Hardheim

Beispielhaftes Projekt „Abendkonzerte“ der Familie des evangelischen Pfarrers Markus Keller unter Berücksichtigung der aktuellen Vorschriften finden großen Zuspruch

„Es tut der Seele gut, gemeinschaftlich zu singen“

Archivartikel

Jeden Abend um 19 Uhr trifft sich Familie Keller in der Bürgermeister-Henn-Straße, um dort gemeinsam zu musizieren. Die „Abendkonzerte“ kommen gut an.

Hardheim. Mit Musik geht alles besser: Fünf kleine Worte, mit denen der Volksmund speziell in den nicht ganz einfachen Zeiten von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen mehr, denn je im Recht liegt – und die auch das abendliche Singen in Hardheim treffend beschreiben.

Seit Anfang April treffen sich in der Bürgermeister-Henn-Straße im Schnitt 40 bis 50 Menschen, um nahezu täglich unter Berücksichtigung gültiger Abstands- und Hygieneregeln miteinander bekannte Abend- und Volkslieder zu singen und zu musizieren. Mit Organisatorin Caroline Keller sprachen die Fränkischen Nachrichten über jenes beispielhafte Projekt.

Täglich neue Gesichter

Der Startschuss fiel am 6. April eher im Kleinen: „Gemeinsam mit Familie Weihbrecht trafen wir uns zum ersten Mal, um spontan das Lied ‚Der Mond ist aufgegangen’ zu singen. Wir luden niemanden aktiv ein, sondern freuten uns täglich über neue Gesichter, die zufällig dazu kamen“, berichtet sie. Seitdem trifft man sich jeden Abend um 19 Uhr – „außer bei Regen“, wie Keller anmerkt.

Schnell zog die etwas andere Abendmelodie ihre Kreise und lockte am zweiten Tag bereits zwölf Personen an. „Im Schnitt sind es seitdem zwischen 40 und 50 Besuchern, die entweder aktiv Musik machen, mitsingen oder einfach nur dabei sind, um auch in diesen Zeiten Gemeinschaft zu erleben“, erklärt sie und freut sich über den bisherigen Rekord von 79 gezählten Besuchern.

„Bei gutem Wetter sind wir natürlich immer mehr“, hebt Caroline Keller hervor und verweist auf eine weitere Besonderheit der abendlichen Treffen: Gespielt wird nicht in einem klar gegliederten Ensemble, sondern in stetig wechselnder Besetzung. „Wer Lust hat, bringt sein Instrument mit und ist einfach dabei“, merkt sie an.

Das Spektrum der Instrumente reicht dabei von Cello, Geige, Akkordeon, Block- und Querflöte bis hin zu Gitarre, Cajon und Bratsche.

Liedmappe zusammengestellt

Musikalisch umfasst die Bandbreite neben Abendliedern auch Volkslieder, Osterlieder und Mailieder; die von Caroline Keller zusammengestellte Liedmappe wurde mit der Zeit erweitert und auch tagesaktuell angepasst. „So haben wir etwa das Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen’ am Todestag von Dietrich Bonhoeffers angestimmt und den Monat Mai mit schönen Mailiedern musikalisch begrüßt“, gibt sie bekannt.

So bunt gemischt wie die Palette der Instrumente und der Lieder ist auch das Publikum: Das rund 20 Minuten lange Abendsingen ist generationenübergreifend – vom Kleinkind bis zum Senior ist alles vertreten. „Es ist aber keine offizielle Aktion der evangelischen Kirche, sondern ein nachbarschaftliches Abendsingen mit Ausstrahlungskraft in den ganzen Ort, initiiert durch Pfarrfamilie Keller und Familie Weihbrecht.

Eingeladen sind alle, die Freude am Singen, Musizieren oder Zuhören haben“, stellt Caroline Keller klar.

Dahinter steckt eine wichtige Botschaft: „Es tut der Seele gut, gemeinschaftlich zu singen und zu musizieren“, erklärt Keller und spricht sich insbesondere für die, „trotz ihrer inhaltlichen Aussagekraft viel zu selten gesungenen“ klassischen Abendlieder aus. „Gerade in dieser ungewissen Zeit spenden die vertrauten Melodien Geborgenheit und die Texte Zuversicht“, betont sie und verweist auf einen weiteren Aspekt: Gerade in einer Zeit, in denen Wortkonstrukte wie „Social Distancing“ oder „Lockdown“ eine Rolle spielen, fungiert die Musik als Kontaktträger. „Es ist wunderschön, sich zu sehen und gemeinsam Musik zu machen“, freut sie sich.

Trotz des fröhlichen und verbindenden Miteinanders verlangen jedoch gewisse Regeln nach striktem Einhalten: „Jeder ist dazu angehalten, Abstand zu halten“, hält Caroline Keller fest.

„Man hat hier gut Platz“

Das funktioniere bisher allerdings sehr gut, was auch an der breiten und langen Bürgermeister-Henn-Straße in Hardheim liegt. „Man hat hier gut Platz, sich der Vorschriften entsprechend zu verteilen“, schildert sie und lässt wissen, dass Ältere zum Teil in ihren Autos sitzenbleiben, während die Anwohner häufig aus den Fenstern oder Hauseingängen zuhören.

Sicher ist sie sich darin, dass das abendliche Singen und Musizieren bleibende Eindrücke hinterlässt: „Die Beteiligten werden, wenn man irgendwann auf die Corona-Zeit zurückblickt, sicher immer auch an unser Abendsingen in der Bürgermeister-Henn-Straße denken und sich die Melodien und Texte in Erinnerung rufen“, erklärt sie.

Ob das Konzept später den Weg in den offiziellen Veranstaltungskalender der evangelischen Kirchengemeinde finden und auch nach Corona ein Hardheimer Lebens sein wird, könne derzeit noch nicht bestimmt werden.

„Jetzt aber ist das Schöne, dass alle Zeit und Muße haben, sich ohne Stress und Hektik zu treffen. Davon lebt auch die Stimmung bei unserem Abendsingen. Es wäre schön, wenn wir uns etwas davon auch für die Nach-Corona-Zeit behalten“, umschreibt Caroline Keller ihre Hoffnung.