Creglingen

Jüdisches Museum Creglingen Gekonnt gestalteter Begrüßungsabend für ein neues Exponat / Hundertjähriges Klavier von Oberlehrer Preßburger vorgestellt

Ein Schatz wird zur klingenden Bereicherung

Archivartikel

Rein rechnerisch wäre es möglich, dass Josef Pressburger, letzter Creglinger Leiter der jüdischen Konfessionsschule, einige der Lieder kannte, die Karl-Heinz Rehfeld jetzt zu Gehör brachte.

Creglingen. Etliche „Hits“ aus der Feder jüdischer Komponisten der 20er und 30er Jahre haben sich bis heute gehalten. Wer summt nicht automatisch mit, wenn „Ich bin von Kopf bis Fuß aus Liebe eingestellt“ angespielt wird? Friedrich Hollaender komponierte diesen rauchig-lasziv vorgetragenen Song für den Marlene-Dietrich Film „Der blaue Engel“. Wer wippt nicht mit, wenn „Veronika, der Lenz ist da“ bei Frühlingskonzerten ertönt? Auch Walter Jurmanns war Jude, ebenso wie Werner Richard Heymann. Von dem kennt jeder bis heute „Ein Freund, ein guter Freund“ – komponiert für den UFA-Film „Die drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann.

46 Jahre Schulleiter

Ob Josef Preßburger, Vorsänger und Schächter der Jüdischen Gemeinde Creglingens und Vorsitzender des israelitischen Vorsteheramts, sich herabließ, Schlager zu spielen? Mag schon sein: als ehemaliger Schulleiter, der die jüdische Schule 46 Jahre geleitet hatte, dürfte er auch im Alter den Kontakt zur Jugend nicht verloren haben.

Auch wenn es nicht die Gassenhauer gewesen sein sollten, die Preßburger einst auf seinem Klavier erklingen ließ, dann sicher hin und wieder ein jiddisches Volkslied, Klezmer und Synagogengesänge. Ganz gewiss gehörten auch deutsche Volkslieder zu seinem Repertoire, denn er gehörte dem Sängerkranz nicht nur als Sänger an, sondern er dirigierte den Chor auch einige Jahre lang.

Erstmals konnte man jetzt das über einhundert Jahre alte Pfeiffer-Klavier im Jüdischen Museum Creglingen hören – mit traditionellen jüdischen Klängen wie „Jerusalem“ und „Schalom“, mit Songs der Zwischenkriegszeit und Nachkriegskompositionen wie Paul Simons „Bridge over Troubled Water“, Musicalmelodien aus Jerry Bocks „Anatevka“ oder von Ernest Gold komponierte Themen aus dem Film „Exodus.“

Gut gehütet und gepflegt

Das Klavier muss für Pressburger ein Schatz gewesen sein, den er in der an der Tauberbrücke gelegenen Mietwohnung im Haus Wagner gut hütete und pflegte. Auch nach Preßburgers Tod 1938 blieb das schwere Pfeiffer-Instrument in guter Hut und in Benutzung. Mag sein, dass es das Klavier war, das Elisabeth Wagner anregte, sich neben ihrer Tätigkeit als Kauffrau zur Organistin fortzubilden. Jahrzehntelang habe sie mit großer Freude Stücke auf Preßburgers Klavier einstudiert. Dass sie das schöne und gut erhaltene Tasteninstrument bei ihrem Umzug ins Pflegeheim dem Jüdischen Museum vermachte, ist für das Haus eine echte Bereicherung.

Nachdem Georg Kellermann, Schreinermeister und Mitglied des ehrenamtlichen Helferkreises, das Klavier aufgearbeitet hatte und und auch die Stimmung durch die aus Rinderfeld stammende Klavier- Cembalobaumeisterin Emmert-Braun erfolgt war, konnte das Museum jetzt das neue Exponat im Rahmen einer Vortrags- und Konzertveranstaltung präsentieren.

Den Abend eröffnete die Stiftungsvorsitzende Sabine Kutterolf-Ammon, die sich sehr über das große Interesse an der Veranstaltung freute. Den ehemaligen Besitzer des Klaviers stelle Albert Krämer, Realschulrektor im Ruhestand, vor. Als 19-Jähriger, berichtete Krämer, war Pressburger 1877 als neuer Lehrer an die jüdische Konfessionsschule in Creglingen gekommen – mit nicht gerade besten Zeugnissen. Die ersten paar Jahre ist er hier wohl noch recht locker angegangen, kniete sich dann aber nach deutlicher Kritik seitens des zuständigen Vikars ernsthaft in seinen Beruf, der Berufung wurde. Drei Kinder entstammten der 1885 mit Karoline Oberndörfer geschlossenen Ehe, über ihre Lebenswege informiert die Medienstation des Museums.

Eng verknüpft mit dem Engagement Preßburgers ist der Jüdische Friedhof, Teil der Creglinger Gedenktopographie: Es war Pressburger, der den Fiedhofsverein gründete, Erweiterung und Umfriedung betrieb und ein Friedhofsregister anlegte.

Gesellschaftlich engagiert

Preßburgers gesellschaftliches Engagement reichte weit über die jüdische Gemeinde hinaus, berichtete der ehemalige Realschulrektor Krämer: Über den Gewerbeverein, dem Preßburger gleich nach seinem Dienstantritt in Creglingen beigetreten war, setzte er sich gemeinsam mit dem Notar und dem Arzt für die Erhaltung der später zum Progymnasium erweiterten Creglinger Mittelschule ein und scheute dabei auch nicht die Konfrontation mit dem Stadtschultheiß.

Als Ausschussmitglied, Schriftführer und mehrere Jahre auch als Vorsitzender engagierte er sich im württembergischen Verein israelitischer Lehrer und Vorsänger unter anderem für den Erhalt kleiner jüdischer Schulen. Patriotisch bot er zu Beginn des ersten Weltkriegs an, den durch Einberufungen personell in Mitleidenschaft gezogenen Volksschulunterricht durch jüdische Lehrer mit abzudecken.

Für den mit Creglingen eng verwachsenen Patrioten muss es schrecklich gewesen sein, das Pogrom am 25. März 1933 mitzuerleben, bei dem auch sein Enkel Paul Heimann betroffen war. Pressburger starb 1938 wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag.