Hardheim

„Aufbruchstimmung“ gab es 1949 in Hardheim Zu den besonderen Ereignissen, die sich zum 70. Mal jähren, zählt die Leistungsschau vom 8. bis 16. Oktober

Über Gemeindegrenzen hinaus Beachtung gefunden

Das letzte „Großereignis“ des Jahres 1949 in der Erftalgemeinde, das über die Gemeindegrenzen hinaus eine große Beachtung fand, war die Hardheimer Leistungsschau vom 8. bis 16. Oktober 1949.

Hardheim. „Es war schon lange der Wunsch der Gewerbe- und Handelstreibenden, den Einwohnern, dem Landkreis und darüber hinaus das neue Bild der wirtschaftlichen Gestaltung des durch seinen Fleiß und Arbeitswillen bekannten Industrieortes zu geben“, so beschreibt eine speziell für diesen Anlass geschaffene Broschüre die Gründe für dieses Unterfangen.

Da sich der Gewerbeverein 1933 infolge der Gleichschaltung hatte auflösen müssen und sich erst jetzt wieder neu zu bilden begann, sah sich die Gemeindeverwaltung veranlasst, ideeller Träger der geplanten Ausstellung zu sein mit dem Ziel, die Wirtschaftskraft des Ortes zu repräsentieren und das Wirtschaftsleben zu fördern.

Und alle Hardheimer Gewerbetreibenden machten mit. 98 Aussteller präsentierten sich einem breiten Publikum aus nah und fern während dieser Ausstellungswoche auf dem Schlossplatz, im Schulhaus und im Schlossspeicher (vor dem Umbau des Gebäudes zur Erftalhalle).

Unter dem „Protektorat“ – heute würde man sagen „Schirmherrschaft“ – von Bürgermeister Anton Henn wurde eine Ausstellungsleitung gebildet. Ihr gehörten an: Dipl.-Ingenieur Albert Katzenmaier und der Krankenhausverwalter Karl Meuser. Für die Ausgestaltung zeichneten Architekt Heinrich Holzfuß und Bauingenieur Josef Grieninger (er war auch maßgeblich beim Neubau des Sportplatzes unterhalb des Friedhofs, bei den Seifenkistenrennen und bei der Wiederbelebung der Fastnacht beteiligt) verantwortlich. Als Vertreter von Handel und Gewerbe waren Schreinermeister Friedrich Erbacher, technischer Kaufmann Max Reichert, Eisenhändler Max Eckert und Textilkaufmann Franz Kieser in dem Gremium. Für die „Reklame“ war Drogist Heinz Bernhard verantwortlich.

Neben der Ausstellung an sich wurde ein reichhaltiges Programm durchgeführt. So begann die Woche am Samstag, 8. Oktober, mit einem Fackelzug durch Hardheim und einem Festbankett im Gasthaus „zum Erftal“.

Am Sonntag wurde durch den Bürgermeister und mit einem Rundgang der geladenen Gäste die Ausstellung offiziell eröffnet. Am Nachmittag traten in einem Fußballspiel die „alten Herren“ vom Handel gegen die des Handwerks auf dem erst kurz zuvor eröffneten „neuen“ Sportplatz unterhalb des Friedhofs an.

Am Montag, 10. Oktober, tagten die Bürgermeister und Ratschreiber des Landkreises Buchen, am Dienstag trafen sich die Feuerwehrkommandanten und deren Stellvertreter im Festzelt, wo Dr. Altenbach von der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal ein Referat hielt. Am Nachmittag zeigten die Wehrmänner bei einer großen Schauübung ihr Können.

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Landwirtschaft. Bei einer morgendlichen Tagung im „Erftal“

sprachen der Präsident des Verbandes der landwirtschaftlichen Genossenschaften, Dr. Keidel, Verbandsdirektor Weil und Direktor Behringen von der Badischen landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft. Am Nachmittag dann großes Landvolktreffen im Festzelt und am Abend führte die Landjugendgruppen Tänze und Spiele im Gasthaus „zum Erftal“ auf. Fast gleichzeitig fand die Generalversammlung des neu gegründeten Gewerbevereins Hardheim im Festzelt statt.

Der Donnerstag wiederum gehörte der Landespolizei des Kreises, die im „Erftal“ tagte und am Nachmittag ein Fußballfreundschaftsspiel gegen die erste Mannschaft des TV Hardheim austrug. Die Sparkassendirektoren Nordbadens unter der Leitung des Präsidenten des Badischen Sparkassen- und Giroverbandes, Oberbürgermeister Töpper (Karlsruhe) trafen sich am Vormittag des Freitags im Sitzungssaal des Rathauses.

Geschicklichkeitsfahren

Ganz im Zeichen des Jugendsportes auf dem Sportplatz stand der zweite Samstag der Ausstellungswoche, ehe am Sonntag, 16. Oktober, ab 14 Uhr auf dem Bahnhofgelände ein Geschicklichkeitsfahren für Motorräder aller Klassen stattfand. Bei dieser Motorsportveranstaltung, die unheimliche Massen an Zuschauern (die Zuschauer standen teilweise drei- bis vierreihig um das ganze Bahnhofsgelände herum) anzog, mussten die Fahrer über verschiedene Hindernisse wie Wippen, Slalomstangen, durch eine tiefe Grube sowie über unterschiedliche Bodenbelägen- und -beschaffenheiten fahren.

Mit einer Siegerehrung am Abend und einer abschließenden Schlossbeleuchtung endete diese Großveranstaltung, in deren Rahmenprogramm die Gewerbeausstellung täglich von 13 bis 18 Uhr geöffnet hatte und es im Festzelt jeweils ab 15 Uhr Tanzmusik gab.

