Grünsfeld

In Zeiten von Corona Pest-Gedenktafeln in Grünsfeld / Derzeitige Pandemie ist mit den Folgen früherer Seuchen kaum zu vergleichen

Erinnerung an frühere Pestkatastrophen

Archivartikel

Bei manchen Menschen keimen speziell in den vergangenen Wochen und Monaten aufgrund der Corona-Pandemie auch Gedanken an die früheren Pestkatastrophen auf.

Grünsfeld. Die Corona-Krise hält seit mehreren Monaten Deutschland, Europa und die ganze Welt in Atem. Nach Angeben der Robert-Koch-Instituts (RKI) waren bislang alleine in Baden-Württemberg über 35 000 Personen nachweisebar vom Covid-19-Virus infiziert, davon etwa 1800 tödlich.

Im Main-Tauber-Kreis gab es fast genau 400 nachweisbar Infizierte, von denen inzwischen mehr als 385 Betroffene wieder genesen und andererseits rund zehn Personen verstorben sind. Allerdings sind die Auswirkungen der momentanen Corona-Pandemie in Relation geradezu unvergleichbar mit den einstigen Pestepidemien, die als verheerendste Seuchen der Menschheitsgeschichte gelten und unzählige Opfer forderten.

Erste Welle

In einer ersten Welle schleppten um 1347 vermutlich Seefahrer aus dem Vorderen Orient die Pest nach Europa ein, wodurch nach Schätzungen 20 bis 50 Millionen Menschen in den Jahren 1347 bis 1353 ihr Leben verloren, was etwa einem Drittel der Bevölkerung entsprach. Eine weitere große Epidemie-Welle gab es während dem 30-jährigen Krieg durch die umherziehenden Soldaten und die unzulänglichen Hygieneverhältnisse. Neben den vielen kriegsbedingt Verstorbenen waren es in dieser Epoche vor allem die Pesttoten, durch die teilweise ganze Dörfer nahezu ausgerottet wurden.

Als bei der Okkupation durch die Schweden und deren Verbündete 1632 erneut die Pest nach Grünsfeld gelangte, verzeichnete die Stadt rund 1200 Einwohner. Nach Abrücken der Besetzer 1634 waren es Überlieferungen nach nur mehr rund 650, so dass fast die Hälfte der Einwohner dem „Schwarzen Tod“, wie die Pest genannt wurde, zum Opfer gefallen waren.

Eine Gedenktafel am Friedhof in Grünsfeld ist mahnende Reminiszenz an diese erneute Epidemie und massenhaften Todesopfer vor über 400 Jahren. Im Speziellen ist die auf 1634 datierte Steintafel in der Art eines Epitaphs Zeichen für das Schicksal einer bis damals in der Stadt lebenden und angesehenen Familie „Seubet“.

Die 1,16 Meter hohe und 87 Zentimeter breite Muschelkalktafel zeigt den gekreuzigten Jesus mit Maria, im Hintergrund die umwehrte Stadt Jerusalem und im Vordergrund eine Familie, links der Vater mit fünf Söhnen sowie rechts die Mutter mit drei Töchtern.

Nachdem bei der Familie die Pest ausgebrochen war, mussten die Eltern Barbara und Georg Seubet mit ihren zahlreichen Kindern ihr Haus in den schützenden Mauern der Stadt verlassen sowie sich außerhalb ansiedeln. Auf dem Epitaph sind die Namen von sieben ihrer an der Pest verstorbenen Töchter oder Söhne aufgeführt: Georg, Agata, Margareta, Andreas, Wolffridrich, Hans und Jakob.

Totenkronen als Schmuck

Die verstorbenen Kinder sind durch kleine Kreuze über ihren Köpfen gekennzeichnet. Darüber hinaus sind bei den beiden Töchtern und dem ältesten Sohn noch die Totenkronen als Schmuck der ledig Verstorbenen erkennbar. Ursprünglich befand sich die Gedenktafel an der Außenseite der Stadtkirche, bevor sie in die Friedhofsmauer neu eingelassen wurde.

Womöglich auf eine noch andere, vorangegangene Pestepidemie weist einer von vier aus der Barockzeit des 17. Jahrhunderts stammender Prozessaltar in Grünsfeld an der Ecke Lange Gasse/Hauptstraße hin. Als Schlusspunkt der vier Prozessionsaltäre zeigt dieser vierte Altar aus dem Jahr 1627 die Kreuzigung Jesu. Vermutlich habe ein großes Peststerben 1607 zur Errichtung dieses Altares geführt, heißt es auf der Homepage der Stadt Grünsfeld unter der Rubrik lokaler Sehenswürdigkeiten. Demnach seien bei dieser Seuchenwelle sogar 700 Einwohner in der Stadt zum Opfer gefallen.

„Viele Katholiken überlebten als ohnmächtige, leidende Menschen diese Katastrophe und fanden in der nachreformatorischen Zeit verstärkt zu Gelübden, Prozessionen und Wallfahrtsaktivitäten zurück“, wird in der Beschreibung berichtet. Darüber hinaus seien laut dieser Quelle 1633 erneut 220 Grünsfelder an der Pest verstorben.

Unabhängig wie viele Opfer es tatsächlich bei den jeweiligen Pestepidemien in der Stadt Grünsfeld gegeben hatte, sind sowohl offensichtlich der Prozessionsaltar von 1627 als auch die Gedenktafel mit Epitaph aus dem Jahr 1634 Mahnmale dafür, welche immense Leiden und Anzahl an Todesopfer die Bevölkerung im Laufe früherer Jahrhunderte einige Male ertragen musste.

Eine Besonderheit

Als Besonderheit des vierten Prozessionsaltares gilt, dass dessen in Stein gehauenes Bildmotiv von einem älteren Altar aus dem Jahr 1453 stamme und hier in der noch heute sichtbaren Weise neu inszeniert worden sei. Die Gedenktafel von 1634 stellt daneben mit ihren in Stein gehauenen beiden Wappenzeichen des Elternpaars auch ein bedeutendes Zeugnis Grünsfelder Handwerkergeschichte dar.

Die Mutter Barbara Seubert entstammte einer Metzgerfamilie, wie der in ihrem Wappen symbolisch geführten Spaltaxt zu entnehmen ist. Vater Georg Seubert hingegen war offensichtlich Glaser, da sein Wappen in vertikaler Richtung die drei in historischen Gläserzeichen vertretenen Werkzeuge zeigt, nämlich einen Feuerkolben, ein Kröseleisen und einen Glaserhammer.

Da sich solche historischen Glaserzeichen nur in geringer Zahl erhalten haben, verdient speziell dieses Motiv ebenso aus lokaler handwerksgeschichtlicher Sicht ganz besondere Beachtung.