Creglingen

Flucht Abdirahman Abdalle-Muse kam vor dreieinhalb Jahren nach Deutschland / Ausbildung zum Fachlageristen abgeschlossen

„Immer voran“: So lautet „Abdis“ Lebensmotto

Archivartikel

Creglingen.28. März 2019: Unsere Zeitung besucht Auszubildende, die nach ihrer Flucht eine neue Heimat im Main-Tauber-Kreis und eine Anstellung bei der Firma Wirthwein gefunden haben. Einer von ihnen, Abdirahman Abdalle-Muse, hat nun erfolgreich seine Ausbildung zum Fachlageristen abgeschlossen.

„Abdi“, wie er seit seiner Kindheit von allen genannt wird, wurde als ältester von drei Geschwistern im Süden Somalias geboren. Vor drei Jahren und sieben Monaten musste der junge Mann vor dem Bürgerkrieg, der sein Heimatland in Atem hält, fliehen.

Ständige Todesgefahr

Von der Stadt im Süden Somalias in der Abdi aufwuchs, machte er sich mit einer Gruppe von etwa 25 anderen Jungs auf den Weg in das Nachbarland Äthiopien. Weiterlaufen konnten die Jugendlichen nur nachts, da tagsüber die Gefahr zu groß gewesen wäre, von der Polizei entdeckt und getötet zu werden. Obwohl sich die Gruppe nur im Schutz der Dunkelheit bewegte, war höchste Aufmerksamkeit von Nöten. Nachdem sie Äthiopien und den Sudan durchquert hatten, erreichten sie Libyen. Auch dort bestand die Gefahr, entdeckt zu werden. Am Mittelmeer angekommen, halfen Abdi andere Geflüchtete das Geld zusammen zubekommen, um die Schleuser, die ihn nach Europa bringen sollten, zu bezahlen. Nach 15 Stunden auf See verkündete der Kapitän des kleinen Schlauchbootes den rund 300 Passagieren, dass der Motor kaputt sei. „Das war wohl der schlimmste Moment meiner Flucht“, erzählt Abdi. „Alle haben um ihr Leben gebangt und schreckliche Angst gehabt. In diesem Moment wollte ich einfach nur wieder nach Hause zurück“, schildert der junge Mann die Situation. Nach fast einem weiteren Tag auf dem offenen Meer, wurde ein spanisches Seerettungsboot auf die Hilfesuchenden aufmerksam und brachte sie ins sichere Italien. Dort regelte die örtliche Polizei die weitere Verteilung der Geflüchteten.

Von Sizilien nach Wertheim

„Ich wurde von Sizilien nach Milano gebracht und von dort ging es mit dem Zug weiter nach Wertheim, inzwischen war ich etwa ein Jahr unterwegs gewesen“, so Abdi. Sein neuer Ansprechpartner war die „Jugendhilfe Creglingen“, welche ihm nahelegte, nach Creglingen zu ziehen, um so seine bestmögliche Integration zu bewerkstelligen. Schwierig gestaltete sich für den jungen Mann vor allem die erste Zeit in Deutschland. Obwohl alles neu war und er kaum ein Wort Deutsch konnte, überzeugte er mit seiner aufgeschlossenen und freundlichen Art die Creglinger schnell von sich. Auf die Frage, ob er sich in Deutschland noch „fremd“ fühlt, antwortet Abdi ohne zu Zögern: „Nein ich bin hier in Creglingen zu Hause – seit dreieinhalb Jahren mittlerweile. Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl.“ Allerdings räumt er ein, dass er schon manchmal seine Familie und die alte Heimat vermisse. Besonders schlimm sei es während muslimischen Feiertagen wie Ramadan oder Zuckerfest. „Durch den Fußball habe ich seltener Heimweh, obwohl er mich an meine Jugend in Somalia erinnert“, meint Abdi. Ansonsten unternimmt er in seiner Freizeit gerne etwas mit seinen Freunden. Viele kennt er noch von der Anfangszeit in Deutschland, als er fast ausschließlich von der „Creglinger Jugendhilfe“ betreut wurde. Sie hätten mittags immer gemeinsam gekocht und Sport gemacht. Auf diese Weise lernte er viele deutsche Gerichte kennen und lieben, vor allem Kartoffeln mag der 21-jährige sehr gerne. „Die gab es in meiner Heimat schon auch, aber nicht traditionell jeden Tag“, grinst Abdi. Neu für ihn waren auch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Schnee. „Im ersten Winter habe ich ständig gefroren und deswegen kaum etwas draußen mit meinen Freunden unternommen. Mittlerweile ist es aber deutlich besser geworden“, erzählt der junge Migrant, der bis zu seinem 16. Lebensjahr am „Horn von Afrika“ aufgewachsen ist.

Integration durch Bildung

Nach erfolgreichem Hauptschulabschluss in Bad Mergentheim bemühten sich seine Betreuer darum, den jungen Mann ins Berufsleben zu integrieren, um so eine möglichst gute Basis für sein weiteres Leben in Deutschland zu schaffen. Während eines einwöchigen Praktikums bei Wirthwein lernte er den Unternehmensbereich Logistik kennen. Bei einem zweiten Praktikum löste sich die anfängliche Unsicherheit aller Beteiligten schnell in Luft auf. Aufgrund seiner großen Lernbereitschaft und seiner hohen Motivation bot ihm die Firma an, eine Ausbildung im Bereich Logistik zu beginnen. „Ich erkannte meine Chance und sagte ohne lange nachzudenken: ja.“ Während seiner Ausbildung zum Fachlageristen musste er sich insbesondere einer Herausforderung stellen: der deutschen Sprache. Im Unternehmen bat Abdi daher oft seine Kollegen, ihm noch mal genau zu erklären, was zu tun sei. „Ich verdanke es meinen Kollegen, dass ich die Ausbildung so erfolgreich abschließen konnte. Weil sie so viel Ausdauer und Geduld mit mir hatten, verstand ich immer schneller, was von mir verlangt wurde und konnte die Aufgaben immer selbstständiger lösen“. Die Hausaufgaben der Berufsschule machte er zusammen mit seinen Betreuern der „Creglinger Jugendhilfe“. Zusätzlich wiederholte er im Rahmen der „ausbildungsbegleitenden Hilfe“ der Kolping-Bildungswerke den Unterrichtsstoff der Berufsschule. Trotz aller Schwierigkeiten hat der junge Mann heute, drei Jahre und sieben Monate nachdem er in Deutschland ankam, seine Ausbildung zum Fachlagerist erfolgreich abgeschlossen und kann zurecht sehr stolz auf sich und seine Leistungen sein.

Bei Wirthwein GmbH wird zunächst die Firma als „kleiner Kulturbotschafter“ und speziell das Logistikteam als stets positiv denkender Kollege ein Jahr lang bereichern, um Geld für seinen Führerschein zu sparen. Danach möchte er noch ein Jahr die Ausbildung zur „Fachkraft für Lagerlogistik“ anschließen. Er will seine Chancen nutzen und „immer voran“ gehen. Für Abdi ist klar, wenn man etwas unbedingt erreichen will, dann kann man das auch schaffen!