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Marcel Sowa über neue, aber bekannte Sichtweisen

Sätze, die sich jeder Amateurkicker in der Vorbereitung vom Trainer mindestens einmal anhören muss: „Nehmt für heute Abend die Laufschuhe mit“ oder „Wir legen mit diesen Laufeinheiten die Grundlagen für die Saison“ oder „Wir brauchen heute beim Training keine Bälle“. Ein Teil der Mannschaft bekommt daraufhin Schweißausbrüche (schon vor dem Training), der andere Teil erfindet Ausreden („Das Ohrläppchen tut weh“) und wiederum ein anderer Teil flüchtet sich in Schimpftiraden. Dann gibt es beim Konditionstraining diejenigen, für die das Motto „Nach der Saison ist vor der Saison“ gilt und dementsprechend locker vorneweg rennen. Und diejenigen, die schon nach 500 Metern ein Sauerstoffzelt brauchen. Der Rest freut sich darüber, dass er einigermaßen etwas von der Ausdauer aus der Vorsaison behalten hat. Seit meiner Kindheit erlebe ich dieses Schauspiel Jahr für Jahr. Doch in diesem Jahr ist etwas anders: Erstmals stehe ich als Co-Trainer einer Jugendmannschaft auf der anderen Seite des Geschehens.

Eine ungewohnte Position. Das obligatorische „Eckchen“ kurz vor dem Training fällt erstmal flach, schließlich müssen die Übungen aufgebaut werden. Apropos Übungen: Von diesen macht man im Laufe der eigenen „Karriere“ so einige. Skippings über Stangen und dann ein Vollsprint, Parcours mit zigtausend Stationen, der berühmt-berüchtigte „Achter“-Lauf über die Platzhälfte, Passspiel mit Torabschluss – alles aus eigener Erfahrung wohlbekannt. Doch wie baut man diese Übungen auf? Braucht man fünf Stangen oder waren es doch sieben? Lieber die kleinen oder die großen Hütchen? Stimmt der Abstand dazwischen? Diesen Seitenwechsel zu vollziehen, heißt auch, den Job nachzuvollziehen, den jahrelang die Trainer gemacht haben, die einem im Laufe des eigenen Fußballerdaseins begleitet haben. Die man vielleicht sogar verflucht, geliebt, verteufelt oder vergöttert hat. Auf einmal weiß man, was es heißt, wenn kurzfristig mehrere Spieler das Training absagen und man nur mit fünf oder sechs Leuten auf dem Sportplatz steht – natürlich, nachdem man sich zuvor unzählige Gedanken über die Trainingseinheit gemacht hat. Wahrscheinlich ist in diesem Job Flexibilität genauso gefragt wie eine ordentliche Planung. Wenn wider Erwarten doch zahlreiche Spieler auf dem Platz stehen, wenn man beobachten kann, wie sich die Chemie innerhalb des Teams entwickelt, welche Fortschritte einzelne Spieler machen, dann ist das eine tolle Bestätigung. Ich mache diesen Job seit circa vier Wochen. Eigentlich ist es noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Doch innerhalb dieser vier Wochen habe ich mindestens ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, als Trainer Verantwortung für eine Mannschaft zu übernehmen. Nicht nur für die elf Mann, die schlussendlich auf dem Platz stehen, sondern für den gesamten Kader, also über 20 Spieler. Man möchte den Jungs etwas beibringen und ein gutes Vorbild sein, neue Übungen vormachen. Und schlussendlich sind es doch die altbekannten Dinge, die man aus eigener Erfahrung so sehr zu schätzen und zu hassen gelernt hat, die auch nach dem Seitenwechsel gelten: Das Eckchen, das Abschlussspiel, der Torschuss, und auf der anderen Seite Waldlauf, Liegestütze und Co. – die Reaktion auf „Wir brauchen heute keine Bälle“ kommt mir jedenfalls sehr bekannt vor.

 
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