Creglingen

Land und Leute Die 85-jährige Wahl-Creglingerin Irmgard Linke ist eine vielinteressierte und viel beschäftigte Frau

Ihre Liebe gilt Rosen und der Geschichte

Archivartikel

Rosen, Menschen und Geschichte sind das, wofür sie sich interessiert: Irmgard Linke ist eine viel beschäftigte Frau.

Creglingen. Es ist gar nicht so leicht, ein Treffen mit Irmgard Linke zu vereinbaren: Die 85-jährige Wahl-Creglingerin hat viel zu tun. Gerade hat sie Archivtermine vereinbart, der Terminkalender erinnert an eine Verabredung im Asylbewerber-Wohnheim. An einem Nachmittag pro Woche steht sie im offenen Treffpunkt „komm“ verlässlich als Ansprechpartnerin zur Verfügung – und auch die Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde (GDR) rechnet mit dem Engagement der Leiterin des im Taubertal angesiedelten GDR-Freundeskreises.

Irmgard Linke sammelt: Erinnerungen, Fotos, Dokumente, Dinge und mit Begeisterung neues Wissen. Da ist sie gründlich, füllt sorgsam strukturiert angelegte Ordner. Das spricht sich rund in einem Ort wie Creglingen, wo man ohnehin gern weiß, mit wem man es zu tun hat.

Linke ist gebürtige Vogtländerin, kam als erstes von drei Kindern am 26. September 1934 in Plauen zur Welt. Die umzugsfreudige Familie lebte im Erzgebirge, wo der Vater eine tierärztliche Landpraxis betrieb, wechselte dann nach Halle, wo sie etliche Wochenenden im Zoo verbrachte: der Vater, um die tiermedizinische Betreuung zu sichern, Frau und Kinder, um allzu strikter Aufsicht durch die Nazi-Spitzel zu entgehen. Nach dem Krieg gelang die Flucht in den Westen. Ein Tierarzt war auch im Fränkischen willkommen. Ihre Ausbildung zur Buchhändlerin absolvierte sie in der Bayreuther Jean-Paul-Buchhandlung und übernahm anschließend die Leitung der Pforzheimer Filiale. Viel Zeit, dort Wurzeln zu schlagen, blieb nicht: aus Fräulein Bergmann, wie ihr Mädchenname lautete, wurde 1960 Frau Linke, die selbstverständlich ihrem Ehemann nach Gütersloh folgte.

Irgendwie war sie wohl mit der Versorgung der drei Kinder nicht so ganz ausgelastet, übernahm nebenbei unter anderem Marktanalysen als Werksaufträge und zog ihre Ausbildung zur Hauswirtschaftsmeisterin durch.

Ihr reger Geist fiel auf: Ob sie sich nicht vorstellen könne, als Hilfslehrerin zu arbeiten? Sie konnte – und stieg erst als Berufs-, dann als Grundschullehrerin in den Schuldienst ein. Der nordrhein-westfälischen Bildungsminister Paul Mikat hatte die Irmgard Linke erlassene Kurzausbildung Anfang der 60-er Jahre zur Bekämpfung des akuten Lehrermangels ins Leben gerufen. Bis heute erinnern sich in NRW Menschen an ihre liebevoll nach Mikat benannten „Mikätzchen“ und „Mikater“, die ihnen beim Start ins Bildungsleben zur Seite standen.

Es folgten drei „Mikätzchen“-Jahre, ehe die Familie 1973 nach Stuttgart umzog. Als gelernte Buchhändlerin fand Linke schnell einen Arbeitsplatz in der dortigen Bibliothek – glücklicherweise, da sie sich bereits drei Jahre nach dem Umzug als Alleinverdienerin und Alleinerziehende bewähren musste.

Natürlich wollte sie wissen, wie die Kinder mit dem Schulwechsel klarkamen – und landete prompt im Elternbeirat der Klasse, dann der Schule, des Kreises und des Landes. Als die Schule eine Mensa brauchte, suchte Linke sich 20 „Mensamütter“ und organisierte die tägliche Ausgabe von 80 bis 100 Essen. Zehn Jahre, bis dann auch das dritte Kind das Abi in der Tasche hatte, leitete sie ehrenamtlich die Mensa. Und fand irgendwie auch noch Zeit für Engagement in der Umwelt- und Friedensbewegung und zur Pflege der Großmutter.

