Hardheim

Pogromnacht vor 80 Jahren (Teil II) Es ist extrem schwierig, Auskünfte von Zeitzeugen zu erhalten / Die Geschehnisse in Hardheim rund um den 9. November 1938

Mauer des Schweigens – auch heute noch

Im ersten Teil ihrer Serie zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht befassten sich die FN mit der jüdischen Gemeinde und der Synagoge in Hardheim. Heute geht es um die Pogromnacht an sich.

Hardheim. Während im ganzen Deutschen Reich in dieser Nacht 250 Synagogen in Brand gesteckt, zerstört oder ausgeplündert, 91 jüdische Bürger ermordet, mehr als 25 000 Juden in Konzentrationslager verschleppt und etwa 7500 jüdische Geschäfte zerstört und ausgeplündert wurden, ging es in Hardheim glücklicherweise nicht ganz so ruppig zu.

Bei diesem Novemberpogrom – lange Jahre als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, wegen des vielen zerbrochenen Glases – am 9. November 1938 wurden in der Nacht auf den 10. November in der Synagoge in der Hardheimer Judengasse (heute Inselgasse) die Kronleuchter herabgerissen, die Gebetbücher beschmutzt und zerrissen. Zu größeren Zerstörungen kam es jedoch nicht.

Kaum Informationen

„Bei der Suche nach Zeitzeugen stößt man selbst heute (1997) noch auf eine Mauer des Schweigens“, weist der Text zur Eröffnung der Juden-Ausstellung des Museumsvereins Erfatal 1997 hin. Diese erschwere eine vorurteilsfreie Aufarbeitung des seinerzeitigen Geschehens. Und das ist heute – rund zwanzig Jahre später – nicht anders.

Immer noch hüllen sich Zeitzeugen in Schweigen. Und die Zahl derer, die alles bewusst miterlebt hatten, wird immer kleiner. Die Senioren in 2018 erlebten die Geschehnisse als Kinder und können sich heute, achtzig Jahre später – an Einzelheiten nicht oder nur bruchstückhaft und vermischt mit späteren Kenntnissen erinnern.

Festzustellen ist bei alledem: In Hardheim selbst bekamen ganz wenige Menschen von dem nächtlichen Treiben etwas mit. Das mag an der späten Nachtzeit gelegen haben oder auch daran, dass es die Nacht auf Donnerstag war und die Menschen morgens wieder zur Arbeit mussten und deshalb schliefen.

„Rasch weitergehen!“

„Auf dem Weg von meinem Elternhaus in der Bretzinger Straße zur Schule standen morgens nach der Pogromnacht uniformierte Männer vor dem Anwesen Selig (heute Familie Günther in der Walldürner Straße)“, erinnert sich eine Hardheimerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Sie forderten alle Passanten und auch mich ganz hektisch zum raschen Weitergehen auf“.

Da irgendwer immer eine Uniform anhatte, fiel das nicht immer auf und obrigkeitshörig sei man ohnehin gewesen. Erst in der Schule und zuhause in der Familie habe sie von den Zerstörungen in der Synagoge erfahren. Eine andere Hardheimerin berichtete, dass aus den Fenstern des Gasthauses „Zum Ochsen“ die Gäste dem Treiben zugeschaut hätten. Angeblich hätten sich Hardheimer zu der Zeit nicht auf die Straße getraut, denn alles sei dunkel, schwach beleuchtet und unheimlich gewesen. Dass Häuser von Juden aufgesucht und betreten wurden oder jüdische Bürger belästigt wurden, konnte nirgends ermittelt werden.

Höpfinger SS-Männer im Einsatz

Hinter vorgehaltener Hand wird immer wieder berichtet, dass es Höpfinger SS-Leute gewesen seien, die die Hardheimer Synagoge beschädigten. Aber es soll auch ein Hardheimer SA-Mann dabei gewesen sein, dem man später den Beinamen „Synagogenstürmer“ verliehen habe.

Die Hardheimer SA-Männer seien dagegen nach unbestätigten Berichten nach Königheim beordert worden, um dort zu schänden.

Dass Höpfinger SS-Männer im Zusammenhang mit dem Pogrom in Hardheim in Erscheinung getreten sind, ist durch eine Meldung des Leiters der Gendarmeriestation Hardheim, Gendarmeriemeister Hauser, an das Bezirksamt Buchen vom 13. November 1938 belegt. Er berichtet, dass Abraham Selig und acht weitere jüdische Männer wegen Vergehens gegen die Verordnung zum Schutz von Volk und Staat festgenommen und im Auftrag der Geheimen Staatspolizei (Außendienststelle Mosbach) am 10. November 1938 von Hardheim nach Mosbach transportiert worden seien.

Laut Anordnung

„Laut Anordnung“ – so schreibt er weiter – „wurden zur Erledigung des Auftrags drei SS-Männer zugezogen, sämtliche von Höpfingen und daselbst wohnhaft.“ Er begehrte für diese Männer Verdienstausfall und Reisekosten. Die jüdischen Männer sollen, so berichteten Zeitzeugen, allesamt nach einigen Tagen wieder heimgekehrt sein.

