Hardheim

Kriegsende Zeitzeugin Lissy Bohm erinnert sich an den Einmarsch der Amerikaner in Vollmersdorf

„Die Aufregung war groß“

Archivartikel

Vollmersdorf.Vor 75 Jahren besetzten die Amerikaner Hardheim und Ortsteile und damit endete der Zweite Weltkrieg. Zeitzeugin Lissy Bohm aus Hardheim kam als sechsjähriges Flüchtlingskind nach Vollmersdorf.

Die heute 82-Jährige erinnert sich an den Einmarsch der Amerikaner in Vollmersdorf: „Aufgrund der Bombardierung in Mannheim wurde ich mit meiner Oma nach Vollmersdorf evakuiert. Wir hatten gegenüber der Kirche in einem Bauernhof ein Dachzimmer zugewiesen bekommen. Meine Oma hatte auf dem Feld mitgearbeitet, ebenso wir Kinder.“ In dieser Zeit wurde Lissy Bohm sechs Jahre alt und wenig später eingeschult. Die Schule befand sich in Wettersdorf. Den Weg dorthin musste sie zu Fuß bestreiten. „Es war ein besonders strenger Winter mit viel Schnee. Wir Kinder hatten keine Stiefel oder Handschuhe“, erzählt sie.

Die heute 82-Jährige fügt an: „In der Dorfschule war nur ein Klassenraum, wo alle Kinder von sechs bis zwölf Jahren gemeinsam unterrichtet wurden. Der Heimweg war durch die Kälte und den hohen Schnee beschwerlich, und ich habe mir die kleinen Zehen und Fingerspitzen verfroren.“ Jeden Mittag durfte die damals Sechsjährige von Hand die Kirchenglocken läuten, das hat ihr viel Freude bereitet.

An den Tag der Befreiung, den 8. Mai 1945, erinnert sich Lissy Bohm noch ganz genau: „Plötzlich war große Aufregung im Dorf. An der Kirche wurde eine weiße Fahne gehisst, es fuhren Panzer, und amerikanische Soldaten marschierten ein. Eine Verteidigungsschießerei gab es zum Glück nicht. Wir standen alle auf der Dorfstraße mit Angst in den Augen. Ich hatte mich hinter der Schürze meiner Oma versteckt und sah zum ersten Mal einen dunkelhäutigen Mann.“

Aufstellung an der Kirche

„Alle Männer, die noch im Dorf waren, mussten sich an der Kirche aufstellen“, berichtet die Hardheimerin und erzählt weiter: „Die Jung-Bauern waren meist noch in Gefangenschaft. Die wenigen Männer, die noch im Dorf waren, mussten die Arme hochheben. Wir wussten nicht, was das bedeuten sollte.“

75 Jahre nach diesem Ereignis weiß die 82-Jährige, was das zu bedeuten hatte: „Die Tätowierungen des SS-Zeichens wurden erfasst.“

Sie erzählt weiter: „Die Männer wurden mitgenommen, waren jedoch nach geraumer Zeit wieder im Dorf. Die Amerikaner durchsuchten die Bauernhöfe, auch unser kleines Dachzimmer, und sahen, dass wir eine leere Speisekammer hatten. Ein Soldat brachte meiner Oma und mir einen Stahlhelm voller Eier.“

Nach wenigen Wochen konnte Lissy Bohm mit ihrer Oma wieder in das zerbombte Mannheim zurück, wie sie erzählt: „Unsere Wohnung war ausgebrannt, ohne Wasser und Strom. Meine Mutter war als Telefonisten-Nachrichtenhelferin zum Militär eingezogen worden und endlich wieder bei mir. Mein Vater war in Gefangenschaft.“

Das Leben dort war ein anderes: „Wir Stadtkinder hatten als Spielplatz nur die Ruinen und Trümmer. Das erste, was wir Kinder auf Englisch sagen konnten, war ,Have you chewing gum?’. Das heißt übersetzt ,Hast du Kaugummi?’“

Zum Abschluss schreibt Lissy Bohm: „Dies war ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Dagegen sind die Corona-Einschränkungen eine Kleinigkeit. Sind wir dankbar, dass wir seit 75 Jahren keinen Krieg haben, sondern Frieden.“