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Handball Der ehemalige Weltklasse-Linksaußen Stefan Kretzschmar schildert in seinem Buch Höhen und Tiefen seiner Karriere

„Vieles wahnsinnig peinlich“

Frankfurt.Vom ausgeflippten Handball-Punk zum stolzen Vater, vom Lautsprecher der Szene zum seriösen TV-Experten: Stefan Kretzschmar hat seine Rolle im Leben gefunden. „Wenn ich zurückblicke, ist mir natürlich wahnsinnig vieles peinlich und unangenehm, weil es im Handball keinen größeren Schreihals und keinen größeren Phrasendrescher als mich gab“, sagt der 45-Jährige im Interview über seine wilden Jahre auf und abseits des Parketts. „Aber das hat mir andererseits eine Entwicklung ermöglicht und mich auch zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Und dort, wo ich jetzt bin, geht es mir sehr, sehr gut.“

In seinem gerade erschienen Buch „Hölleluja“ gibt Kretzschmar tiefe Einblicke in die Sportart, die sein Leben von Geburt an geprägt hat, aber auch in seine Seele. Der einstige Weltklasse-Linksaußen eiert nicht herum, sondern lässt den Leser dank seiner schonungslosen Offenheit hinter die Fassade schauen – sowohl bei sportlichen wie privaten Themen. Herausgekommen ist ein unterhaltsamer Mix aus fachlichen Expertisen, Anekdoten aus seiner Karriere und einer äußerst kritischen Selbstbetrachtung.

Mit der Mutter ausgesprochen

So räumt Kretzschmar ein, im Privatleben einiges verbockt zu haben. „Ich habe meine Tochter zweimal verlassen, war nicht der perfekte Papa, wie man ihn sich im heutigen Gesellschaftssystem vorstellt. Dieser Aufgabe bin ich in diesem Rahmen nicht gerecht geworden“, sagt der Ex-Star. Auch wenn er versuche, jetzt „der beste Papa der Welt“ zu sein, könne und wolle er die Versäumnisse der Vergangenheit nicht leugnen. „Das gibt man nicht gerne zu, weil es schmerzhaft ist. Aber es ist nun mal die Wahrheit“, sagt Kretzschmar. „Ich bin nicht unbedingt stolz darauf, wie ich 15 Jahre lang durchs Leben gegangen bin.“

Das alles hat er hinter sich gelassen, ist tiefgründiger und ernsthafter geworden. Dabei geholfen hat dem 218-maligen Nationalspieler, der mit der DHB-Auswahl bei der EM 2002, WM 2003 und Olympia 2004 jeweils Silber gewann, seine Lebensgefährtin Doreen. Sie brachte ihn auch dazu, sich gerade noch rechtzeitig mit seiner im Januar im Alter von 70 Jahren verstorbenen Mutter Waltraut – mit der Kretzschmar in seiner 2008 erschienen Biografie hart ins Gericht gegangen war – auszusöhnen. „Ich bin froh und erleichtert, dass ich noch die Gelegenheit hatte, mit Mama Frieden zu machen und uns beide zu befreien“, schreibt Kretzschmar.

Mit dem Tod seiner Mutter, die in den 1970er Jahren zu den weltbesten Handballerinnen zählte und mit der DDR zweimal Weltmeister wurde, hatte Kretzschmar lange zu kämpfen. „Es war ein Schock für mich“, schreibt er in einem sehr persönlichen Kapitel. Darin thematisiert er auch die schwere Depression der Mutter und den Tod von Vater Peter, einst Auswahltrainer der DDR-Frauen, nur sieben Monate später. „Er war mir immer mein wichtigster Ratgeber, meine Bezugsperson und der Mensch, der mich am meisten geprägt hat. Er war mein großer Held.“ Doch es gibt auch einiges zum Schmunzeln. Etwa, wenn Kretzschmar erzählt, wie er als 19-Jähriger seinen ersten Profivertrag beim VfL Gummersbach für 2000 Mark monatlich aushandelte. Oder wenn er davon berichtet, wie er vor einem Champions-League-Spiel des SC Magdeburg in Reykjavik mit zwei Mitspielern bis morgens um sechs Uhr in einer Bar versackte und ihm der damalige Trainer Alfred Gislason beim Video-Studium auf die Schliche kam, weil der isländische TV-Kommentator den Ausflug des bekannten Stars erwähnt hatte.

Und natürlich geht es ganz viel um Handball. Denn Kretzschmar ist als TV-Experte und Aufsichtsratsmitglied beim Bundesligisten SC DHfK Leipzig immer noch ganz nah dran am Geschehen. Der Heim-WM im Januar fiebert er entgegen. „Ich glaube, es wird ein riesiges Spektakel, bei dem unsere Jungs hoffentlich super performen“, sagt Kretzschmar und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass wir ins Halbfinale kommen. Das wäre großartig!“