Unter den Abtransportierten befand sich auch Samuel Halle, geboren am 28. Mai 1892, der später in der Liste der am 22. Oktober 1940 verschleppten Personen auftaucht und nicht, wie oft erzählt wurde, nach seiner Abführung in Hardheim 1938 nie mehr gesehen wurde, weil er in ein KZ gekommen sei.

Tags darauf, am 10. November, ordnete der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei an, dass alle Juden die in ihrem Besitz befindlichen Schuss-, Hieb- und Stichwaffen abzugeben hätten. Das Bezirksamt in Buchen ordnete am 11. November 1038 an, den Vollzug dieser Maßnahme bis zum 14. November um 12 Uhr zu melden. Polizeiwachtmeister Fridolin Käflein wurde vom Bürgermeisteramt beauftragt, alle jüdischen Familien von dieser Anweisung zu unterrichten und deren Waffen entgegenzunehmen. „Juden, die nachher im Besitz von Waffen betroffen werden, kommen für 20 Jahre in ein Konzentrationslager“, schreibt das Bezirksamt an die Gemeindeverwaltung.

Käflein meldete um 12 Uhr an den Gendarmeriemeister Hauser in Hardheim: „Die abgelieferten Waffen sind mit Anhängern, auf welchen der Name des Ablieferers steht, versehen“ und „befinden sich im Rathaus Zimmer Nr. 11“. Abgeliefert wurden aus drei Judenhäusern:

– ein doppelläufiges Terzerol (Taschenpistole, neun einläufige Terzerole, fünf Schlagringe, zwei Schlachtmesser, ein Metzgerstahl, ein Messer mit Anschraubvorrichtung, ein Stahl mit Anschraubvorrichtung, 38 Metzger- und Küchenmesser sowie drei Taschenmesser. Dazu fünf Luftgewehre mit etwa 4500 Schuss, 2000 Schrotpatronen neun mm, 1700 Kugelpatronen 9/ mm, 800 Schrotpatronen sechs mm, 550 Kugelpatronen sechs mm, 300 Kugelpatronen sechs mm (Kleinkaliber) und 2120 glatte Zündhütchen.

Diese Auflistung mag den Eindruck erwecken, als wollten die Hardheimer Juden einen Krieg oder einen bewaffneten Widerstand beginnen. Es handelte sich aber dabei um den Warenbestand des Einzelhandelsgeschäftes Julius Sinsheimer und um die Ausrüstung des jüdischen Fleischers Sigmund Simon. Lediglich die Terzerole und fünf Schlagringe wurden bei dem wohlhabendsten und einflussreichsten Hardheimer Juden, Abraham Selig konfisziert.

Die Zeit danach

Dass es sich in Deutschland nicht um eine „spontane Erregung der arischen Bürger“ handelte, sondern die Aktion mit Bedacht und akribisch vorbereitet wurde, zeigten die nachfolgenden Ereignisse: Nach diesem schrecklichen Ereignis des nächtlichen Pogroms am 9. November hatte es die von der NSDAP gelenkte Bürokratie eilig, sich des Vermögens der Juden zu bemächtigen.

So forderte der badische Finanz- und Wirtschaftsminister am 19. November 1938 alle Bürgermeister Badens auf, sofort eine Übersicht über die in der Gemeinde vorhandenen land- und forstwirtschaftlichen Grundstücke, die sich im Eigentum von Juden befinden, listenmäßig zu erfassen und dem Landrat binnen fünf Tagen zu melden.

Einige Zeit später – am 15. April 1939 – fiel dem Reichsminister des Innern auf, dass anlässlich der „Judenaktion im November 1938 auch umfangreiches jüdisches Archiv- und Schriftgut aller Art in Synagogen, jüdischen Kultusgemeinden und in anderen jüdischen Stellen beschlagnahmt und erfasst worden“ sei. Weil solches Material bei verschiedenen Behörden lagern würde, wurde angeordnet, dass die Sichtung und Auswertung durch die Geheime Staatspolizei zu erfolgen hat, wohin nun das Schriftgut an deren Dienststellen zu versenden wäre.

Verkauf der Synagoge

Die beschädigte Synagoge in Hardheim mit einem Neubaukostenwert von 6139 Goldmark blieb in der Folgezeit unbenutzt und wurde am 31. August 1939 an eine kinderreiche Hardheimer Familie verkauft, die es zu ihrem Wohnhaus umbaute.

Am 10. Dezember 1938 erließ der Landrat nach Paragraph 1 der Verordnung vom 12. November 1938 einen Verwaltungsakt an Julius Sinsheimer, dass sein Gewerbebetrieb sofort aufgelöst und abzuwickeln sei. Der Verkauf oder die Versteigerung des Warenbestandes sei nicht zulässig, die Waren müssten der Bezirksgruppe Einzelhandel in Mannheim angeboten und die Gläubiger in der Reihenfolge der Konkursordnung befriedig werden. Eine Aufzeichnung über das gesamte Abwicklungsgeschäft sowie eine Vollzugsmeldung sei bis zum 31. Dezember 1938 dem Landrat vorzulegen.

Im dritten Teil der Serie geht es in der nächsten Woche um die Arisierung“ in der Zeit nach der Pogromnacht. (Fortsetzung folgt)