Großrinderfeld

Historisches Walter Kees fand schräg stehenden Buntsandsteinklotz an der alten Geleitstraße zwischen Gerchsheim und Großrinderfeld / Funktion nicht geklärt

Historischer Stein gibt sogar Experten Rätsel auf

Archivartikel

Entlang der alten Geleitstraße von Gerchsheim nach Großrinderfeld entdeckte der Heimat- und Kulturverein einen historischen Stein, auf dessen Sinn man sich noch keinen Reim machen kann.

Großrinderfeld/Gerchsheim. Als Walter Kees, wie so häufig, durch die heimische Natur wanderte, fiel ihm im Sellinger Wald ein schräg stehender Buntsandsteinklotz auf, der in der Nähe der offiziellen Gemarkungsgrenze von Gerchsheim und Großrinderfeld signalisiert. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn immer wenn ein neuer Grenzstein gesetzt wurde, ließ man in der Vergangenheit die bisherigen einfach stehen.

Wichtiger Handelsweg

Das war Kees bewusst, da er aktives Mitglied im Heimat- und Kulturverein Großrinderfeld ist und dort in der Arbeitsgruppe Geleitstraßen schon einiges für die Erforschung der heimischen Geschichte beigetragen hatte. Geleitstraßen waren die Autobahnen des Mittelalters. Als sichere Wege für Kaufleute mit ihren Waren führten sie quer durch Deutschland. Bis mindestens ins 8. Jahrhundert lassen sich Nachweise in Großrinderfeld über die Existenz dieser Fernstraßen finden.

Hier wurden neben den beschriebenen Waren auch die Reichsinsignien von Nürnberg nach Frankfurt transportiert, wenn ein neuer Kaiser gekrönt werden sollte. Geleitstraßen sind auch als Alte Straße, Heerstraße, Römerweg, Kaiserweg, Napoleonsweg, Weinstraße (vom mitteldeutschen „woin“ = Wagen) oder Hohe Straße bekannt. Vielfach findet man die Begriffe heute noch in alten Flächenbezeichnungen.

Am Wegesrand solcher Straßen befanden sich häufig Kleindenkmale, wie Bildstöcke oder Sühnekreuze, die so für viel Aufmerksamkeit sorgen sollten. An den Übergabepunkten von Geleitstraßen, also an Gebietsgrenzen, gab es aber auch sogenannte „Zollstöcke“ oder „Zigeunerstöcke“. Dabei hat der Zollstock nichts mit dem Maßstab heutiger Prägung zu tun, sondern war ein Hinweis auf den in der nächsten Ortschaft zu entrichtenden Zoll.

Das Grenzgebiet des heutigen Bayern und Baden-Württemberg war bereits im Mittelalter eine Herrschaftsgrenze, allerdings zwischen dem Gebiet von Churmainz und dem Hochstift Würzburg, wenn auch die Herrschaftsgrenzen öfter verschoben wurden. Fest steht, dass Großrinderfeld ab 1585 zum Herrschaftsbereich der Kurfürsten von Mainz gehörte, Gerchsheim dagegen ab spätestens 1590 zum Hochstift Würzburg.

Die alten Geleitstraßen führten meist auf Höhenzügen direkt von einer Ortschaft in die nächste, in diesem Fall von Würzburg kommend über Kist, das Forsthaus Irtenberg, Gerchsheim und Großrinderfeld nach Tauber)Bischofsheim, der ersten Nächtigungsstation nach Würzburg. Von da aus ging es über Külsheim, Miltenberg und Seligenstadt nach Frankfurt. Ausgangspunkt der hier im Raum befindlichen Geleitstraßen waren entweder Nürnberg oder Augsburg. Daran erinnert beispielsweise der Seligenstädter Kaufmannszug, der seit 2001 alle vier Jahre auf den alten Routen diese Tradition der Kaufmannszüge wieder aufleben lässt.

