Hardheim

„Aufbruchstimmung“ gab es 1949 in Hardheim Zu den besonderen Ereignissen, die sich zum 70. Mal jähren, zählt die Errichtung der Siedlung „Neue Heimat“

Erstes Bau- und Siedlungsgebiet nach dem Krieg

Archivartikel

Die „Neue Heimat“ wird siebzig: Die Errichtung der Siedlung zählt zu den besonderen Ereignissen in Hardheim, die sich zum 70. Mal jähren.

Hardheim. Mit der Eröffnung des „alten“ Sportplatzes unterhalb des Friedhofs, direkt am Riedbach gelegen, eröffneten die FN den Rückblick auf Ereignisse, die sich in diesem Jahr zum 70. Mal jähren. Denn gerade 1949, das erste Jahr nach der Geburt der D-Mark in 1948, war einem gewissen „Aufbruch“ gewidmet. Die Menschen schöpften Mut, hielten zusammen, bauten gemeinsam auf.

An diesen „Aufbaugeist“ wollen wir uns in Dankbarkeit erinnern, wurden doch seinerzeit Grundsteine gelegt, die für die heutigen Generationen eine Selbstverständlichkeit darstellen. Lediglich ältere Hardheimer können sich entsinnen, dass bei Kriegsende nur die rechte Seite der Schlossstraße bebaut war, und dass von da bis zum Schmalberg kein einziges Wohnhaus (außer Grünkerndarren im Paradeisweg, heute „Alte Würzburger Straße“) stand.

Unseren Rückblick auf das Jahr 1949 widmen wir heute der Errichtung der Siedlung „Neue Heimat“, die das erste Bau- und Siedlungsgebiet nach dem Kriege in Hardheim war.

Wohnungsnot

Insbesondere die große Anzahl von Vertriebenen, Flüchtlingen und Evakuierten sorgte für eine fast unmenschliche Wohnungsnot. Geistliche forderten weiteren Wohnraum, denn sie sahen in den von Erwachsenen und Kindern in den beengten Verhältnissen und insbesondere in den gemeinsam benutzten Schlafräumen eine große sittliche Gefahr.

Und auch die Baubehörden waren nicht müßig, die teilweise marode Bausubstanz anzuprangern, die die Masse der Bewohner der Häuser nicht auf Dauer aufnehmen könne. Denn nicht nur Wohngebäude wurden für die Unterkunft von Menschen genutzt, sondern auch Nebengebäude und halbfertige Häuser wurden zu Wohnzwecken umgenutzt, nur um die Menschen unterzubringen.

Auch die Mediziner warnten vor Epidemien und einer unkontrollierten Ausbreitung von Krankheiten. Die Kommunen waren in erster Linie gefordert zu handeln; zwar hatten sie keinen politischen Einfluss auf die Zuweisung von Menschen, mussten aber dennoch mit den Folgen und der Lösung umgehen. Eingaben der Bürgermeister an Landrat und Regierung, keine weiteren Menschen zuzuweisen, blieben ohne Erfolg.

Lobenswerte Eigeninitiative

Die Gemeinde Hardheim ergriff 1948 eine lobenswerte Eigeninitiative und organisierte Baugrund und somit wurde die Siedlung „Neue Heimat“ der Beginn der Erweiterung der Erftalgemeinde und weitere Siedlungsgebiete folgten. Die gemachten Erfahrungen ermunterten, zeigten neue Wege und sorgten dafür, dass die Neuankömmlinge blieben und nicht in Ballungszentren abwanderten, wo durch den Wiederaufbau der Städte insbesondere Arbeitskräfte gesucht wurden.

Die beschriebene, eklatante Wohnungsnot führte zur Gründung der „Neuen Heimat“ durch den katholischen Geistlichen, Pfarrer Heinrich Magnani, der in seiner Gemeinde Hettingen Vorbildliches leistete und seine Ideen durch seine gemeinnützige Baugenossenschaft auch in andere Städte und Gemeinden des Landkreises verbreitete.

