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Poisel: Zeit für Veränderung

Archivartikel

Philipp Poisel, live und Open Air - am Freitag, 30. Juni, spielt der Liedermacher in Bad Mergentheim. Das Konzert im Schlosshof beginnt um 20 Uhr.

Dann gibt es alle Songs des neuen Studioalbums "Mein Amerika" zu hören. Die Single "Erkläre mir die Liebe" war unlängst für die 1Live-Krone als "beste Single" nominiert, und wurde von Poisel und seiner Band in den legendären "Blackbird Studios" in Nashville/Tennessee aufgenommen - analog, mit viel Zeit und mit Mut zu einem neuen, reifen Sound. Der leise Gesang der frühen Tage macht einem Sänger Platz, der neugierig macht auf das neue Album, und der mit dem neuen Sound auch auf den großen Arena Bühnen angekommen ist.

Im Gespräch spricht Poisel über sein neues Album "Mein Amerika".

Herr Poisel, sechs Jahre ohne neues Album kommen im schnelllebigen Musikgeschäft einer Sünde gleich. Haben Marktgesetze in der Zeit bis "Mein Amerika" eine Rolle in Ihren Gedanken gespielt? Philipp Poisel: In der Zeit war ich mitunter sehr weit weg davon, auf der Bühne zu stehen, in einer Band zu spielen und vom Musikersein. Mein Alltag, hier, wo ich wohne, war so präsent, dass ich fast schon vergessen hatte, irgendwann wieder ein neues Album aufzunehmen. Am Horizont stand schon geschrieben, dass ich irgendwann wieder eine Platte aufnehmen wollen würde. Aber ich hatte mich ganz bewusst in ein "normales Leben" zurückfallen lassen, um den Kontakt zu meinem Ursprung nicht zu verlieren. Worüber sollte ich Lieder schreiben, wenn ich im Künstler-Elfenbeinturm leben würde?

Sie haben nicht das Gefühl mit "Mein Amerika" spät dran zu sein? Poisel: Doch, aber nur etwa ein Jahr zu spät. Ich habe mir immer schon viel Zeit gelassen. Für mein erstes Album hatte ich sogar meine Kindheit und Jugend als Vorbereitungszeit. Vielleicht bin ich ein bisschen spät dran. Aber einen Zyklus von fünf Jahren könnte ich mir auch zukünftig für meine Platten vorstellen. Ich brauche Zeit, um etwas zu erleben, worüber ich dann auch singen möchte. Ich will mir Zeit für Veränderungen nehmen.

Ist es wichtig für Sie, dass man kontinuierlich Veränderungen in Ihrer Musik hören kann? Poisel: Nachdem ich für "Projekt Seerosenteich" meine Lieder neu interpretiert hatte, stand für mich die Gefahr im Raum, in einer Endloswiederholungsschleife zu landen. Ich wollte mich nach dieser Erfahrung verändern und mich auf die Suche nach blinden Flecken oder anderen Seiten von mir begeben.

Auf der Suche sein, das Reisen spielt seit jeher eine zentrale Rolle in Ihrem Sujet. "Bis nach Toulouse", "Mein Amerika", die Referenz an Robinson und Freitag im neuen Song "Roman"... Bahnt sich Ihr Abenteurergeist unablässig seinen Weg in Ihre Lieder, mit allem Staunen, das dazu gehört? Oder ist es die Flucht vor Bestehendem? Poisel: Beides. Wenn ich daheim bin, habe ich Fernweh. Wenn ich unterwegs bin, habe ich Heimweh. In diesem Spannungsfeld entstehen meine Lieder. Meine Kindheit und die Phantasie, die damals so riesig war, beschäftigt mich. An die versuche ich immer wieder heran zu kommen. Phantasie ist ein Land, in dem ich mich mit Genuss aufhalte. Meine Reise nach Amerika war vielleicht auch eine Illustration dieses Landes nach Außen hin.

Klingt wie eine interessante Lebensreise... Poisel: ...während der ich mir bewusst Ziele setze, um nicht stehen zu bleiben. Ich möchte natürlich weiterhin gerne auf der Bühne stehen. Es macht mir einfach Spaß, Musik als Beruf oder als Berufung zu verstehen. Aber ich muss damit immer wieder neue Richtungen anpeilen, um mich nicht selbst zu langweilen. Deshalb muss ich vom Sofa aufstehen, um auf der Bühne etwas Neues aufführen zu können.

Inspiriert die Lebensreise den Musikreisenden Philipp Poisel? Poisel: Ja, aber diese Medaille hat zwei Seiten. Manchmal wird die Musikreise auch zur Bürde. Mit dem Erfolg kommen auch Erwartungen. Mein Ventil war immer die Freiheit. Diesmal war die Musik auch eine große Belastung und ich flüchtete mich ins Malen, um darin wieder eine Freiheit fühlen zu können. Mein Lebensweg ist nicht nur romantisch. Es liegen auch viele Steine herum, die manchmal ein Chaos nach sich ziehen. Ich muss entspannt sein, um Lieder schreiben zu können. Früher, als ich Hausaufgaben machen musste, griff ich zur Gitarre, um Momente der Freiheit fühlen zu können. Heute experimentiere ich mit Farben, um mich frei fühlen zu können, wenn ich Lieder schreiben will. Ich mag mich gerne spüren beim Schreiben und nicht dem Gefühl erliegen, dass ich dem geschäftlichen Konstrukt zuarbeiten muss, das mit meinem Erfolg geboren worden war.