Geleit muss heute keines mehr geleistet werden, denn die Straßen sind sicher und man muss keine Angst mehr vor Räubern oder Überfällen haben. Das war im Mittelalter anders. Hier versuchten Raubritter, beispielsweise auch Götz von Berlechingen, oder andere Räuber ihr Überleben durch Überfälle zu sichern. Um einen gewissen Schutz zu erhalten, zahlten die fahrenden Kaufleute eine Art Geleitgeld an die jeweiligen Herrscher und wurden so von bewaffneten Truppen begleitet, die gegen Räuber schützten.

Meist war in diesem Zahlungen auch der notwendige Zoll abgedeckt. Aber wer als Einzelreisender unterwegs war, dem musste rechtzeitig kundgetan werden, dass er in der nächsten Siedlung Zoll zu zahlen hatte. Dies zeigten auf den Geleitstraßen sogenannte „Zollstöcke“ an, also Stelen mit Tafeln, die den jeweiligen Tarif vor Augen führten.

Um so einen Zollstock handelt es sich wahrscheinlich bei der Entdeckung im Sellinger Wald, soviel hat die Arbeitsgruppe mittlerweile herausgefunden. Das Gebiet trägt noch heute den Flurnamen Zollstock und das Gebiet nebenan heißt „Brücklein“, weil es früher eine Brücke über einen Wasserlauf des oberhalb gelegenen Sumpfgebietes gab.

Hinweise auf alten Zollstock

Das alles sind Hinweise, so Hendrik Beierstettel, dass es sich bei der Entdeckung von Walter Kees um einen alten Zollstock handelt, zumal sich bei weiteren Untersuchungen zeigte, dass im Umfeld des Steines ein weiterer massiver Brocken von 80 mal 90 Zentimetern bei einer Tiefe vonrund 40 Zentimetern. Er hat damit ein berechnetes Gewicht von mindestens 650 Kilogramm. Oben mittig weist der Stein eine eingehauene rechteckige Mulde auf (Breite 30 Zentimeter, Länge 20 Zentimeter, Tiefe 13 Zentimeter). Da der stehende Stein exakt in diese Vertiefung hineingesteckt werden könnte, dürfte es sich bei dem freigelegten Stein vermutlich um den Sockel des stehenden Steines handeln.

Hier stellt sich die Frage, wieso dann der Stein einst aus seinem Sockel genommen wurde, bloß um ihn sorgsam direkt dahinter wieder aufzustellen. Sorgsam auch deshalb, weil er an seinem neuen Standort sogar ringsum mit flachen Kalksteinen umrandet, verziert wurde. Womöglich wurde er damit symbolisch „außer Dienst“ genommen.

Über die exakte Funktion dieses Steins zeigen sich alle bisher kontaktierten Experten ratlos (unter anderem. Landesdenkmalämter Baden-Württemberg & Hessen und Deutsches Zollmuseum). Die Vermutungen gehen von einem Zollstock (Zolltafel) über einen Schlagbaum, Poller bis zu einer Armsäule (alter Wegweiser, wo in die Einkerbungen oben dann hölzerne, beschriftete Arme eingesteckt gewesen wären) oder auch einem Zigeunerstock (er wies auf mögliche Strafen bei Vergehen hin).

Vermutlich von großer Bedeutung

Welche Funktion der Stein auch immer hatte, es muss offensichtlich eine sehr wichtige gewesen sein und es muss dabei von großer Bedeutung gewesen sein, dass er exakt an seinem Standort bleibt, was der gewaltige, nahezu überdimensioniert wirkende Sockel zeigt. Auf die ehemalige große Bedeutung weist darüber hinaus hin, dass es sich bei den beiden Steinen um Buntsandsteine handelt. An ihrem Standort gibt es keine Buntsandsteine, hier ist Kalksteingebiet. Die Sandsteinregion beginnt frühestens sechs Kilometer weiter nördlich. Die zwei Steine, die zusammen über eine Dreiviertel Tonne wiegen dürften, müssen also mit großem Aufwand kilometerweit transportiert worden sein, so Beierstettel.