Großrinderfeld

Aussiedlerhöfe Vier Bauern aus Großrinderfeld wagten vor 60 Jahren die Neuansiedlung ihrer Anwesen außerhalb der Ortschaft / Heute noch ein Vollerwerbsbetrieb übrig

Landwirte passten sich Strukturwandel an

Archivartikel

Um ihre Betriebe weiterentwickeln zu können, benötigten viele Landwirte Mitte des 20. Jahrhunderts mehr Platz. Außerhalb der Ortschaften bauten sie deshalb neue, so genannte Aussiedlerhöfe.

Großrinderfeld. Das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland in den 1950er und 60er Jahren schlug auch voll auf die Landwirtschaft durch. Für viele Bauern war es räumlich unmöglich, ihre Viehbestände in der engen Ortslage aufzustocken. Das war auch in Großrinderfeld der Fall.

Mutiger Schritt

Vor 60 Jahren entschlossen sich mutige zukunftsorientierte Landwirte zur Aussiedlung ihrer Betriebe. Ihre Hofstellen im Ortskern von Großrinderfeld entsprachen angesichts der Fläche, den Gebäuden und Entwicklungsmöglichkeiten nicht mehr den Anforderungen einer modernen Landwirtschaft.

Eugen Stolzenberger, Julian Bach, Julian Kleinhans und Richard Bäuschlein errichteten rund 600 Meter südwestlich der Ortbebauung nach Beratung durch die Gesellschaft für Innere Kolonisation (GFK) und in enger Zusammenarbeit mit dieser Einrichtung ihre neuen Hofstellen.

Programm „Grüner Plan“

Die Förderung (Eigenkapital, Zuschuss, Darlehen) der Aussiedlung von Landwirten erfolgte über den „Grünen Plan“, einem Programm der Bundesrepublik Deutschland. Ziel war es, Strukturen im ländlichen Raum zu schaffen, die sich leichter bewirtschaften ließen, um die Bevölkerung sicher mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Aussiedler sollten über mindestens zehn bis 15 Hektar bewirtschaftete Fläche und wenn möglich noch über weitere Pachtflächen verfügen.

Im Rahmen der Flurbereinigung Großrinderfeld, die vom Flurbereinigungsamt in Tauberbischofsheim umgesetzt wurde, waren mit der Besitzeinweisung 1955 schon größere Bearbeitungsflächen entstanden. Mehr oder weniger zufällig hatten die vier Aussiedlungswilligen im Gewann „Schwarlachergrund/Beunth“ bereits Grundbesitz für die geplante Maßnahme, der durch weiteren Tausch von Flächen mit anderen Landwirten auf die erforderliche Größe für eine zweckmäßige Hofgestaltung von rund 40 Ar erweitert werden konnte. Eugen Stolzenberger stand sogar die doppelte Fläche zur Verfügung.

Altenteil

Alle vier Wohnhäuser wurden in der gleichen Weise gestaltet, drei davon mit Altenteil. In diesem sollte nach der Hofübergabe an die nächste Generation der „Altbauer“ mit seiner Frau wohnen. Ausgeführt wurden die Bauarbeiten von den Firmen Deckert, Schönfeld und Spörer (Böttigheim). Mit dem Bau begonnen wurde 1960. Ein Jahr später war alles bezugsfertig.

Die für Aussiedlerhöfe anfallenden Kosten, die von der Gemeinde Großrinderfeld für Straßenbau, Wasserversorgung, Abwasserentsorgung und Stromanschlüsse zu tragen waren, wurden durch weitere staatliche Programme größtenteils abgedeckt.

Viehbestände zunächst vergrößert

Bis Ende der 1960er Jahre vergrößerten alle Aussiedler ihre Viehbestände kontinuierlich. Gleichzeitig änderte sich die Tierhaltung rasant. Von Milchvieh mit Nachzucht und Schweinehaltung stellte ein Betrieb auf reine Schweinezucht und -mast um, andere auf Bullenmast. Die Zahl der Tiere auf den Höfen nahm stetig zu.

Zwei Landwirte gaben ihre Betriebe mangels Nachfolger schon Ende des 20. Jahrhunderts auf und verpachteten ihre Flächen an aufstockungswillige Landwirte. Bei einem Hof, den der Jungbauer 1967 den übernommen hatte, erfolgte die Betriebsaufgabe mit anschließender Verpachtung 2007.

Heute betreibt noch der Sohn eines Aussiedlers intensiv Landwirtschaft, jedoch ohne Viehhaltung. Er bewirtschaftet über 100 Hektar. Zwei Aussiedlerhöfe werden ausschließlich bewohnt, ein weiterer beherbergt inzwischen einen Pferdehof. Zwei Wohnhäuser wurden im Laufe der Jahrzehnte durch Aufstockung vergrößert.

Typisch für die Großrinderfelder Aussiedlerhöfe waren die rund acht Meter hohen Rundsilos, die von den Einheimischen gerne als „Krautständer „bezeichnet wurden.

In den ersten Jahren nach ihrer Aussiedlung 1960 arbeiteten die Landwirte noch bei der Milchanlieferung und bei Fahrten ins Dorf (Kirchgang, Einkauf, Schulabholung der Kinder usw.) eng zusammen. Dies ließ nach, als sich die Betriebsstrukturen änderten und die Motorisierung stark zunahm. Entsprechend war man nicht mehr so sehr aufeinander angewiesen. Die vier „Gründungsmitglieder“ der Aussiedlerhöfe sind inzwischen alle gestorben. Auf drei Höfen leben Nachkommen. Hofnachfolger Oskar Bach ist 82 Jahre alt.

Die Wohnbebauung von Großrinderfeld sind den vier Aussiedlern in den vergangenen Jahrzehnten sehr nahe gekommen. Der Bauhof der Gemeinde liegt nur 200 Meter entfernt.