen suchen. Hier lief Stefan Müller-Ruppert einmal mehr zur Höchstform auf und blies ein herzenswarmes Loblied auf das Land und dessen Mentalität: „Das Gehetz der Städter ist verlehrt und unseren Zorn gar nicht wert!“, betonte der regionale Grandseigneur des gepflegten Wortwitzes und stieß – wie könnte es anders sein – auf reichen Beifall des begeisterten Publikums.

Erich Kästners Verneigung vor dem als Abschied vom Sommer und gleichermaßen Aufbruch in die ebenfalls sehr schöne Jahreszeit der bunten Blätter und des Erntedanks zu definierenden September unterstrich schließlich, dass man den Herbst nicht nur erreicht hat, sondern sich viel mehr bereits mittendrin befindet.

Ein Bonmot zum Wetter steuerte schließlich das Schaffen von Liedermacher-Kultstar Reinhard Mey bei: Demnach gäbe es eigentlich kein schlechtes Wetter – es käme viel eher darauf an, wie man dem Wetter begegne.

Abend verging wie im Flug

Was „der Müller-Ruppert“ dieses Mal ausgewählt hatte, erfreute sich bester Resonanz: Mit seiner sonor präsentierten Mischung aus Gedichten, Geschichten und Anekdoten verging der Abend wie im Flug. Das war aber „nur“ der literarische Part des Abends.

Für den „Gaumenkitzel“ sorgten Buffets mit allerlei Häppchen und genussvollen Spezialitäten. So wurde das 50-jährige Bestehen der „Beesche“ auf stimmungsträchtige Weise gefeiert. ad