Buchen

Serie Nachhaltigkeit Susanne Wirtz von der Abfallwirtschaft Neckar-Odenwald-Kreis führt Kinder und Jugendliche seit den 90ern übers Deponiegelände

„Viele kleine Schritte führen zum Weg“

Für Susanne Wirtz ist „Nachhaltigkeit“ kein Fremdwort. Sie kennt seine ursprüngliche und heutige Bedeutung. Bei Führungen über die AWN-Deponie vermittelt sie diese an andere.

Buchen. Das Wort Nachhaltigkeit stammt eigentlich aus der Forstwirtschaft. Erstmals verwendet wird es 1713 von Hans Carl von Carlowitz. Der Kontext: Es darf nicht mehr Holz gefällt werden, als nachwachsen kann.

Susanne Wirtz ist mit dem Begriff mehr als vertraut. Die studierte Forstwissenschaftlerin arbeitet bei der Abfallwirtschaft Neckar-Odenwald-Kreis (AWN). Dort bringt sie das Thema der jüngeren Generation nahe. Bereits seit den frühen 1990 Jahren führt sie über das Deponiegelände in den Sansenhecken 1. Die Gruppen bestehen meist aus Kindergartensprösslingen, Schülern oder auch Studenten.

„Dementsprechend gibt es nicht ein, sondern viele verschiedene Konzepte“, erklärt Susanne Wirtz. Kindergartenkinder bräuchten einen viel praktischeren, grundlegenderen Zugang zur Thematik als Studenten, die eine Facharbeit schreiben wollen.

Meist beginnt es jedoch gleich – und zwar mit einem Anruf. Meldet sich jemand von einer Bildungseinrichtung, weil er sich das Gelände anschauen will, hat er bald Susanne Wirtz am Apparat. Diese wiederum erkundigt sich dann erst einmal, ob in das Thema Abfallwirtschaft eingeführt wird oder schon Vorwissen besteht? Ist es eine neue Unterrichtseinheit? Oder sind die Schüler schon im Thema drin? Um welches Fach handelt es sich? Geht es um das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ aus dem Religionsunterricht oder soll die Abfallwirtschaft etwa aus einer biologischen Perspektive beleuchtet werden? Je nach den Antworten setzt die AWN-Mitarbeiterin die Schwerpunkte der Führung.

Man nehme das simpelste Beispiel: eine Kindergartengruppe. Eine solche wird erst einmal im Verwaltungsgebäude in Empfang genommen. Würde es sich um eine Sekundarschulklasse handeln, würde die Jugendlichen jetzt erst einmal ein einführender Vortrag erwarten. „Bei den ganz Kleinen muss das Programm praktischer gestaltet werden“, weiß Wirtz.

In Kontakt kommen

Also ab zur ersten Station, dem Wiege-Terminal. Dort erleben die Sprösslinge, wie der Müll angeliefert wird – oft mit tonnenschweren Fahrzeugen. Dabei sind sie frei, den AWN-Kunden und Mitarbeitern (zum Beispiel den Wiegemeistern) Fragen zu stellen. Dazu sind sie im Übrigen während der gesamten Führung angehalten. „Das ist ein zentraler Punkt“, erklärt Wirtz, „sie sollen mit unseren Mitarbeitern in Kontakt kommen und lernen, ihre Arbeit wertzuschätzen.“ In diesem Zusammenhang erinnert sich Susanne Wirtz an Vorschulkinder aus Wagenschwend. „Als wir am Wiegeterminal standen, kam doch zufällig das Müllabfuhrteam aus Wagenschwend angefahren. Ich habe den Fahrer später wieder getroffen. Noch heute winken ihm die Schüler, wenn sie ihn vorbeifahren sehen.“

Doch zurück zum Terminal. Dort steht zunächst einmal die Frage im Raum, warum die Fahrzeuge eigentlich zweimal gewogen werden – einmal bei Ankunft und einmal bei Abfahrt? Für die Kleinen eine schwierige Frage, aber Susanne Wirtz hat die Musterlösung in ihrer Mappe parat. Darin befindet sich die Zeichnung eines rappelvollen Mülltransporters. Klappt sie die Klarsichtfolie über der Darstellung hoch, verschwindet der Abfall. Das Fahrzeug ist leer: „Auf diese Weise verstehen auch die Jüngsten, dass wir den Transporter im vollen und im leeren Zustand wiegen müssen, um den angelieferten Inhalt ermitteln zu können.“

Es geht weiter zum Herz der Deponie, der Wertstofftrennung, und zur nächsten Erkenntnis. Denn nun erleben die Besucher den Kern der Abfallwirtschaft: die Nachhaltigkeit. Nicht nach ihrer ursprünglichen, forstwirtschaftlichen, sondern nach ihrer heutigen Definition – dass etwas andauert, Bestand hat, wiederverwertet wird. Die Kinder lernen, dass Papier eben nicht verbrannt wird. Genauso wie Elektrogeräte oder Glas nicht vernichtet, sondern recycelt und das Material schlussendlich wiederverwertet wird.

Auch hier lautet das Motto „learning by doing“ – also Lernen durch Handeln. Schon im Vorfeld sind die Gruppen dazu angehalten, Wegwerfprodukte von Zuhause mitzunehmen – egal, ob Papier-, Metall- oder Elektromüll. Diesen gilt es dann an den richtigen Platz zu bringen. Auf Wirtzs Hilfe können die Sprösslinge dabei nicht bauen. Wohl aber auf die der AWN-Mitarbeiter, die sie gerne fragen dürfen, wo ihr Mitbringsel denn hin soll? „Das ist wie im richtigen Leben. Da müssen die Kinder ja auch lernen, die richtigen Personen zu fragen, wenn sie etwas nicht wissen“, erklärt Susanne Wirtz.

Oben, auf einer Anhöhe wandert der Blick über die gesamte Deponie, die Berge von Abfall. In den Besuchern reift die Erkenntnis, dass die Abfallentsorgung nicht ein Thema des Einzelnen, sondern der ganzen Gesellschaft ist. Es mag daheim in der 60-Liter-Tonne seinen Ursprung haben. Am Ende landet der Inhalt dieser vielen Tausend Gefäße aber gesammelt an einem Ort.

Sicherheit wird beleuchtet

Dann wird auch die Sicherheit beleuchtet. Sie ist ein weiteres, zentrales Thema der Führungen. Wirtz veranschaulicht es mit dem „Käseglocken“-Prinzip. Der Abfall müsse von oben und unten fest verschlossen sein. Das Erdreich schützen eine Lehm-Ton-Schicht, eine dicke Kunststoffschicht und Geo-Textil. Das könne man sich wie gepressten Filz vorstellen. Die Glocke, also die Oberflächenabdichtung des Mülls, bildet die gleichen Schichten in umgekehrter Reihenfolge. Außerdem wird das kontaminierte Sickerwasser, gemeint ist hier jegliches Regenwasser, das mit Müll in Berührung kommt, in einem Auffangbecken gesammelt. Den letzten, wichtigen Baustein stellt die Abfallvermeidung dar. Ist es wirklich immer nötig, die neusten Klamotten zu haben? Brauche ich alle zwei Jahre ein neues Smartphone? Wie verzichte ich auf Einwegprodukte? All das seien Fragen, die sie an diesem Punkt der Führung stellt.

Noch einmal rückt der gesellschaftliche Aspekt in den Vordergrund. Dass jeder einzelne Mitverantwortung trägt. Und vor allem: „Dass auch viele kleine Schritte zum Ziel führen“, so Wirtz.

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