Buchen

Jüdischer Friedhof in Bödigheim Informationstag bot Vorträge und Führungen / Der restaurierte jüdische Leichenwagen wurde präsentiert

„Verweigerung des Erinnerns“ verurteilt

Archivartikel

Ein Informationstag rund um den jüdischen Friedhof in Bödigheim fand am Sonntag statt. Die Präsentation des restaurierten jüdischen Leichenwagens stand dabei im Mittelpunkt.

Buchen. Die Veranstaltung der Stadt Buchen und der Stiftung Bücherei des Judentums sah neben Vorträgen ausgewiesener Fachleute auch die Präsentation des restaurierten jüdischen Leichenwagens (die FN berichteten) und Führungen über den Friedhof vor. Der jüdische Bezirksfriedhof, „mystisch wirkendes Kleinod“ am Ortsrand von Bödigheim, ist im Raum Buchen eines der wenigen noch sichtbaren Relikte einer vergangenen jüdischen Kultur.

In den Vortagen waren die Hecken rund um die Anlage geschnitten und die zum Teil dicht bewachsenen Flächen zwischen den Grabsteinen sorgfältig vom Bewuchs befreit worden. Anders als bei uns gilt die Totenruhe im jüdischen Glauben als verbindlich. Deshalb war nun der Anblick des Platzes mit seinen teilweise 700 Jahre alten verwitterten Grabsteinen für die ortskundigen Einwohner Bödigheims ungewohnt; bald schon wird die Natur erneut die Regie übernehmen und der gewohnte Zustand wird wieder hergestellt. Ein „wildromantischer Ort –so der „Alt-Bürgermeister“ – fällt dann in den Zustand der absoluten Ruhe der jüdischen Begräbniskultur zurück.

Die Veranstaltung wurde umrahmt von zwei Schülerinnen der Joseph Martin Kraus-Musikschule, Reinhild Dorloff (Violon-Cello) und Maria Gimeno-Regal (Oboe) , die für ihre einfühlsame Darbietung verdienten Beifall erhielten. Mit Grußworten von Bürgermeister Roland Burger und Landrat Dr. Achim Brötel wurde der Infotag eröffnet.

Nach der Begrüßung stellte Burger die reiche jüdische Geschichte der Stadt dar und bilanzierte, dass es nach der Ausrottung der Juden durch die Nationalsozialisten kein jüdisches Leben mehr in der Stadt gäbe. Statt bewusster Erinnerung der Vergangenheit gäbe es nun eine „salonfähige Verweigerung des Erinnerns“. Diesem Umstand müsse man sich entschieden entgegenstellen. Der Bürgermeister dankte Gerlinde Trunk und Stadtarchivar Tobias-Jan Kohler für ihre Arbeit bei der Maßnahme Leichenwagen.

Aktuelle Bezüge

Das Grußwort von Landrat Dr. Achim Brötel ähnelte schon eher einem eigenständigen Vortrag, enthielt es doch in gedrängter Form eine Vielzahl aktueller Bezüge und eine überzeugende Mahnung, man müsse in der heutigen Zeit mehr denn je an den Orten der Geschichte – wie es der jüdische Friedhof aus dem 13. und beginnenden 14. Jahrhundert ist – zuhören, was diese Zeugnisse uns zu berichten hätten. „Wir leben nämlich wieder in Zeiten, in denen manche Menschen bewusst weghören, sich taub stellen oder – was mit Abstand noch am schlimmsten ist – das, was solche Zeugnisse zu erzählen hätten, lauthals niederbrüllen“, so der Landrat. Brötels besonderer Dank galt den Bearbeitern des Bildbandes „Spuren jüdischen Lebens im Neckar-Odenwald-Kreis“, das er zum „Standardwerk der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung“ erhob, und der Initiative von Gerlinde Trunk, dieses einmalige Kulturdenkmal (gemeint ist der Leichenwagen) für die Nachwelt zu erhalten. In diesen Dank schloss er die Stadt Buchen, den Gemeinderat, das Land Baden-Württemberg und die Spender ausdrücklich ein.

Leichenwagen vorgestellt

Hermann Schmerbeck, Vorsitzender der neu organisierten und erweiterten Stiftung Bücherei des Judentums, hielt dann einen Vortag zum Thema „Der jüdische Leichenwagen von Bödigheim“. Die Stiftung Bücherei des Judentums organisiert mehrmals im Jahr Veranstaltungen zu vielfältigen Themen des Judentums. Zudem unterstützt sie Interessierte bei der Durchführung von Seminaren für Lehrer, Arbeitsgemeinschaften, Begegnungs- und Projekttagen oder Treffen zur Vorbereitung einer Israelfahrt.

Der jüdische Leichenwagen ist wohl über 100 Jahre alt. Er diente der Beförderung der gestorbenen Personen der 20 Mitgliedsgemeinden des Bezirksfriedhofs Bödigheim. Der heutige Besitzer ist die israelitische Religionsgemeinschaft Baden. Fast drei Jahre dauerte die umfassende Restaurierung mit Schädlingsbehandlung, konservatorischer Oberflächenbehandlung und Korrosionsentfernung wegen des schwierigen Zustandes des Wagens durch die Firma Immel Restaurierung, Ilshofen. Zuschüsse des Landesamtes für Denkmalpflege und der Stadt Buchen sowie von Spendengeldern im Auftrag der Stiftung Bücherei des Judentums ermöglichten das. Seit Ende März steht der Wagen wieder auf seinem ursprünglichen Platz in der Friedhofshalle in Bödigheim, wo er auch bleiben soll.

In die Geschichte geblickt

Ein Vortrag von Reinhart Lochmann, dem Heimatforscher und Vorsitzenden des Historischen Heimatkreises Sennfeld, Träger des Bundesverdienstkreuzes, über die Geschichte des jüdischen Bezirksfriedhofs Bödigheim, schloss sich an. Interessant war hier besonders die Erläuterung der historischen Bedingungen für die Existenz des Friedhofs und der geschichtliche Übergang zu Zeiten des Kaisers mit der Auflösung der Ghettos der Schutzjuden. Weil nur der Adel Juden ansiedeln durfte, gab es seit 1345 in Bödigheim eine jüdische Gemeinde im Besitz der Freiherrn.

Im Anschluss wurde noch die Möglichkeit geboten zur Besichtigung des Leichenwagens sowie die Teilnahme an einer Führung über den Friedhof durch Gerlinde Trunk und Reinhart Lochmann. BW

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