Freudenberg

Carnevalsverein Finkenbrüchle Freudenberg Viele Höhepunkte und kurzweilige Büttenreden ließen die fünfstündige Prunksitzung wie im Flug vergehen

Listiger Spott und tolle Tanzeinlagen

Nonsens-Marathon: Bei ihren Sitzungen am Wochenende lieferten die „Finken“ eine mehr als fünfstündige Show, die zu begeistern wusste. Erstmals ging Bürgermeister Henning „in die Bütt“.

Freudenberg. Fünf Stunden können einem unendlich lang vorkommen. Sie können aber auch so kurzweilig sein, dass sie scheinbar wie im Flug vergehen. So war es am Freitagabend bei der Prunksitzung des Carnevalsvereins Finkenbrüchle Freudenberg (CFF) in der Turnhalle. Die begann schon mit einem wahren Knalleffekt, dem „Solo für Flo“, mit dem sich der neue „Obervogel“ Florian Gehrig, dem närrischen Volk präsentierte. Ein wenn auch unfreiwilliges Solo gab es auch für Ulrike Maier, denn die Sitzungspräsidentin musste alleine durch das Programm führen. Heiko Brand, der etatmäßige Co-Moderator, war aus persönlichen Gründen verhindert.

„Ein guter Start war stets gewiss, wenn das Finkenmariechen die Beine schmiss“, wusste Maier. Und so war es auch diesmal. Hanna König gefiel mit ihrer schwungvollen und akrobatischen Darbietung, die sie gemeinsam mit Romina Brand einstudiert hatte. Im vergangenen Jahr war es übrigens noch umgekehrt: Romina als Finkenmariechen und Hanna als Trainerin. Die Zugabe bestritten beide dann gemeinsam.

Nachwuchs überzeugte

Erst die Ultraminifinken, dann die Minifinken und schließlich die Jugendfinken: Um die Zukunft muss es den närrischen Vögeln nicht bange sein, haben sie doch jede Menge tänzerischen Nachwuchs in ihren Reihen. Alle überzeugten und begeisterten sie das Publikum mit ihren Darbietungen.

Da hatte es Fritz Ulshöfer nicht leicht, der diesmal als Uhrmacher in die Bütt ging, um dort die welt-, europa- und deutschlandpolitische Lage zu beleuchten und zu beklagen. „Der Traum von Enkel und Opa, frei und einig sei jetzt Europa“, sei gescheitert am Eigensinn der Briten und an der mangelnden Verhandlungsbereitschaft der restlichen EU, meinte er zum bevorstehenden Brexit. Viel Verständnis zeigte der ehemalige Lehrer für die jugendlichen Klimademonstranten, die er mit „alle raus jetzt auf die Straßen und nichts mehr sich gefallen lassen“ anfeuerte.

Ein scheinbar arg lädierter „Fink“ ließ sich dann zur Bühne schieben. Schief angelegte Parkplätze an der Halle und sich darob verselbständigende Autotüren hatten ihm zugesetzt. Zum Glück hatte der bunte Vogel schon vorher seinen Flug über Freudenberg absolviert, so dass Detlef Scheiber, der wieder mal in das traditionelle Kostüm geschlüpft war, einiges zu berichten hatte. Zum Beispiel zur bevorstehenden Schließung des Werks I. „Ganz viel will man da bauen, wenn es mal nicht mehr raucht.“ Aber „ob wir das noch erleben, da habe ich meine Bedenken“. Bei seinem Urteil über die Historientage nahm der „Fink“ kein Blatt vor den Mund. Ein „Flop“ seien diese gewesen. „Wenn ich alte Leute in ihren alten Kleidern sehen will, gehe ich an den Main zu den Kreuzfahrttouristen.“

Dann hatte „Fink“ Scheiber auch noch einen Hit getextet, den man in den kommenden Jahren noch häufiger bei diesen und anderen Gelegenheiten hören dürfte: So lange der Main nach unten fließt, so lange haut uns nichts um. Da stimmte beim Refrain – natürlich im Dialekt – schnell der ganze Saal begeistert mit ein.

