Hardheim

In Hardheim „Hör mal“ ist offen für alle Menschen mit Hörbeeinträchtigungen / Nächste Zusammenkunft am 12. November um 19.30 Uhr

Aha-Erlebnisse beim Treffen mit anderen

Ganz Ohr sitzen vier Menschen mit Hörbeeinträchtigungen in der Fahrschule Haas in Hardheim und lauschen den Geschichten ihres Gegenübers.

Hardheim. Die Geschichte, die andere Menschen da in Hardheim erzählen, könnte ebenso gut ihre eigene sein. „Es ist immer wieder verblüffend, wie sehr sich die Geschichten von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ähneln. Und wie wenig sie darüber sprechen“, bemerkt Mathias Weihbrecht. Der Audiotherapeut hatte in Hardheim eine Vortragsreihe organisiert, die auf lebhaftes Interesse stieß (die FN berichteten).

Selbsthilfegruppe „Hör mal“

Angelika Färber, eine Betroffene aus Wertheim, regte schließlich an, im Anschluss an die Vortragsreihe eine Selbsthilfegruppe (SHG) zu gründen. „Während der Vorträge ist bei mir ganz viel passiert. Es war wie ein Spaziergang in meine eigene Vergangenheit. Wie eine Offenbarung. Gleichzeitig bin ich aber auch in ein Loch gefallen“, erklärt sie im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten.

Das wird aufgefangen durch die Selbsthilfegruppe „Hör mal“, die sich jetzt regelmäßig in der Fahrschule Haas im Gebäude der Sparkasse trifft. Und an der alle Interessierten kostenlos teilnehmen können.

Auch Jutta Hübsch aus Hirschlanden hat sich selbst in den Vorträgen von Mathias Weihbrecht wiedergefunden, obwohl sie nach eigenen Worten schon lange Zeit offen mit ihrer Beeinträchtigung umgeht. „Für mich war es trotzdem gut, zu hören, dass es anderen genauso geht wie mir“, erklärt sie. Durch die Vorträge sei ihr zum ersten Mal klar geworden, was der Kopf eines Hörgeschädigten im Tagesablauf alles kompensieren müsse.

Deshalb sei es auch kein Wunder, dass man abends total am Ende sei. Auch von den Schwierigkeiten mit dem Hörgerät können die Betroffenen ein Lied singen. „Wenn man es nicht immer anzieht, ist man belästigt, denn es verstärkt alle Nebengeräusche. Das Tragen von Hörgeräten muss man trainieren. Ich habe den Versuch mit dem Hörgerät beim ersten Mal abgebrochen. Das war mir zu anstrengend“, gesteht die Frau aus Hirschlanden.

Unterstützung wichtig

Für Mathias Weihbrecht ist klar, dass die Betroffenen mit dem Hörgerät erst einmal Unterstützung brauchen. „Das könnte zum Beispiel auch die Selbsthilfegruppe leisten. Egal, um welche Art von Hörproblemen es geht“, verdeutlicht er. Grundsätzlich sei auch die hörende Seite hier nicht fehl am Platz, denn häufig wisse der hörende Angehörige nicht, wo das Problem für den anderen liegt. Einblick für Angehörige gebe es also auch in der Selbsthilfegruppe. Angelika Färber ist froh, dass es nach den Vorträgen des Audiotherapeuten weiterging. „Es geht um ganz praktische Dinge für den Alltag, die das Leben ungemein erleichtern. Für mich war das sehr hilfreich. Außerdem konnte ich damit die Talsohle überwinden“, sagt sie im Gespräch mit den FN. Praktische Beispiele seien zum Beispiel ein günstiger Sitzplatz im Lokal, der das Verstehen erleichtert oder das Schließen von Türen und Fenstern bei einem Telefonanruf, um sämtliche Nebengeräusche zu minimieren. Schon als Kind war Angelika Färber von Schwerhörigkeit betroffen. Da sie auch damals schon sehr groß war, saß sie in der Schule immer in der letzten Reihe und konnte dadurch noch weniger hören. „Für diesen Mangel habe ich mich immer schuldig gefühlt“, gesteht sie und die anderen Teilnehmer nicken wissend. Johanna Leiblein war bei Mathias Weihbrecht schon in der Audiotherapie. „Entscheidend für mich war, so ein Selbstbewusstsein zu kriegen“, steht für sie fest. Eine Brille zu tragen, sei nicht schwierig. Man könne erwarten, dass die anderen auf einen eingehen.

Deutlich macht sie das mit einem Beispiel vom Kaffeeautomaten, als eine Frau ihr sagt, sie habe die Brille vergessen. Ob sie ihr das doch bitte vorlesen könne. Kein Problem. „Mit Leuten, die schlecht hören, ist das ganz anders“, so ihre Erfahrung.

„Schlecht hören ist selbst in der Familie ein Stigma“, unterstreicht auch der Audiotherapeut. Für Johanna Leiblein steht fest, dass die meisten Menschen leiden, wenn sie ein Hörgerät bekommen. Ähnliche Erfahrungen haben auch Angelika Färber und Jutta Hübsch gemacht. „Auf keinen Fall kann man erwarten, dass man mit dem Hörgerät auf einmal alle Probleme los ist“, weiß Angelika Färber aus Erfahrung. Mathias Weihbrecht vergleicht das Hörgerät mit einem Einkaufswagen. „Sehr viel schwerer wäre es, wenn man alle Sachen mit der Hand zum Auto tragen müsste. Der Einkaufswagen erleichtert alles ungemein. So ist es mit dem Hörgerät auch“, verdeutlicht der Audiotherapeut.

„Mauer einreißen“

Für Johanna Leiblein ist die Selbsthilfegruppe ein „echter Raum für Leute mit Hörbeeinträchtigungen“. Es sei vollkommen anders als auf der Arbeit oder zu Hause. Man finde sich wieder. Und man verpflichte sich zu nichts. Das unterstreicht auch Mathias Weihbrecht, der überzeugt ist: „Man muss nicht leiden. Diese Mauer der Hörbeeinträchtigung kann man einreißen.“