Freudenberg

Interview Rauch-Chef Michael Stiehl über die Folgen der Umstrukturierung und die Zukunftsaussichten des Möbelherstellers / Standorte sollen erhalten bleiben

„Wir benötigen als Unternehmen eine Perspektive“

Archivartikel

Freudenberg.Bei den Rauch Möbelwerken gab es in den vergangenen Monaten harte Einschnitte. Die Fränkischen Nachrichten sprachen mit Geschäftsführer Michael Stiehl über die Folgen der Umstrukturierung und die Zukunft des Unternehmens.

Herr Stiehl, als wir uns im Februar das letzte Mal unterhielten, hatten Sie ein Umstrukturierungsprogramm angestoßen. Sie haben damals von 250 Stellen gesprochen, die wegfallen sollen. Waren es letztendlich so viele?

Michael Stiehl: Es waren auf jeden Fall nicht so viele Mitarbeiter, von denen wir uns trennen mussten. Wir haben Möglichkeiten der Fluktuation genutzt, auch schon vorher. Wir haben auch wieder neue Stellen geschaffen, zum Beispiel haben wir ein Digitalteam mit zehn Mitarbeitern aufgebaut, um uns auf die neuen Herausforderungen des Marktes einzustellen.

Es gab dann auch betriebsbedingte Kündigungen. Wie viele waren das?

Stiehl: Es waren 32 Vollzeitmitarbeiter.

Wie man hört, werden auch noch Fälle beim Arbeitsgericht verhandelt.

Stiehl: Ja, das stimmt, es gibt eine Handvoll Fälle. Für den größten Teil konnten wir mit den regionalen Arbeitsagenturen vereinbaren, dass die Mitarbeiter, die gehen, keine Sperrzeiten bekommen. Auch jene, die in der Transfergesellschaft waren.

Es sind Leute betroffen, die zum Teil Jahrzehnte bei Rauch gearbeitet haben. War das denn absolut nicht zu vermeiden?

Stiehl: Leider ja. Es waren jedoch relativ wenige. Für die Betroffenen gab es keine anderen Chancen, weil das eben auch mit den Arbeitshinhalten zusammenhängt. Wir bauen das Unternehmen um, benötigen andere, neue Qualifikationen. Wir mussten einen Schnitt machen. Auch wegen der Perspektive des gesamten Unternehmens für die Zukunft. Und somit für die sehr große Zahl an Mitarbeitern, die ja langfristig an Bord bleiben sollen.

Manch einer steht jetzt vor einem Scherbenhaufen…

Stiehl: Wir haben das sehr ausgewogen gemacht. Es hat Abfindungen gegeben. Und wir haben es zu einem Zeitpunkt gemacht, als die Wirtschaft voll in Takt und der Arbeitsmarkt aufnahmefähig war. Ich weiß von vielen Mitarbeitern, die in Wertheim oder im Miltenberger Raum bei unterschiedlichen Unternehmen untergekommen sind.

Ist das Projekt abgeschlossen?

Stiehl: Das Projekt ist abgeschlossen. Seit Beginn des neuen Geschäftsjahres befinden wir uns in den neuen Strukturen. Wir merken an vielen Stellen eine deutliche Verbesserung. Ich will nicht verschweigen, dass es an der einen oder anderen Stelle hapert. Da steuern wir sehr fokussiert nach. Wir sind sicher, dass wir unser Ziel erreichen.

Nach unseren Informationen gibt es schon noch einige Baustellen. Es soll massive Probleme in Verwaltung und Produktion geben, weil zu wenig Personal vorhanden ist. Aufträge könnten nicht zeitgerecht vorbereitet, Reklamationen nur mit größeren Verzögerungen abgearbeitet werden. Manch ein Kunde soll sogar schon wegen der erhöhten Lieferfristen abgesprungen sein. Haben sich die von Ihnen angeheuerten Unternehmensberater verrechnet?

Stiehl: Sie sprechen einen Bereich an, den wir zentralisiert haben. Das ist genau der Bereich, wo wir noch nachjustieren werden. Wir haben dort mittlerweile auch zusätzliche Kapazitäten hineingesteckt. Aber, um es ganz offen zu sagen: Wir hatten in diesem Bereich schon vor der Umstrukturierung Nachholbedarf. Dank der zusätzlichen Kapazitäten sind wir heute da, wo wir auch sein wollen.

