Heilbronn

Region Heilbronn-Franken Arbeitsagenturen melden viele unbesetzte Ausbildungsstellen / Nur 61 Bewerber auf 100 offene Stellen / 2021 weniger Ausbildungsangebote

Coronakrise hinterlässt Spuren

Archivartikel

Heilbronn.Die Coronakrise hinterlässt auch auf dem Ausbildungsmarkt ihre Spuren. Diese Bilanz ziehen nun die Arbeitsagenturen in der Region Heilbronn-Franken.

Auch in diesem Beratungsjahr gab es bei den Arbeitsagenturen rein rechnerisch wieder mehr gemeldete Ausbildungsstellen als gemeldete Bewerber. In der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken kamen auf 100 gemeldete Ausbildungsstellen 61 Bewerber – im Vorjahr waren dies noch 68. Trotz Corona hätten die Unternehmen jedoch an der Ausbildung festgehalten. „Auch für den Ausbildungsbeginn 2021 wurden uns bereits zahlreiche Stellen gemeldet“, sagt Elisabeth Giesen, die Leiterin der Agentur für Arbeit Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim. Und weiter: „Mit Blick auf die Fachkräftesicherung für morgen führt kein Weg an dualer Berufsausbildung vorbei.“

Von Oktober 2019 bis September 2020 wurden bei den Arbeitsagenturen in der Region Heilbronn-Franken insgesamt 8363 Berufsausbildungsstellen gemeldet, im Vorjahr waren es 61 mehr. Im gleichen Zeitraum haben 5118 Bewerber die Ausbildungsvermittlung der Arbeitsagenturen in Anspruch genommen. Das waren 591 weniger als im Vorjahr.

Das hat zum einen demografische Ursache, weil die Zahl der Schüler stetig abnimmt. Hinzu kommen Sondereffekte aufgrund der Corona-Pandemie: Die Berufsberater konnten an den Schulen nicht präsent sein. Außerdem war es vielen Betrieben nicht möglich, den Jugendlichen ein Berufspraktikum anzubieten. Ende September 2020 blieben aufgrund der Corona-Krise deutlich mehr Bewerber unversorgt sowie Ausbildungsstellen unbesetzt als im letzten September. So waren insgesamt noch 732 unbesetzte Ausbildungsstellen zu vermitteln. Gegenüber dem Vorjahr waren das 131 mehr. Zeitgleich waren 78 Bewerber noch unversorgt, 50 mehr als im Vorjahr.

Um einen Ausbildungsplatz zu finden, „sollten junge Menschen nicht nur an einem Zielberuf festhalten, sondern Alternativen für sich ausloten“, erklärt Elisabeth Giesen. Auch Unternehmen können zu einem besseren Ausgleich beitragen, indem sie nicht ganz so guten Kandidaten eine Chance geben. Mit ausbildungsbegleitenden Hilfen und assistierter Ausbildung können die Arbeitsagenturen den erfolgreichen Ausbildungsabschluss bei Bedarf unterstützen.

Vorsichtig optimistisch zeigt sich Ralf Schnörr, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Heilbronn-Franken: „Nachdem das Ausbildungsjahr 2020 nach dem Lockdown zunächst sehr langsam anlief, ist die Entwicklung inzwischen überraschend gut“, sagt er. Während das Handwerk der Region Heilbronn-Franken im April noch ein Minus von 20,3 Prozent bei den neu eingetragenen Lehrverträgen zu verzeichnen gehabt hätte, sei es im Monat September nur noch ein Minus von 3,5 Prozent gewesen.“ Auch die Schülerzahlen an den einjährigen Berufsfachschulen sahen laut Schnörr zuletzt erfreulich gut aus. Im September gab es im Vergleich zum Vorjahr kaum Rückgänge. Als Alternative zu Präsenzveranstaltungen im Bereich Lehrstellenvermittlung, Bildungsmessen und Berufsorientierungsmaßnahmen an Schulen hat sich die Handwerkskammer an verschiedenen virtuellen Vermittlungsaktionen beteiligt.

Rückgang von 11,3 Prozent

Elke Döring, Hauptgeschäftsführerin der IHK Heilbronn-Franken, berichtet, dass die Zahl der bis Ende Oktober 2020 bei der IHK Heilbronn-Franken eingegangenen Ausbildungsverträge sich auf 4041 belaufe, was einem Rückgang von 11,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspreche.

Seit dem Sommer verzeichne man gewisse Nachholeffekte bei den Unternehmen, die die Anbahnung von Ausbildungsverhältnissen Corona-bedingt nur um zwei bis drei Monate nach hinten verschoben haben. Für Ausbildungssuchende bedeutet dies, es gibt nach wie vor unbesetzte Ausbildungsplätze und somit gute Chancen für eine Lehrstelle. Silke Ortwein, DGB-Gewerkschaftssekretärin für den Main-Tauber-Kreis sowie den Stadt- und Landkreis Heilbronn berichtet, dass das Matching ist in diesem Jahr Corona-bedingt deutlich erschwert sei. Praktika und Schulbesuche durch die Agentur konnten kaum bzw. nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden.

Weniger Übernahmen

Auch Jörg Ernstberger, Geschäftsführer von Südwestmetall Heilbronn Region Franken stellt fest, dass die Corona-Pandemie am regionalen Ausbildungsmarkt der Metall- und Elektroindustrie nicht spurlos vorbeigeht. So sei in der Region Heilbronn-Franken erstmalig seit mehreren Jahren ein Rückgang der Ausbildungsplätze zu verzeichnen gewesen. Mit knapp sieben Prozent weniger Auszubildenden als im Vorjahr seien die Mitgliedsunternehmen in das Ausbildungsjahr 2020 gestartet.

Die Pandemie und die dadurch verstärkte Rezession in der Metall- und Elektroindustrie habe offenbar auch Einfluss auf das zukünftige Angebot von Ausbildungsplätzen und die anschließende Übernahme in ein Arbeitsverhältnis. So planten 25 Prozent der Mitgliedsunternehmen derzeit, weniger Auszubildende im Ausbildungsjahr 2021 einzustellen. Dennoch setzten 75 Prozent der Mitgliedsunternehmen weiterhin auf Ausbildung im bisherigen Umfang. Über 70 Prozent übernähmen nicht weniger Auszubildende in ein Arbeitsverhältnis als in der Vergangenheit. 58 Prozent der Mitgliedsunternehmen hätten deutlich weniger Bewerbungen für ihre Ausbildungsplätze erhalten. Dies sei „sicherlich zu einem großen Anteil auf Corona-bedingte Ausfälle von Bildungsmessen oder Netzwerktreffen zwischen Schulen und Firmen zurückzuführen“.