Creglingen

Land und Leute Albert Krämer ist auch mit 90 Jahren noch ein hoch engagierter Ehrenbürger / Vortrag über Josef Preßburger am 22. November

Jüdische Geschichte liegt ihm am Herzen

Archivartikel

Creglingen.Seit 1990 ist Albert Krämer Ruheständler. Theoretisch. Praktisch ist es das bei dem mittlerweile 91-jährigen ehemaligen Realschulrektor und Creglinger Ehrenbürger allerdings eher ein Unruhestand. Mit Vorträgen und Führungen engagiert er sich unter anderem für das Jüdische Museum Creglingen, wo er am kommenden Freitag in einen Vortrag über das Leben von Josef Preßburger berichten wird.

Zupacken hat Albert Krämer von Kind auf gelernt: Die Eltern betrieben im inzwischen nach Nürtingen eingemeindeten Dörfchen Reudern eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Die insgesamt drei Geschwister mussten früh mithelfen, viel Zeit zum Lernen blieb nicht. Ferien? Fehlanzeige, und trotz Intervention seines Lehrers verweigerte der Vater dem Sohn den Besuch des Gymnasiums. Immerhin: dass er nach Abschluss der achten Klasse 1943 die Lehrerbildungsanstalt Schwäbisch Hall besuchen durfte, konnte die Mutter durchsetzen.

Nicht lange: der 16-Jährige musste 1944 erst sechs Wochen lang am Westwall Schützengräben ausheben und bald darauf die als Arbeitsdienst getarnte Infanterieausbildung antreten. Zum Einsatz kam er glücklicherweise nicht mehr, konnte sich nach Hause durchschlagen und im ersten Nachkriegsjahr das Familieneinkommen durch Mitarbeit in der elterlichen Landwirtschaft, im Winter als Waldarbeiter ergänzen.

Lehrer in Schmerbach

Seine Ausbildung nahm er im Sommer 1946 erst an der Esslinger Lehreroberschule, ab Spätherbst an der neuen Nürtinger Einrichtung wieder auf. Das ermöglichte weitere Mitarbeit zu Hause, auch nach der Abschlussprüfung während des Schulpraktikums in Oberboihingen und des Studiums am Pädagogischen Institut in Esslingen.

1951 führte die erste Anstellung den Junglehrer kurz an die Hilfsschule in Geislingen, ehe der Schmerbacher Bürgermeister – Krämer hatte ihn nach abenteuerlicher Fahrt und Suche im Ort schließlich auf seinem Acker gefunden – ausschellen lassen konnte, dass der neue Schullehrer da sei. Der stürzte sich in die Arbeit mit 74 Schülern der Klassen 1 bis 8, fühlte sich nach der Arbeit in Geislingen mit sehr schwierigen Schülern in Schmerbach regelrecht „wie im Himmel“, auch wenn es galt, vormittags die Großen, nachmittags die Kleinen zu unterrichten.

Ein Jahr später folgte die Versetzung nach Sechselbach, wo nach dem Krieg die Schule in einem Privathaus untergebracht war. Hier gab es zwar keine Dienstwohnung, aber auf den inzwischen erprobten Lehrer wartete eine mit 30 bis 40 Schülern kleinere Einklassenschule.

Die im April 1953 erfolgte Versetzung nach Waldmannshofen hatte Krämer selbst beantragt, um mit seiner bei der Leitung des Schmerbacher Kirchenchors kennengelernten Braut eine Familie gründen zu können. Da begleitete er den Schulhausbau, gestaltete mit Hilfe des örtlichen Zimmermanns und des Schmiedes eine flexible Schulbühne, einen Werkraum, einen Turngarten, organisierte Schulaufführungen und Krippenspiele in den Kirchen.

Kein Wunder, dass der damalige Schulrat Deeg auf den kooperationserfahrenen kreativen Lehrer aufmerksam wurde. Angesichts der anstehenden Schulreform empfahl er Krämer, die Fachgruppenprüfung für die Realschule abzulegen.

Für die zum Aufbaustudium erforderliche wissenschaftliche Zulassungsarbeit wurde Krämer, ohne eine Schulstunde zu verpassen, zum Dauergast unter anderem in den Archiven in Niederstetten, Neuenstein, Ludwigsburg, Würzburg und Nürnberg und forschte als erster über die Geschichte des Waldmannshofener Schlosses. Über die Creglinger Lehrerarbeitsgemeinschaft war er Mitte der 60er Jahre erstmals auf die Geschichte der Juden in der Region und das Märzpogrom von 1933 aufmerksam geworden. Das einjährige Aufbaustudium in Tettnang schloss Krämer im März 1967 mit einer Arbeit zur Geschichte Waldmannshofens ab, ehe er nach den Sommerferien als zunächst – bis 1969, als er zum Realschulrektor ernannt wurde – als kommissarischer Leiter der Realschule nach Creglingen berufen wurde.

Wieder stand Bauen auf dem Programm – noch war die Realschule gemeinsam mit der landwirtschaftlichen Berufsschule im heutigen Rathaus untergebracht. Die Einweihung des Schulzentrums mit Realschulumzug erfolgte 1972, dann der Anbau der Öffentlichen Bücherei und 1975 die Vollendung des zweiten Bauabschnitts. Gern griff er Ideen des „ungemein engagierten jungen Kollegiums“ auf und ermöglichte etwa die künstlerische Ausgestaltung des Schulhauses durch die Kunst-AG. Der Bau der neuen Turnhalle ab 1983 bewährte sich insbesondere, als 1986 mit Unterstützung von Kommune und Kultusministerium das Volleyball-Teilzeitinternat eröffnet wurde. Den neuen Sport hatte Rudi Sonnenbichler gemeinsam mit sportbegeisterten Kollegen der Realschule und der Grund- und Hauptschule in Creglingen etabliert.

Wiederholt griff Krämer im Unterricht die Geschichte der Creglinger Juden auf und gehörte zum Vorbereitungsteam, als 1987 der erste Besuch ehemaliger jüdischer Bürger anstand.

Gedenkfeier organisiert

1988 führte er gemeinsam mit der Stadt die Gedenkfeier zur 50. Wiederkehr der Reichspogromnacht in Archshofen durch. Klar, dass man Myrah Adams, Kuratorin des im Aufbau befindlichen Jüdischen Museums Creglingen für eventuelle Textkorrekturen an den seit 1990 im Ruhestand befindlichen ehemaligen Rektor Krämer verwies.

Bei einer Führung lernte Krämer Bertha Katzenstein kennen. Mit der Tochter des letzten jüdischen Lehrers in Creglingen pflegte er einen engen E-Mail-Kontakt. Harry Katzenstein hatte 1929 die Nachfolge von Josef Pressburger angetreten, dessen Klavier jüngst den Weg ins 2004 eröffnete Jüdische Museum Creglingen fand. Für junge Museumsbesucher konzipierte er „Wurzeln und Wege“, ein 12-seitiges „Suchspiel mit Bertha Katzenstein“; und er gehörte mit zum Team, das die Museums-Medienstation zur Jüdischen Lebens- und Glaubenswelt entwickelte.

Etliche Besucher des Museums hat Krämer dort schon mehrfach angetroffen, viele ergreifende Geschichten gehört und viele junge Gäste zur Auseinandersetzung mit dem Thema motiviert. Sein Vortrag am 22. November über Josef Preßburger dürfte spannend werden. Die Veranstaltung im Jüdischen Museum Creglingen beginnt um 19.30 Uhr.