Creglingen

Leserbrief Zu „Altar für Gotteshaus überdimensioniert?“ (FN 8.4.)

Altar Mittelpunkt der Kirche

Als langjährige Kunstführerin zu Riemenschneideraltären drängt es mich, zu dem Bericht Stellung zu nehmen.

Denn wenn diese Theorie, über die hier spekuliert wird, Wahrheit wäre, dann müssten alle Forschungsarbeiten, die namhafte Würzburger Kunsthistoriker (Justus Bier und Max van Freden) in mühsamer Arbeit erstellt haben, sich als falsch erweisen.

Ihre Forschungsergebnisse gründen sich auf folgende Tatsachen: Es wurden bisher (noch) keinerlei schriftliche Unterlagen über den Creglinger Marienaltar entdeckt.

Weiter ist belegt, dass es tatsächlich in der Jakobskirche in Rothenburg einen Marienaltar gab, für dessen Erstellung an Riemenschneider ein Betrag von 28 Gulden ausgezahlt wurde.

Ferner ist belegt, dass Riemenschneider allein für die Erschaffung der Figuren (!) zum Heiligblutaltar in der Jakobskirche 80 Gulden bekommen hat.

Somit müsste es sich logischerweise bei dem hier erwähnten Rothenburger Marienaltar um einen wesentlich kleineren als den in Creglingen gehandelt haben.

Unerwähnt bleibt, dass die Herrgottskirche in Creglingen eine stark besuchte Wallfahrtskirche war, was die große Außenkanzel noch heute zeigt. Das zentrale Thema einer Wallfahrtskirche bildet immer die Wundergeschichte ihrer Entstehung.

Diese nimmt den zentralen Platz in der Kirche ein. Die meisten von uns kennen die Erscheinungsgrotte, die mitten in der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen steht. In Creglingen war das zentrale Thema der wundersame Hostienfund von 1384, weswegen der Altar den Mittelpunkt der Kirche bildet. Zur Situation im Jahr 1585. Die Grundlage für alle im Zeitungsartikel erwähnten Spekulationen um den Marienaltar bildet der Einbau zweier Fichtenbalken im Dachstuhl der Herrgottskirche in diesem Jahr. Als Stützbalken wurden sie angebracht.

Könnte es sein, dass es sich hier einfach nur um eine Stabilisierung des Dachgebälks gehandelt hat oder dass ältere Balken ersetzt wurden? Jedenfalls wird diese Reparaturarbeit als Beleg für folgende Situation dargestellt: In der Reichsstadt Rothenburg steht ein Marienaltar herum, mit dem man aufgrund der Reformation nichts mehr anfangen kann.

Also entsorgt man ihn in das benachbarte Amtsstädtchen Creglingen, das zur Markgrafschaft Ansbach gehört. Auch hier ist man seit 50 Jahren evangelisch, auch hier kann man mit einem Marienaltar nichts mehr anfangen. Denn die Pilgerfahrt gibt es nicht mehr. Aber, oh Wunder: man baut sogar aufwändig den Dachstuhl der vorhandenen Wallfahrtskirche um, denn der Altar ist zu hoch.

So steht er also ungekürzt mitten in der Kirche, ohne Nutzen und ohne Sinn, zeitweise sogar mit Brettern vernagelt.

Wow, waren die Menschen in Creglingen so vorausschauend und hellsichtig, dass sie dieses für sie nutzlose Kunstwerk gerettet haben, das 300 Jahre später als das bedeutendste Schnitzwerk der Spätgotik entdeckt wurde?! Über diese Widersprüche lohnt es sich nachzudenken.