Creglingen

Noch ist es Zeit

Es ist wieder Herbst. Herbst, goldene Sonnenstrahlen der milden Herbstsonne. Früchte, die in den Gärten und an den Bäumen reifen. Eine fröhliche, zuweilen auch ausgelassene Zeit. Die Zeit der Weinfeste, Kirchweihen und des Erntedankfestes. Das ist die eine Seites des Herbstes.

Herbst, der Wind fegt die letzten Blätter von den Zweigen. Die Zugvögel haben sich aus dem Staub gemacht. Die Nächte werden noch länger, die Tage trüber, die Stimmung nachdenklicher.

Man feiert Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Das ist die andere Seite des Herbstes. Beide Seiten machen den Herbst aus. Er ist eben eine Zeit des Übergangs: vom Sommer zum Winter. Rainer Maria Rilke (1875-1926) inspirierte der Herbst zu mehreren Gedichten. Hier sein Gedicht Herbsttag aus dem Jahr 1902:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Der Herbst als Zeit des Übergangs. Schon rein äußerlich sieht man es diesem Gedicht an. So wie die Nächte im Herbst immer länger werden, so kommt in diesem Gedicht in jeder Strophe eine Zeile dazu. Auch inhaltlich spielt der Übergang eine Rolle. Erst ist noch vom Sommer die Rede. Dieser ist nun zu Ende. Es kommt eine andere Zeit. Eine Zeit der Schatten und Winde.

Das Gedicht beginnt als Gebet. Gott wird aufgefordert, die Zeit des Sommers enden zu lassen. „Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Und doch ist der Sommer noch nicht ganz vorbei. Was im Sommer angefangen hat zu wachsen, das kommt jetzt zu voller Reife. Es ist die Zeit der Vollendung. Die Sonne hat noch genug Kraft, um das Werk des Sommers zu vollenden.

Die dritte Strophe gehört nicht mehr zum Gebet. Es wird nachdenklich. Die Natur spielt nur eine nebensächliche Rolle. Jetzt geht es um den Menschen. Und doch hängt diese Strophe eng mit den ersten beiden zusammen. Auch in der dritten Strophe geht es um Veränderung und Vollendung. Es geht um Gemeinschaft, aber auch um Einsamkeit.

Das Ziel des Menschen ist die Gemeinschaft. Aber wird es mir gelingen, Teil einer Gemeinschaft zu sein? So, wie die reife Traube im süßen Wein Vollendung findet.

Oder wird mein Leben von Einsamkeit geprägt sein? Ein großes Thema unserer Zeit. Auch auf dem Land. Doch im Gegensatz zur Traube haben wir es doch – wenigstens zum Teil – selbst in der Hand, ob wir Vollendung finden.

Für mich ist dieses Gedicht Ansporn. Noch ist es Zeit, Gemeinschaft zu suchen, Gemeinschaft zu finden. Mit wachen Augen und offenem Herzen in der Familie, im Ort, in der Kirche.

Pfarrer Matthias Haas, Reinsbronn