Ein gesundheitlicher Einbruch zwang die engagierte Personalrätin des Stuttgarter Kulturamts 1994 in den vorzeitigen Ruhestand. Das gab der vielseitig interessierten Frührentnerin Zeit, sich dem Hobby Fotografie zu widmen. Dass sie dafür Talent habe, hatte bereits ihre Schwiegermutter, eine akademische Fotografin, erkannt, und ihr eine Kamera geschenkt.

Ein weiteres Hobby, die Rosen, konnte Irmgard Linke jetzt ausbauen. Diese Liebe überfiel sie regelrecht vor einem Stuttgarter Messestand. Farben, Formen, Duft – eine einzige Rosenpracht tat sich vor ihr auf. Bilder aus der Kindheit stiegen auf: Großvaters Garten, da hatte sie ähnlichen Reichtum eingesogen und schon als Kind bei der Pflege mitgetan. Wie stolz war sie gewesen, wenn der ihr zutraute, mit den kleinen Fingern Minipflänzchen zu pikieren.

Was sie fasziniert, geht Irmgard Linke gründlich an: Die Büchersammlung zum Thema Rosen nimmt mittlerweile ein komplettes Regal in Anspruch. Ihr Kerninteresse gilt dabei historischen Rosen, die bereits vor über anderthalb Jahrhunderten in den Ursprungsgebieten, Gärten und Parks wurzelten. Klar, dass sie sich der 1883 gegründeten „Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde“ anschloss, und klar, dass sie ihrer Rosenleidenschaft auch in Creglingen frönte.

Von hier aus leitet sie seit 2007 den „Freundeskreis Taubertal“ der Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde. Mitglieder und andere Gartenliebhaber profitieren von Linkes Talent, Wissen zu horten: Sie entwickelte Vorträge über den seinerzeit noch kaum erforschten Regenwurm, den sie als „kostenlosen Gärtner“ schätzt, widmete sich auch fotografisch der Architektur englischer Gärten und übernahm für einige Jahre die Rosenführungen im Weikersheimer Schlossgarten.

Als „typische Vertreterin der Kriegsgeneration“ könne sie nur schwer etwas wegwerfen, berichtet sie. Das machte sie zur, so die Selbstbeschreibung, eher „flatterhaften Sammlerin“, die sich für gläserne Schnupftabakdosen ebenso begeisterte wie für alte Dokumente, Briefe und Fotografien.

Das kam dem 1976 von Albert Zahn ins Leben gerufenen Kultur- und Heimatverein Creglingen gerade recht. Seit 2011 ist Irmgard Linke Mitglied in dem derzeit etwas vor sich hin dümpelnden Verein, dem sie bald als Schriftführerin diente.

Über ihr Interesse an alten Schriften – eigentlich wollte sie eine bereits ältere Stoffsammlung zu einem Vortrag für die Landfrauen ausarbeiten – kam sie auf ihr aktuelles Sammelgebiet: Sie will dokumentieren, wie die Menschen in Creglingen und den Teilorten den Ersten Weltkrieg erlebten. Für die dabei erfahrene Unterstützung durch etliche Creglinger, insbesondere den Freudenbacher Altbürgermeister Ernst Summa, ist sie sehr dankbar.

Über die Ergebnisse ihrer Recherchen wird Irmgard Linke, die auch weiter nach den als „Kriegschroniken“ bekannten Ehrenbildern Ausschau hält, am 18. November am frühen Nachmittag im evangelischen Gemeindesaal berichten.

Durch gründliche Durchsicht der Suchlisten konnte sie die Liste der 258 bislang namentlich bekannten Gefallenen um 70 weitere Namen ergänzen und so manche Ungewissheit beseitigen. Die ergänzte Liste wird sie an diesem Nachmittag zur Einsicht auslegen. Auch sonst weiß sie noch manches über den Kriegsalltag 1914-1918 in Creglingen zu berichten. Interessierte sollten sich den Termin also schon mal vormerken.