Fußball

Fußball Ursachenforschung zu chancenlosen Odenwäldern in der Verbandsliga Nordbaden / Der Abstieg stand zuletzt schon zur Winterpause fest

Veränderte Einstellung der Spieler ist ein Grund

Auf den ersten Blick ist das eigentlich keine Neuigkeit: Die Fußball-Mannschaften aus dem Odenwald hinken in der Verbandsliga der Konkurrenz hinterher. Klar, bis auf wenige Ausnahmen hatte es der Meister aus der Landesliga Odenwald schon immer schwer, in Badens höchster Spielklasse mit den „Großen“ aus den Regionen Rhein/Neckar und Mittelbaden mitzuhalten. Allerdings nimmt die Chancenlosigkeit der Verbandsliga-Aufsteiger aus den Fußballkreisen Mosbach, Buchen und Tauberbischofsheim in den vergangenen Spielzeiten erschreckende Ausmaße an. Hielten einst Vereine wie der FV Lauda (später sogar Oberligist), der TV Hardheim, der SV Schollbrunn oder die Spvgg. Neckarelz zumindest bis zum Schluss mit, stehen „die Odenwälder“ in den jüngsten Spielzeiten schon zur Winterpause als Absteiger praktisch fest – so auch aktuell: Nach der Heimniederlage gegen das Tabellen-Schlusslicht SG Kirchheim hat der FV Lauda mit zwölf Zählern 13 Spieltage vor Saisonende satte 14 Punkte Rückstand zum ersten Nichtabstiegsplatz. Unsere Aufarbeitung der Thematik zeigt, dass diverse Gründe schuld sind an dieser unerfreulichen Entwicklung.

„Die Region könnte eine schlagkräftige Mannschaft in der Verbandsliga stellen“, glaubt Marcel Baumann, Trainer des FV Lauda. Der ehemalige Oberliga-Spieler sieht einen Grund für den Niedergang in der mangelhaften Einstellung vieler talentierter Spieler: „Heute muss man zehn, zwölf Gespräche führen und hoffen, dass dann zwei gute Spieler kommen“, sagt Baumann. Er habe damals als 18-Jähriger gar nicht lange überlegt, als sich zum Ende seiner A-Junioren-Zeit der damalige Verbandsligist TV Hardheim um ihn bemüht hatte. „Da habe ich gar nicht lange nachgedacht. Ich wollte einfach in dieser höheren Klasse spielen“, erinnert er sich.

Strerath muss Augen zudrücken

Heute ist das längst nicht mehr so: Gute Spieler gibt es nach wie vor in der Gegend, doch die bleiben oft lieber eine oder zwei Klassen tiefer bei ihrem Heimatverein. Die Sehnsucht nach Spaß und Gaudi mit den Kumpels aus dem Heimatverein scheint immer öfter größer als der unbedingte Wille zu sein, das sportlich Maximale aus sich herausholen zu wollen. Auch Stefan Strerath, 19-maliger Bundesliga-Spieler und heute Trainer beim augenblicklichen Tabellenführer der Landesliga Odenwald Spvgg. Neckarelz, hat diese Entwicklung erkannt: „Die Bereitschaft, alles für den Fußball zu geben, blättert bei den jungen Leuten schon ab.“ Selbst er, Coach eines Landesliga-Spitzenteams mit Ambitionen, müsse oft beim Verhalten der Spieler „ein paar Augen zudrücken, sonst würde ich es auch nicht aushalten“.

Die fußballerische Malaise im Odenwald wurde zwischen 1996 und 2006 auch dadurch übertüncht, weil der FV Lauda während dieser Zeit in der Oberliga Baden-Württemberg spielte und dadurch die Fahne des „nördlichen Nordbadens“ stets eisern hochhielt. Auch der zwischenzeitliche Höhenflug der Spvgg. Neckarelz bis in die Regionalliga blendete und verdeckte das sportliche Darben.

Pauschalisieren möchte Felix Wiedemann, der Spielleiter des Badischen Fußball-Verbandes (BFV), die Chancenlosigkeit des Odenwalds nicht: „Das muss man von Saison zu Saison betrachten.“ Aktuell sei die Verbandsliga sehr stark, auch weil mit Sandhausens U23, der TSG Weinheim und Walldorf II drei Teams aus der Oberliga abgestiegen sind, zudem ist Vizemeister FV Heddesheim in der Verbandsliga geblieben, da er in der Relegation zur Oberliga gescheitert war. Ähnlich wie Vorgänger Siegfried Müller, der stets betonte, dass die Welt im Odenwald noch in Ordnung sei, sieht Felix Wiedemann eine differierende Einstellung der Klubs aus Mosbach, Buchen und „Tauber“ zu denen aus Rhein/Neckar und Mittelbaden: „Der sportliche Anreiz, in der Verbandsliga zu spielen, ist natürlich auch für die Odenwälder Vereine immer da – allerdings nicht um jeden Preis.“ Während man „im Norden des Verbandsgebiets“ meist anständig absteigt und dann halt in der Landesliga weiter macht, wird „im Süden“ oft eine Menge Geld in die Hand genommen – entweder, um die Klasse doch noch zu halten oder um ein Jahr später wieder zwanghaft aufzusteigen. Und in diesem Zusammenhang ist Wiedemanns nachgeschobene Aussage durchaus als Kompliment für die hiesige Region zu werten: „Gute Vereinsarbeit ist nicht spielklassenabhängig.“