Von den „Leiden“ eines alleinerziehenden Vaters sang stimmgewaltig Jürgen Wiedemann, ehe mit der Jugendgarde wieder eine Tanzgruppe an der Reihe war, die mit Melodien von Abba für mächtig Schwung sorgte. Schon gewusst? Bürgermeister Henning will aus dem Badesee ein Fünf-Sterne-Themalbad machen. Und dass es seit geraumer Zeit beim „Finkenbrüchle“ kein Prinzenpaar mehr gibt, daran ist er auch schuld. Denn ohne die närrischen Tollitäten gibt es niemanden, dem er das Rathaus übergeben muss und dann kann er am 11.11. frei machen und zu Hause bleiben.

Das waren nur einige der dunklen Geheimnisse, die der „Horst“ in der Bütt verriet. Hinter dessen ziemlich prolligem Äußeren verbarg sich niemand anderes als der Bürgermeister, der sich hier selbst auf die Schippe nahm. Die ziemlich umstrittene Jagdverpachtung in Wessental, der Besuch der damals noch bayerischen Ministerin Ilse Aigner, vor allem aber das Schicksal des Werk-I-Geländes mitten in der Stadt – an Themen, die das Finkenchörle besingen konnte, mangelte es wahrhaftig nicht.

Henning bekam sein Fett weg

Auch Roger Henning bekam sein Fett weg wegen der missglückten Historientage. „Ich mach mein Ding, egal was die Bürger sagen. Mach ’nen Event, wo keiner hinrennt“, sangen die bunten Vögel frei nach Udo Lindenberg. War da noch was im vergangenen Jahr? Klar die Fußball-Weltmeisterschaft. Ihrer nahmen sich Martina Beck und Frank Rodiger an, wobei letzterer bekannte, Frankreich zu mögen. Schon des Namens wegen: „Frank - reich.“

Wenn es heißt „Pretty in Pink“ ist es Zeit für die so gewandete Prinzengarde, die mit ihrem Tanz das Gute-Laune-Barometer noch ein Stück weiter nach oben trieb.

Was machen die Finken, wenn Fasching vorbei ist? Sie, respektive der Oberfink Florian Gehrig, suchen ein Zuhause. Claudia Müssig und Ilona Scheurich versuchten, ihm ein solches zu vermitteln, was wegen seiner speziellen Eigenschaften gar nicht so einfach war. Menschliche Instrumente zum Klingen brachte, gekonnt, dirigiert von Jürgen Karch, die „Spaßtanzgruppe“. Das war fast so hübsch anzusehen wie der Auftritt der „SC-Schnittchen“ im Kostüm von Arielle der Meerjungfrau.

Als Vorsitzender ist Jürgen Karch inzwischen im Ruhestand, aber als „Prinzregent“ hält er die hoheitlichen Traditionen in Ermangelung eines Prinzenpaares aufrecht. Vor allem jedoch ist er nach wie ein geistreich-verschmitzter Redner, der über die Beschwerlichkeiten des Alters klagte. Nur Karchs Frotzeleien in Richtung seiner Ehefrau fielen diesmal etwas schaumgebremst aus. Was daran gelegen haben könnte, dass Gaby heuer ganz vorne in der ersten Reihe und damit sozusagen von Angesicht zu Angesicht saß.

Loblied auf die Stadt

„Männer, die auch schon mal besser ausgesehen haben“ – nein, mit dieser Ankündigung der Sitzungspräsidentin war nicht Karch gemeint. Der war ja soeben auch fertig geworden. Es kam, leicht bekleidet und kunstvoll geschminkt, das Männerballett, ein Haufen grusliger Zombies, das zu „Thriller“ und mit den „Hells Bells“ das Finale der Show einläutete. Das gehörte nach einem Jahr Pause wieder Stimmungskanone Diana Figureido. Wie sang sie, voller Inbrunst und Überzeugung? „Freudenberg, du bist der geilste Ort der Welt.“ Wer würde da zu widersprechen wagen?