Die Kolpingsfamilie Hardheim führte an mehreren Tagen abends im Saal des Gasthauses „Zum Erftal“ das Theaterstück „Im Hungerjahr“ von Peter Dörfler auf.

Breitgefächertes Angebot

Liest man die Inserate der teilnehmenden Firmen, muss man mit Erstaunen feststellen, welch breitgefächertes Angebot an Waren und Dienstleistungen es in Hardheim, ein knappes Jahr nach der Währungsreform, gab. Da trug Hardheim noch zu Recht das Prädikat „Marktflecken und Zentralort“.

Und noch eine andere Feststellung ist erstaunlich: unter den 98 Ausstellern, die ausschließlich aus Hardheim kamen, waren rund zehn Prozent Vertriebene, die erst seit 1946 hier ansässig waren. Das kann man durchaus mit Integrationsbereitschaft beschreiben.

Leider gibt es nur noch ganz wenige Firmen von damals, die heute noch in Hardheim tätig sind. Neben den Banken sind es gerade noch neun Unternehmen, die – meist unter einer anderen Bezeichnung oder Rechtsform – in 2019 noch bestehen. Vor allem haben sich die Dienstleistungen enorm verändert. Wurden seinerzeit noch Bekleidung, Schuhe und Haushaltsgeräte manuell und auf Bestellung angefertigt, sind es heute Erzeugnisse aus Massenproduktionen. Und auch auffallend: Kein einziges Fahrzeug, ob Auto oder Motorrad, war ausgestellt. Die Menschen hatten seinerzeit nicht das notwendige Kapital dazu.

Zum nächsten Höhepunkt sollte es allerdings fast 14 Jahre dauern. Vom 13. bis 21. Juli 1963 fand die wohl größte Ausstellung in Hardheim statt; zum einhundert jährigen Bestehen des Gewerbeortsverbandes Hardheim organisierte die Ausstellungsleitung Lempertz aus Sinsheim eine Messe, deren ideelle Träger der Deutsche Gewerbeverband, Landesverband Badischer Gewerbevereine e.V., der Kreisverband, der Gewerbeortsverband Hardheim und die Gemeinde Hardheim waren.

In den Umkleideräumen der in 1960 eröffneten Sporthalle wurde eine Ausstellungsleitung mit Telefonanschluss installiert. Neun Ausstellungshallen (größtenteils Zelte) mit einer Ausstellungsfläche von 20 000 Quadratmeter, davon 6000 Quadratmeter Landwirtschaftsausstellung mit rund 300 Ausstellungsständen waren auf dem ehemaligen „Bolzplatz“ (in 2019 steht dort das Rektorat und die Lehrerzimmer des Schulzentrums), in der Sporthalle und in der Erftalhalle eingerichtet.

Auf dem Schlossplatz selbst befand sich ein 2000 Personen umfassendes Festzelt, in dem allabendlich Musikkapellen und schlagfertige Conférenciers auftraten. Unvergessen, Herbert Hiesl aus Nürnberg, den seinerzeit wohl bekannteste Comedian Deutschlands, der das Zelt zum Beben brachte. Unvergessen aber auch die nach Musik tanzenden Wasserfontänen als Attraktion für Jung und Alt.

Großräumig waren Straßen gesperrt, ein Zebrastreifen an der B 27 angelegt und die gesamte Ortsdurchfahrt war mit einer 30-km/h-Geschwindigkeitsbegrenzung belegt.

Danach fanden in den 1960er bis 1970er Jahren kleinere, örtliche Leistungsschauen in der in 1960 eröffneten Sporthalle in der Bürgermeister-Henn-Straße statt und boten ausschließlich Hardheimer Firmen die Chance sich zu präsentieren. Dazu wurde der kostbare Parkettboden der Sporthalle mit Linoleum ausgelegt. Erst wieder am 16. und 17. Oktober 1999 fand anlässlich des Wendelinusmarktes die nächste große Ausstellung in Hardheim statt. Die „Economic ‘99“ unter der Schirmherrschaft von Landrat Detlef Piepenburg und Hardheims Bürgermeister Heribert Fouquet lockte zwischen 6000 und 7000 Besucher auf das rund 1200 Quadratmeter umfassende Ausstellungsgelände der Firma Spedition Hein in drei Zelten an. Das Ziel war, die regional ansässigen Unternehmen, Institutionen, Schulen und Behörden einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Organisiert hatte die große Leistungsschau mit 46 Ausstellern Oliver Hein (Hardheim), Helmut Niesner (Buchen) und die WiNO (ie Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises). Nach Abschluss dieser zwei Tage, mussten alle Protagonisten zugeben: „Wir wurden von der Resonanz völlig überrollt“. Man dachte zwar an eine Neuauflage; zu der kam es leider nicht mehr.

Nachdem kürzlich der Bürgermeister in einer BdS-Versammlung eine weitere Reduzierung der Hardheimer Märkte thematisierte, gewinnt dieser Rückblick eine besondere Note, denn neben diesen Leistungsschauen gab es bis in die 1970er Jahre sogar vier Märkte in Hardheim.

Weggefallen sind der Maimarkt und der Laurentiusmarkt im August, der vor allem deshalb immer weniger Zuspruch gewann, weil sich dann die Menschen Urlaubsreisen leisten konnten und sich gerade in den Sommerferien nicht genügend Marktbesucher einfanden. Für die beiden weggefallenen Märkte wurde schließlich das „Sommerfest“ installiert. Für Leistungsschauen fehlen aber örtliche Unternehmer.