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Von Grätschen heimgesucht

Archivartikel

Marcel Sowa über die Leiden der Amateurfußballer

Als Amateurkicker waren die vergangenen Wochen und Monate äußerst anstrengend. Nicht etwa, weil Training und Spiele auf dem Platz an den Kräften zehrten – schön wär’s gewesen! Es war die Psyche, die immer wieder von der Seite in die Motivation reingegrätscht kam.

Etwa, wenn man sich aufgrund der Trainings- und Spielverbote zu einer Runde Joggen quälte. Möglichst fit bleiben, lautete das Motto. Das ging eine Zeit lang überraschend gut, auch wenn man tief im Inneren schnell bemerkte, dass etwas fehlte. Das war das erste Tackling. „Ball gespielt“, hörte man in Gedanken den Schiedsrichter sagen.

Es verging Woche um Woche, und jeden Sonntag ertappte man sich dabei, wie man schon die Sporttasche packen wollte. „Fußballschuhe, Schienbeinschoner, bloß nicht das Handtuch vergessen... ach verdammt!“, entfuhr es vermutlich dem ein oder anderen. Das war dann schon mehr als nur ein Tackling auf die Psyche. Um im Fachjargon zu bleiben: „Ball und Körper waren bei der Grätsche im Spiel“. Also Ermessenssache des Schiedsrichters, ob Weiterspielen oder Foul.

Schließlich startete die Bundesliga wieder, und auf einmal wurde jedem Kicker vor Augen geführt, was fehlt. Das gepflegte „Eckchen“ – mancherorts auch als 5:2 bekannt – vor dem Training, in dem man sich wie ein Kind freut, wenn in einer Runde ein Mitspieler getunnelt wird. Völligste Eskalation, wenn der gleiche Mitspieler direkt noch mal düpiert wird. Das gemeinsame Warmlaufen im Anschluss, Zweikampf und Passübungen, Torschuss, das berühmt berüchtigte „Spielsche“ zum Abschluss: Es sind nicht nur die Voll-Wettkämpfe, die fehlen.

In der Kabine beim Umziehen blöde Sprüche klopfen oder das eigene Spiel vom Wochenende analysieren. In dem man natürlich haushoch überlegen war und wahlweise nur wegen dem schlecht aufgepumpten Ball, dem ungepflegten Rasen oder der zu grell aussehenden Eckfahne verloren hat.

Über die Bundesliga und Premier League quatschen oder warum Martin Hinteregger bald Lionel Messi den Rang ablaufen wird – acht Tore als Verteidiger riechen jedenfalls verdammt nach einer Nominierung für die Weltauswahl. Nach dem Spiel oder Training ein Bierchen trinken, sich privat austauschen – selbst das sonst so unbeliebte Einräumen der Bälle und Hütchen fehlt. Da war sie wieder, die Grätsche, und diesmal war definitiv kein Ball im Spiel.

In manchen Vereinen wird seit kurzem wieder trainiert – soweit die gute Nachricht. „Eckchen“ und Co., im Prinzip alles mit Zweikämpfen, sucht man jedoch vergeblich auf dem Platz. Und auch das soziale Miteinander auf und neben den Platz findet nicht wie gewohnt statt. Das wird wohl für lange Zeit so bleiben. Da kommt sie wieder angesprungen, die Grätsche, dieses Mal ausgeführt von Gennaro Gattuso.

Und dennoch steigt die Vorfreude, endlich wieder dem Ball nachrennen zu dürfen. Natürlich nur unter strenger Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln, woran sich hoffentlich auch jeder hält. Aber nach monatelanger Pause nimmt man das gerne in Kauf. Die Frage ist nur, ob man auch noch weiß, wie ein Ball aussieht und was man damit machen soll. Grätschen hat man im Training jedenfalls vorerst nicht zu befürchten – zumindest nicht die körperlichen.

 
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