Hardheim

VHS-Außenstelle Hardheim Biologe Dr. Peter Biedermann referierte zum Thema „Vögel in der Agrarlandschaft – Wird der stille Frühling Realität?“

„Es ist höchste Zeit zum Umdenken“, erklärte der Fachmann

Hardheim.Erschreckendes in Anbetracht des dramatischen Rückgangs der Vogelpopulationen und des Insektensterbens verdeutlichte in einem gut besuchten Vortrag der VHS- Außenstelle Hardheim der Biologe Dr. Peter Biedermann vom Department für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg. Sein Thema: „Vögel in der Agrarlandschaft – Wird der stille Frühling Realität?“

„Es ist dramatisch“

„Ja, es ist dramatisch, es geht wirklich bergab“, erklärte Biedermann, der den rund 50 Teilnehmern aufzeigte, was getan werden muss, um das Problem wenigstens zu mindern. Er ging in seinem Vortrag von der Tatsache aus, dass das Vogelsterben schon lange begonnen hat. „Seit den 50er Jahren verlieren wir jedes Jahr eine Million Brutpaare in Deutschland.“ Insbesondere den häufig vorkommenden Vogelarten geht es nach den Erkenntnissen des Referenten schlecht. Während der Wanderfalke in Deutschland fast ausgestorben sei, habe er in Unterfranken zahlenmäßig zugelegt. Detaillierte Angaben zur Reduzierung der Zahlen beim Buchfink in Höhe von einer Million in zwölf Jahren und bei den Staren (um die Hälfte) hörten die Besucher mit Erschrecken – ebenso wie die Entwicklung beim Haussperling mit einem jährlichen Verlust an Brutpaaren in Höhe von einer Million. Bei der Feldlerche zum Beispiel, die früher als typisch deutscher Vogel galt, stufte der Referent die Verluste als gravierend ein, ebenso bei den Rebhühnern und der Rauchschwalbe sowie bei weiteren Vogelarten wie dem Kiebitz.

So gebe es im Landkreis Würzburg seit 2018 erstmals kein Kiebitz- Brutpaar mehr, so Dr. Biedermann, der auf die beim Bundesamt für Naturschutz vorliegenden Zahlen verwies und es als Skandal bezeichnete, dass die Sachverhalte bestimmten Stellen bekannt seien, nicht aber der Bevölkerung. Es sei höchste Zeit zum Umdenken.

Zu sprechen kam der Referent auch auf das Problem der Nahrung der Vögel – und die Tatsache des Rückgangs der Zahl der Ackervögel und Waldvögel – vor allem in den USA und in der EU. Das Klima machte er dafür nur zum Teil verantwortlich. Die durch Hauskatzen, Glasscheiben, Verkehr und Oberleitungen verursachten „Einbußen“ sprach er ebenso an wie die Windenergieanlagen, die allerdings nur einzelne große Vogelarten wie Greifvögel und Störche besonders betreffen würden. Jagd und Krankheiten seien für das Vogelsterben insgesamt gesehen „nicht dominante Ursache“.

Noch dramatischer beurteilte Dr. Biedermann das Insektensterben und sprach diesbezüglich von einem Biomasseverlust von 80 Prozent. Sein Fazit: Es fehlt die Nahrung bei Insekten wie Vögeln, um den Nachwuchs garantieren zu können.

Biedermann nannte detailliert Gründe dafür und sprach von Monotonisierung und Intensivierung der Landwirtschaft, ohne den einzelnen Landwirt dafür, aber die EU wegen ihrer praktizierten Agrarförderung verantwortlich zu machen, vom Aussehen der Landschaft wie ein riesiger Golfplatz, vom Verschwinden der Weiden und dem damit verbundenen Rückgang von Insekten, von den großen Maisfeldern als Wüsten für Vögel und Insekten und von viel Fehlverhalten auch in Siedlungen.

Möglichkeit zur Verbesserung

Er zeigte aber auch mancherlei Möglichkeiten zur Verbesserung der Verhältnisse auf. Allein in einer Tonne Dung einer Tierweide und in strukturierter Weide sah er schon positive Aspekte, ebenso im Biolandbau, im höheren Anteil von naturnahen Flächen, in der Schaffung von Biotopen, der von Biotopverbünden propagierten Renaturierung und der mit dieser verbundenen Wiederbelebung der Artenvielfalt.

Er warnte vor sogenannten „Agrarwüsten“, vor dem Mähen und Mulchen von Gemeindeflächen an Wegrändern, vor Steinwüsten in den Gärten – und empfahl andererseits Blühwiesen sowie Blühstreifen an Wegen. Zusammenfassend äußerte der Referent die Hoffnung auf die Realisierung des Ziels „Zukunft entsteht aus der Krise“ im Bemühen darum, „Natur zu produzieren“. Außerdem gehe es auch um die richtige Einstellung und konstruktives Verhalten des Verbrauchers – und insbesondere um die Notwendigkeit der Kooperation auch der Landwirte mit der Naturschutzlobby.

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich zur Genugtuung des Referenten eine rege Diskussion. Der örtliche VHS-Leiter fragte nach den Möglichkeiten weitergehender aktiver Kooperation – denn auch die VHS wolle sich darum bemühen, dem dramatischen Rückgang der Vogel- und Insektenpopulation zielstrebig und vor allem erfolgreich entgegenzuwirken. Z