Freudenberg

Borstentier streift durch Freudenberg Anwohner fühlen sich von Stadtverwaltung alleine gelassen / Bürgermeister Henning: „Das Thema ist kompliziert“

Wildschwein terrorisiert Nachbarschaft

Wochenlang war in Freudenberg ein Wildschwein unterwegs – mitten im Wohngebiet. Ganze Gärten sind verwüstet. Die Anwohner fühlten sich alleine gelassen. Seit Freitag ist damit Schluss.

Freudenberg. Das Wildschwein muss sich hier sauwohl gefühlt haben. Das schön gelegene Grundstück der Familie Bach in der Freudenberger Lindtalstraße ist teils verwüstet. Auch beim Nachbarn, Lukas Fuchs, hat das Borstentier ganze Arbeit geleistet. Seit Freitag hat der Spuk ein Ende: Friedolin, wie das Wildschwein getauft wurde, ist tot. Erschossen vom Jagdpächter Gerd Fellmer aus Wertheim. Endlich – sagen die Leute. Die Sau war das Thema diesen Sommer in der Nachbarschaft.

Scharf auf Engerlinge

Das Drama begann sechs Wochen vor dem jähen Ende des Tiers. Anfangs war eine ganze Rotte in der Umgebung aktiv. Dann zog Friedolin alleine durch die Gegend. Vom Lindtal kommend wanderte er auf der Suche nach Nahrung zunächst durch die ehemaligen Weinberge oberhalb der Bebauung.

Besonders scharf war der Schwarzkittel auf Engerlinge, die eiweißhaltigen Larven der Maikäfer. Auch leckeres Fallobst stand auf dem Speiseplan des Tiers. „Wir haben versucht, die Sau zu vertreiben“, berichtet Peter Bach. Ohne Erfolg. Friedolin blieb unbeeindruckt. Dann begannen Bewohner, ihre Grundstücke einzuzäunen. Gertraud und Peter Bach haben 500 Euro in die Installation eines Elektrozauns investiert. Doch das Tier störte sich kaum daran und suchte sogar den Weg auf dicht bebaute Grundstücke unterhalb der Lindtalstraße. Friedolin grub hier gleichsam ganze Gartenflächen um. Zurück blieben verwüstete Flächen.

Noch mehr Sorgen als um den Zustand der Gartenflächen machten sich die Anwohner um die Kinder auf der Straße. In der Nähe befindet sich die Lindtalschule. Der Unterricht beginnt diese Woche.

Eine Arztpraxis sorgt für regen Verkehr. „Die Wildsau hätte einem Kind begegnen können, dass dann möglicherweise vor Schreck vor ein Auto gelaufen wäre“, beschreibt Peter Bach seine Bedenken.

Rathaus wimmelt ab

Schon früh – vor etwa vier Wochen – habe man Hilfe im Rathaus gesucht. Doch hier stieß man zunächst auf taube Ohren. In unangemessener Weise habe man dort abgewunken: Man sei nicht zuständig. „Wir haben Fotos an die Stadtverwaltung geschickt, um zu dokumentieren, dass das Tier zu jeder Tages-und Nachtzeit im Gebiet unterwegs ist“, berichtet Lukas Fuchs. „Es gab keine Reaktion.“ Man solle die Polizei rufen, sei der einzige Ratschlag gewesen. „Wir haben uns alleine gelassen gefühlt“, meint Gertraud Bach.

Bürgermeister Roger Henning dagegen sagt, dass er am ersten Tag nach seinem Urlaub am 19. August von dem Thema gehört und sich sofort darum gekümmert habe. „Ich war mehrfach vor Ort und habe Gespräche geführt, auch mit dem Förster und dem Jagdpächter“, sagt er. „Wir mussten uns rechtlich schlau machen, um Lösungsmöglichkeiten herauszuarbeiten“, erzählt Henning. Die Thematik sei kompliziert.

Bürgermeister: „Wir bleiben dran“

„Die Stadt kann das rechtlich nicht lösen“, versichert er. Zunächst hätten seine Leute vom Bauamt Vergrämungsmittel aufgetragen. Dies habe ebenso wenig Früchte getragen wie eine Vertreibungsaktion mit Hunden. Die Polizei dürfe nur bei Gefahr im Verzug schießen, so Henning, der vor seinem Amtsantritt Anfang 2015 selbst Polizeibeamter war. Übrig bleibe eigentlich nur der Jagdpächter. Diese Funktion nimmt in dem Gebiet Gerd Fellmer wahr. Der Wertheimer betreibt auch eine Jagdschule in Freudenberg. „Wir dürfen nicht in Gärten jagen“, sagt Fellmer. Das verbiete das Gesetz, weil Menschen nicht gefährdet werden dürften.

Bei seinem ersten Vor-Ort-Termin habe er die Situation als gefährlich eingeschätzt und deswegen von dem Gebrauch der Jagdwaffe abgesehen. Beim zweiten Termin, am vergangenen Freitag, habe er das Wildschwein entfernter von der Bebauung angetroffen und erlegt.

Bürgermeister Henning räumt ein, dass es wegen der Angelegenheit „emotionale Gespräche“ mit Anwohnern gegeben habe. Er habe gewusst, dass die Leute besorgt gewesen seien. Für diese Woche habe er schon einen Termin eingeplant, um den Bürgern die Sachlage zu erklären. Er verspricht: Wir bleiben dran.“

Allerdings müsse sich der Gesetzgeber Gedanken machen, wie man solcher Probleme besser Herr werden kann. „Ich habe einen Eid geleistet, und werde keine Gesetze brechen“, sagt er und ergänzt: „Ansonsten machen wir alles, was im gesetzlichen Rahmen möglich ist.“