Hardheim

„Locker im Lockdown“ (Teil 4) Erneute Beschränkungen, ein früherer Sonnenuntergang und sinkende Temperaturen erfordern eine Alternative für all jene, die Feierabend machen, wenn es schon dunkel ist

Stricken ist eine Lösung, kostet aber Nerven

Archivartikel

Bei allem Missmut über den erneuten Lockdown: Die FN-Redaktion Buchen macht es sich in der Serie „Locker im Lockdown“ zur Aufgabe, den Lesern Ideen zur Freizeitgestaltung daheim zu geben.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr war es noch hell, wenn ich nach der Arbeit in der Redaktion nach Hause kam. Hell genug, um unter der Woche auf dem Balkon einen Thriller zu lesen. Mit dem Motorrad der Abendsonne „entgegenzureiten“. Aber auch „genau richtig“, um sich – das Fitnessstudio hatte seine Pforten ja geschlossen – im Freien zu bewegen: „’ne Runde“ mit dem Rad zu drehen, ein paar Kilometer beim Nordic Walking zurückzulegen.

Mittlerweile ist es Herbst – und der erneute Lockdown bringt nicht nur Beschränkungen „light“ mit sich, sondern auch einen früheren Sonnenuntergang und Temperaturen, die einen beim Nachhausekommen weder auf den Balkon, noch aufs Motorrad locken – geschweige denn zum Nordic Walken im Dunkeln. Apropos Temperaturen: Die werden ja noch weiter sinken. Und was könnte man dann in der Sport- und Zweirad-freien Zeit nach Feierabend tun, in der man sich – Corona-bedingt – auf nur wenige soziale Kontakte beschränken soll?

Stricken – könnte die Lösung sein. Denn: Ein Schal kann nicht schaden. Oder Wollsocken? Der nächste Winter steht schließlich vor der Tür.

Aber: Wie ging das noch mal? An die gut gemeinten Tipps der Handarbeitslehrerin kann ich mich nicht mehr erinnern – und die Ratschläge meiner Omas? Hmmm. . . Wen fragen? Na die Marie Böhrer aus Höpfingen. Auf Initiative der 82-Jährigen fand im vergangenen Jahr ein Strickrekordversuch statt. Der 466 Strickfans zum gleichzeitigen gemeinsamen Stricken in ihre Heimatgemeinde gelockt hat – und tatsächlich zum Erfolg wurde. Ich war damals als Berichterstatterin vor Ort – und habe miterlebt, als die Nadeln glühten.

Stricken als Leidenschaft

„Klar können Sie vorbeikommen und mir über die Schulter schauen“, bietet sie mir am Telefon an. Und schon am nächsten Tag statte ich ihr einen Besuch ab.

Marie Böhrer strickt für die ganze Familie Socken. Schwarze Socken, weiße und graue Socken, bunte Socken. Aber auch sogenannte Marktfrauen-Handschuhe, solche, „bei denen die Finger frei bleiben“, erklärt sie mir.

„Das Sockenstricken hab’ ich schon als Kind von meiner Mutter und meinen älteren Geschwistern gelernt“, verrät Marie Böhrer und fügt hinzu: „Ich stricke heute noch genauso gerne wie damals. Am liebsten im Sessel beim Fernsehen.“

„Aber bitte nicht zu oft waschen“

Was man zum Sockenstricken braucht? „Fünf Stricknadeln – am besten geht es mit Holz“, weiß Marie Böhrers Nichte Sigrid Moldaschl. Und: „Man sollte nur hochwertige Sockenwolle verwenden, denn die ist besonders belastbar.“

Diese bestehe in der Regel aus 75 Prozent Schurwolle und 25 Prozent Polyamid, lasse sich gut waschen („aber bitte nicht zu oft“) und verfilze dabei nicht. Die Wolle, so erklären mir die beiden Strickbegeisterten, gibt es in vielen Farben einfarbig oder bunt und auch in verschiedenen Größen – 50-Gramm-, 100-Gramm- und sogar 200-Gramm-Knäuel.

Vor Marie Böhrer liegen unzählige Paare selbst gestrickter Socken: große („bis 48“), aber auch ganz kleine („wenn sie laufen können“). Die meisten sind kunterbunt.

Wie viel Gramm ich in etwa für ein Paar Socken in Größe 38 brauche, möchte ich wissen. „100 Gramm – und somit ein Knäuel – reichen aus“, antwortet sie. Viel wichtiger erscheint mir dann aber die folgende Frage – und zwar, ob ich das als Anfänger beziehungsweise Wiedereinsteiger überhaupt schaffen kann. „Klar: Socken stricken ist gar nicht so schwer“, strahlt sie mich an während die fünf Stricknadeln in ihren Fingern eifrig Masche um Masche hinter sich lassen. Runterschauen? Muss Marie Böhrer nicht. Sie kennt die Grundregeln aus dem Effeff.

Während sie „nur“ Socken und Handschuhe strickt, sei ihre Nichte „eine wahre Künstlerin“. Sigrid Moldaschl strickt nämlich neben den Fußwärmern auch Babyschühchen, Pullover und Jacken. Und schmunzelt: „Wenn ich einen Tag nicht gestrickt habe, dann war es mir nicht gut.“

„Mit einer detaillierten und mit erklärenden Fotos ausgestatteten Anleitung sollte das Ganze auch für Anfänger im Bereich des Möglichen sein“, hat mir ein Blick auf diverse „Do-it-yourself“-Seiten im Internet verraten. Zur Sicherheit zeigen mir die Beiden Maschenanschlag und rechte und linke Maschen. Und ich bekomme das Versprechen, dass ich das Ganze in kürzester Zeit beherrschen werde.

Übrigens: Marie Böhrer hat noch einmal über meine Frage nachgedacht – und meint dann: „Versuchen Sie sich halt zuerst Mal an einem Schal oder einem Topflappen. Und wagen Sie sich später an die Socken.“

So langsam bekomme ich Zweifel. Für Handarbeiten wie Häkeln, Sticken und Stricken hatte ich in der Schule nicht allzu viel übrig. Dauerte zu lange und das Ergebnis sah nie so aus, wie ich es eigentlich haben wollte. Doch nun habe ich es mir in den Kopf gesetzt: Ich werde einen Schal stricken! So marschiere ich tatsächlich noch am gleichen Abend in ein Fachgeschäft. Nach einer fachkundigen Beratung habe ich ein Knäuel hellblaue Wolle und die passenden Stricknadeln im Sack. Ein Buch für Strickanfänger nehme ich auch gleich mit.

Aller Anfang ist schwer

Natürlich ist der Anfang schwer. Allein die richtige Haltung der Nadeln überfordert mich zunächst. Das Anschlagen der Maschen ist ziemlich einfach. Das Stricken der ersten Reihen dagegen weniger. Ständig muss ich von vorne anfangen, weil ich Maschen fallen lasse, rechts statt links gestrickt habe, oder plötzlich zu viele Maschen da waren. Mit etwas Routine kehrt dann aber sogar so etwas wie Entspannung ein.

Gestern Abend war ich übrigens ziemlich produktiv – und habe schon ein paar Reihen geschafft. Dabei erinnere ich mich an Marie Böhrers Worte, die es ja kann – und dennoch zugegeben hat: „Stricken ist manchmal eine echte Geduldsarbeit.“ Mal sehen: Vielleicht schaffe ich es ja noch in diesem Winter, meine ersten, selbst gestrickten Socken zu tragen. Auch wenn es mich echt Nerven kosten wird.