Auf Nachfrage weist der BFV-Sportchef darauf hin, dass der Landesliga-Meister nicht aufsteigen muss: „Man kann auch verzichten, dann wandert das Aufstiegsrecht an den Vizemeister.“ Für Stefan Strerath und die Spvgg. Neckarelz wäre das im Falle des Titelgewinns keine Option: „Unser Ziel ist die Verbandsliga, um dort beheimatet zu sein.“

Dieses ambitionierte Ansinnen der Neckartäler basiert auch auf der exzellenten Jugendarbeit. C- und B-Junioren der Spvgg. sind Verbandsliga-Spitze, die A-Junioren spielen sogar in der Oberliga. Und damit ist der nächste Punkt für das sportliche Abdriften des Odenwalds in die Bedeutungslosigkeit genannt: Die Jugendarbeit. In den 90er Jahren bis „Anfang der 2000er“ boten beispielsweise der FV Mosbach, der FV Lauda, der TSV Tauberbischofsheim oder der SC Viktoria Wertheim höherklassige Jugendarbeit an, spielten mit ihren A-Jugenden fast durchgängig in der Verbandsliga (siehe Infobox). Doch solch eine „qualifizierte Jugendarbeit“ mit lizenzierten Trainern gibt es heute außer in Neckarelz (und im angrenzenden württembergischen Hollenbach) gar nicht mehr. Woher sollen denn die guten Spieler kommen? Von den drei DFB-Stützpunkten etwa? Der demografische Wandel nagt freilich heftiger an der ländlichen Region als im städtischen Bereich. Es fehlt schlichtweg „das Material“. Sieben Teams der A-Junioren-Landesliga Odenwald sind Spielgemeinschaften, bestehend aus mindestens zwei Vereinen, auf die sich dann die zwei, drei oder, wenn es gut läuft, vier Jugendlichen verteilen, die „rauskommen“ in die Herrenmannschaften.

Videoanalyse bei C-Junioren

Zum Vergleich, und darauf weist Gerhard Schmetzer, Präsident des FV Lauda, berechtigt hin: In den Bereichen „Mittelbaden“ und „Rhein-Neckar“ gibt es drei Nachwuchsleistungszentren: Bei der TSG Hoffenheim, dem SV Sandhausen und dem Karlsruher SC. „Spieler, die es dort nicht schaffen, spielen später vielleicht einmal in der Verbandsliga, sind aber viel, viel besser ausgebildet als unsere Spieler hier“, so Schmetzer. Und mit etwas Sarkasmus fügt Marcel Baumann an: „Dort lernen die schon in der C-Jugend die Videoanalyse kennen. So etwas haben bei uns viele Spieler der ersten Mannschaft noch nie gemacht.“

Das Leistungsplus „der Anderen“ rührt zudem daher, dass „Mittelbaden“ und „Rhein/Neckar“ mittlerweile gespickt sind mit Vereinen, die den ersten vier Ligen angehören (Hoffenheim I und II, Sandhausen, Karlsruhe, Walldorf, Waldhof). Herren und Jugendliche, die es dort „nicht schaffen“, landen immer mal wieder bei einem Verbandsliga-Klub „nebenan“ – und werden dort zu Leistungsträgern ob ihrer Erfahrungen, die sie „höherklassig“ gesammelt haben. Beispiel: Zum Kader des FC Zuzenhausen gehören mit Tobias Keusch und Denis Bindnagel zwei Spieler, die bereits in der Regionalliga oder, wie im Falle Bindnagel, 2. Bundesliga gespielt haben.

Wenn man noch bedenkt, dass die Verbandsliga einst die vierte Liga war (siehe „blauer Kasten“) und sich dort der FV Lauda über Jahre hinweg bewährte und später, zwischen 1995 und 2008, auch der TV Hardheim, der SV Schollbrunn und die Spvgg. Neckarelz zumindest konkurrenzfähig waren in einer Verbandsliga als fünfthöchste Spielklasse, so ist es schon erschreckend, dass heute im Grunde kein Odenwälder mehr mithalten kann – in einer Verbandsliga als nur noch sechste Spielklasse.

Als letztes Odenwald-Team schaffte der TSV Höpfingen 2015 den Klassenerhalt in der Verbandsliga. Es ist zu befürchten, dass diese Leistung ein historischer Akt war…