Was verstehen Sie unter Zusatzkapazitäten?

Stiehl: Die Mitarbeiter machen Überstunden. Wir haben auch Mitarbeiter aus anderen Bereichen verlagert, um das aufzufangen.

Wie hoch schätzen Sie die Umstrukturierungskosten insgesamt?

Stiehl: Das kann ich nicht genau sagen, weil es ein Mix aus Investitionen und Kosten ist. Aber das war erwartungsgemäß schon eine deutliche Belastung im vergangenen Geschäftsjahr.

Das Jahresergebnis fiel deswegen niedriger aus?

Stiehl: Das war eine Zusatzbelastung. Wir als Gesellschafter haben gesagt, dass wir das Unternehmen neu ausrichten müssen. Durch die Schließung des Werks 1 vermeiden wir Fixkosten. Wir haben eine deutliche Reduzierung zum Beispiel der Transportkosten.

Ihre Umsatzrendite war im Geschäftsjahr 2017/2018 schon nicht gerade hoch.

Stiehl: Wir waren mit dem Ergebnis und vor allem mit der Entwicklung nicht zufrieden. Deswegen haben wir uns angeschaut, wo wir etwas ändern können. Der Markt ist im Moment sehr herausfordernd. Es gibt starken Wettbewerb aus Osteuropa. Dort sind die Lohnkosten deutlich niedriger. Aber wir haben den Vorteil, dass wir im größten europäischen Markt zu Hause sind, in Deutschland. Das bringt uns Vorteile bei Logistik- und Transportkosten.

Sie haben bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass es nach der Umstrukturierung keine schlechten Nachrichten mehr aus dem Hause Rauch geben werde. Bleiben Sie bei dieser Aussage?

Stiehl: Ich bleibe bei dieser Aussage. Wir gewinnen deutliche Anteile im Online-Bereich. Alle Strategiegespräche mit Kunden verlaufen sehr positiv. Die Erwartungen an uns sind relativ groß. Im Export-Bereich sehen wir viele Chancen, die wir in Westeuropa, aber vor allem auch in Osteuropa erschließen können.

Gibt es Herausforderungen wegen des Brexits?

Stiehl: Der britische Markt ist sehr wichtig. Was erstaunlich ist: Wir haben zunächst mit einem deutlichen Umsatzrückgang gerechnet. Das hat sich nicht eingestellt. Es gibt aber zwei große Risiken: Wenn der Brexit kommt, egal mit oder ohne Abkommen, wird sich der Wechselkurs verändern. Wir rechnen in Pfund. Wir verlieren also Umsatz in Euro. Und wir rechnen damit, dass die Konjunktur in Großbritannien einbricht. Wegen der Zölle werden die Lebenshaltungskosten steigen, was zu einer Kaufzurückhaltung führt. Das schlägt sich im Umsatz nieder. Viele kleine Händler, die wir beliefern, werden dann wohl aufgeben müssen.

Wo soll der steigende Auslandsumsatz dann herkommen?

Stiehl: Wir sehen in Westeuropa Wachstumsmärkte: Frankreich, Spanien, Portugal, Italien. Betrachtet man die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, also das Wirtschaftswachstum, sehen wir in Osteuropa noch größere Chancen. Dort gibt es viele Bautätigkeiten. Das geht oft mit einem Möbeleinkauf im Nachgang einher.

Wenn man die Situation insgesamt betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass das Unternehmen möglicherweise aufgehübscht wird für einen Verkauf.

Stiehl: Diese Schlussfolgerung ist völlig falsch. Wann würden Sie so etwas machen? „Aufhübschen“ hieße: Ich mache es schöner, als es eigentlich ist. Genau das tun wir nicht. Wir haben nochmal sehr intensiv in das Unternehmen investiert. Wir wollen den Standort hier in Deutschland und somit unsere Werkstandorte halten. Der Wettbewerb ist hart. Vor dem Hintergrund war das die richtige Maßnahme zum richtigen Zeitpunkt.

Das heißt, die Gesellschafter bleiben an Bord. Es gibt keine Verkaufspläne?

Stiehl: Es gibt eine Vereinbarung unter den Gesellschaftern, dass diese Investition jetzt notwendig ist, und dass wir das Unternehmen so erhalten wollen.