Großrinderfeld

Blick in die Geschichte Ferdinand und Maria Lesch erhofften sich in den USA ein besseres Leben / Beide starben sehr jung in Olpe, Kansas

Heimweh nach Großrinderfeld blieb

Um ein besseres Leben zu führen, sind Ferdinand Lesch und seine Frau Maria nach ihrer Hochzeit vor 140 Jahren in Großrinderfeld in die USA ausgewandert.

Großrinderfeld. Am 15. Januar 1879 gaben sich Ferdinand Lesch und Maria Leuchtweis in der Pfarrkirche St. Michael vor Pfarrer Michael-Alois Seltzsam das Ja-Wort. Sie werden anschließend auch ortsüblich ihre Hochzeit gefeiert haben. Geboren waren die beiden 1852 bzw. 1853. Bis 1884 wurden ihre ersten vier Kinder Emil (1880), Martin (1881), Rosa (1882) und Lioba (1883) geboren. Kurz bevor das junge Paar heiratete, vererbte eine ledige Tante der jungen Braut die Ochsenwirtschaft, welche diese auch bis 1885 betrieb.

Der Bräutigam Ferdinand hatte in seiner Jugend auswärts das Metzgerhandwerk von der Pike auf gelernt und hatte eine sehr kleine Landwirtschaft. Aufgrund der nicht rosigen wirtschaftlichen Verhältnisse entschloss sich das junge Paar, alles zu verkaufen, wahrscheinlich auch das ererbte Gasthaus und nach Amerika auszuwandern, um dort einer besseren Zukunft entgegensehen zu können.

Ferdinand Lesch ging im Herbst 1884 nach Cleveland in Ohio, arbeitete dort und erwarb ein kleines Haus. Maria, seine Frau folgte ihm ein halbes Jahr später mit den vier Kindern und ihrer Schwester Katharina. Sie segelten auf dem Dampfer Eider und nach neun Tagen auf See erreichten sie am Pfingstmontag 1885, Ende Mai, New York. Sie hatte acht Federbetten, einige große Kopfkissen, eine große Kiste mit Leinenstoffen, die Musikinstrumente des Vaters usw. mitgenommen. Natürlich hatte sie hohe Transport- und Zollgebühren für all das zu zahlen.

Das Haus in Cleveland war gut eingerichtet, selbst eine Nähmaschine hatte Ferdinand seiner Frau schon gekauft. Sie blieben jedoch nicht lange in Cleveland, sondern ließen sich von einem Landverkäufer überreden, nach Olpe in Kansas zu wechseln.

Kleine Farm und Metzgerei

Dort hatten sie nun eine kleine Farm, die jedoch nicht den erhofften Profit abwarf, um die restlichen Hypotheken abzubezahlen. Ferdinand Lesch richtete deshalb in Olpe eine Metzgerei ein. Inzwischen waren zwei weitere Kinder zur Welt gekommen. Der Verdienst war jetzt besser, aber immer noch nicht ausreichend. So ging er ab 1889 zeitweise nach San Antonio in Texas und arbeitete in einer Metzgerei und in einem Lagerhaus. In Texas bekam er einen Herzanfall, kam krank zurück nach Olpe und starb im Juli 1890 im Alter von nur 39 Jahren. Das siebte Kind war gerade unterwegs.

In der Familienchronik ist vermerkt, dass es in Olpe eine der größten Beerdigungen war, die man dort bis dahin jemals gesehen hatte. Katholiken und Protestanten aus der ganzen Umgebung, teilweise weit entfernt wohnend, nahmen teil.

Nach dem Tod des Vaters hatte die Mutter von nun sieben Kindern hart zu kämpfen. Sie betrieb weiterhin den Metzgerladen. Sie ging umher, um die Fleischbestände selbst zu kaufen. Hauptsächlich kaufte sie junge Stiere und Kälber, dann mietete sie einen Mann, der das Töten durchführte und sie bekam das Kühleis von Emporia zweimal pro Woche.

Die Leute wussten, dass sie gutes Fleisch verkaufte und ihr Geschäft florierte. Die Farm konnte sie jedoch nicht halten, sie wurde verkauft. Mit dem übrigen Geld bezahlte sie das Wohnhaus mit Metzgerei vollständig ab.

Im Juli 1893 wurde Maria Lesch krank und erholte sich nicht mehr. Sie starb am 15. Oktober und ließ sieben Kinder als Waisen zurück. Die Verwandten in Deutschland wollten die Kinder nach Grossrinderfeld zurückholen. Der Pfarrer, der Schullehrer und ein Geschäftsmann in Olpe, Kansas, verhinderten dies. Alles wurde verkauft, das Geld an die Kinder verteilt. Diese wurden alle zu Adoptiveltern rund um Olpe gegeben. Die Buben erlernten alle Berufe, Lioba ging in ein Kloster. Der Kontakt zu Tante Katharina Reiling, geborene Leuchtweis, die mit der Mutter nach Amerika gekommen war, riss nie ab. Sie wurde 83 Jahre alt und starb 1940. Zu ihren Erbstücken gehörte die Nähmaschine, die Ferdinand Lesch seiner Frau Maria bei ihrer Ankunft 1885 in Amerika gekauft hatte.

Geld für die Rückreise

In einer Schmuckschatulle von Maria Lesch wurden 700 Dollar gefunden. Sie hat während ihres ganzen Aufenthaltes in Amerika immer Heimweh gehabt und wollte mit dem Geld dafür sorgen, dass ihr Ehemann Ferdinand in der Heimaterde, in Grossrinderfeld, begraben wurde. Sie selbst sehnte sich auch nach ihrer alten Heimat, wie in der Familienchronik vermerkt ist. Sie starb wohl eher durch ein gebrochenes Herz und aus Einsamkeit seit dem Tod ihres Ehemannes, als durch eine Krankheit, obwohl man sagte, sie sei am Typhusfieber gestorben. Fr. Arnoldy von Olpe, Kansas, schrieb einige Jahre später, dass die Beerdigung von Maria Lesch eine der traurigsten war, die sie jemals besucht hatte. Ferdinand Henry, der noch nicht ganz drei Jahre alt war, wurde auf dem Arm getragen. Als der Sarg in der Kirche nochmals geöffnet wurde, damit die Kinder zum letzten Mal ihre Mutter sehen konnte, weinte er laut, machte sich los und rannte auf die Leiche zu und schrie: „Mama, Mama, Mama, oh meine Mama.“ Im Friedhof hielt ihn diese Frau wieder und er zuckte zusammen und schrie laut: „ Oh diese bösen Leute, legen Mama in eine Grube und werfen Dreck auf sie.“

Alle Leute weinten, Männer, Frauen und Kinder und niemand schämte sich. Die Nachkommen der Leschs vermehrten sich in Amerika zahlreich. David Lesch, Urenkel der beiden Auswanderer, wohnhaft in Florida, will in nächster Zeit seine Verwandten Lesch und Leuchtweis in „Good old Germany“ besuchen. Da sich die Lesch und Leuchtweis in Großrinderfeld auch zahlreich vermehrten, wird er viel Zeit brauchen.