In Hardheim begannen Ende 1948 die Planungen für eine Siedlung. Unternehmungslustige Vertriebene, die im Gegensatz vieler ihrer Schicksalsgenossen sich mit dem endgültigen Verlust der alten Heimat nach den Beschlüssen der Siegermächte bei der Potsdamer Konferenz Juli/August 1945 abgefunden hatten, zeigten Willen und Entschlusskraft zur Aufbauarbeit – und zwischen der Schlossstraße und der Wertheimer Straße wurde ein Baugebiet erschlossen.

Die Planungen sahen vier zweigeschossige Doppelhäuser und ein Dreifachhaus mit Wohnungen von jeweils 48 bis 50 Quadratmeter Wohnfläche, mit einem kleinen Garten und einem „Wirtschaftsgebäude“ für Kleintiere und Vorräte zur Eigenversorgung vor. Und das Baugebiet sollte möglichst autark sein.

Darum hatte man auch an Gewerbetreibende gedacht. So entstanden insgesamt 19 Wohnungen, ein Lebensmittelgeschäft (Hilde Berger), eine Metzgerei (Gustav Weber), ein Schuhgeschäft (Franz Brunner), ein Maler- und Gipserbetrieb (Karl Leitner) und ein Laden mit Bier, Weine, Spirituosen und Tabakwaren (Josef Odstrczil).

Weil die Vertriebenen keinerlei angesparte Eigenmittel aufbringen konnten, halfen Wiederaufbaukredite aus internationalen Programmen vor allem aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die über die Landeskreditbank verwaltet wurden, relativ lange Laufzeiten hatten und günstige Zinsen verlangten, die aber komplett zurückzuzahlen waren. In den Baukosten von 23 000 bis 25 000 DM waren auch die Eigenleistungen der Siedler mit rund 15 Prozent veranschlagt.

Schon die Grundsteinlegung verfolgten hunderte Hardheimer. Und auch das Richtfest war ein Ereignis, das sich kaum einer entgehen ließ. Die Hardheimer Musikkapelle spielte auf. Geistlicher Rat und Dekan Josef Heck gab den kirchlichen Segen.

Für den in 1952 tödlich verunglückten Bürgermeister Anton Henn war dieses vollendete Werk, das zweite große Ereignis binnen weniger Wochen. Und ein sichtbares Zeichen eines Aufbruchs in seiner Gemeinde.

Am 18. September 1949 schließlich erfolgte unter großer Anteilnahme der Hardheimer Bevölkerung die feierliche Einweihung der Siedlung, die 14 Familien (und Familienverbünde wie Großeltern, Eltern und Kinder) mit 72 Personen ein Obdach bot.

Allerdings waren alle Familien Vertriebene; eine Mischung mit Einheimischen, wie sie in den späteren Siedlungsgebieten der „Badischen Landsiedlung“ in der Kolpingstraße, im Adalbert-Stifter-Weg, in der Bürgermeister-Henn-Straße, in der Badischen Landsiedlung und in der Hebelstraße gab, war hier noch nicht vorhanden. Die „Eirich-Siedlung“, die zeitlich zwischen diesen genannten Baugebieten errichtet wurde, hatte auch nur einheimische Besitzer, war aber eine „Arbeitersiedlung“ der Maschinenfabrik.

Heute liegt die Siedlung „Neue Heimat“ im Herzen Hardheims. Vor ihrer Einfahrt treffen sich alle die zu den öffentlichen Verkehrsmitteln wollen und die in Post und Sparkasse Wichtiges zu erledigen haben. Aus dem Laden von Odstrczil wurde inzwischen die „Apotheke an der Post“ und einige Häuser haben durch An- und Zubauten den eigentlichen Charakter der ursprünglichen Siedlungshäuser verändert.

Von den ursprünglichen Siedlerfamilien sind nur noch vier Besitzer ihres Hauses.