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Große Hoffnung in kleinen Dosen Landrat Dr. Achim Brötel wendet sich in Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann / Impfstrategie ist Thema

Möglichst schnell die Phase drei starten

Neckar-Odenwald-Kreis.Bereits am 27. Dezember war Impfstart (die FN berichteten). Das KIZ ist betriebsbereit, doch der Impfstoff fehlt. Zur Strategie hat Landrat Dr. Brötel einen Brief an den Landesvater geschrieben.

In dem Brief zur Impfstrategie an Ministerpräsident Winfried Kretschmann schreibt der Landrat: „Der Neckar-Odenwald-Kreis hat als Vorortpartner des Landes alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Kreisimpfzentrum in Mosbach pünktlich seinen Betrieb aufnehmen kann. Wir sind bereits seit Ende vergangener Woche startklar.

„Stolz auf unsere Mannschaft“

Die Einrichtung ist komplett funktionstüchtig. Inzwischen haben mehrere Probeläufe zur Überprüfung der Funktionalität stattgefunden. Wenn sich jetzt noch das leidige Thema mit dem Personaldienstleister des Landes für das sonstige medizinische Fachpersonal endlich zeitnah lösen würde, wären wir jederzeit in der Lage, die Kapazität auch kurzfristig bei einer höheren Zuweisung von Impfstoff auf die im Umsetzungskonzept des Landes vorgesehene Volllast hochzufahren“, erläutert der Kreischef.

Und unterstreicht weiter: „Ich will nicht verhehlen, dass ich in diesem Zusammenhang durchaus stolz auf unsere Mannschaft bin, die das hoch motiviert zwischen den Jahren möglich gemacht hat.“ Allerdings stelle man auch fest, dass die Erwartungshaltung bei den Menschen riesig ist.

„Hatten vor Weihnachten gefühlt viele doch noch gewisse Ressentiments gegen das Impfen, kann es den meisten jetzt plötzlich gar nicht mehr schnell genug gehen“, so die Erfahrung von Achim Brötel. Für viele sei die Impfung der Strohhalm, an den sie ihre ganze Hoffnung klammern, um möglichst schnell wieder in ein halbwegs normales Leben zurückkehren zu können. „Für uns bedeutet das umgekehrt aber auch eine Verpflichtung. Wir müssen nämlich jetzt gemeinsam alles daransetzen, dass das Megathema Impfen zu einem Erfolg wird“, hebt der Landrat in seinem Brief hervor.

„Geht nicht über Nacht“

Der Neckar-Odenwald-Kreis habe ohne Wenn und Aber seinen Teil dazu beigetragen. Trotzdem merkt er an: „Wir werden den Menschen aber unbedingt auch erklären müssen, dass alles das nicht über Nacht gehen kann. Deshalb halte ich Äußerungen wie die von Herrn Bundesgesundheitsminister Spahn, dass es das Ziel sei, ,bis zum Sommer jedem ein Impfangebot in Deutschland machen (zu) können‘, offen gesagt für wenig hilfreich. Eine solche Erwartung, dass jeder, der es will, bis zum Sommer geimpft ist, ist in meinen Augen jedoch realistischerweise nicht erfüllbar.“

Brötel verdeutlicht weiter: „Selbst wenn wir schon jetzt in Impfstoff schwimmen würden und das Kreisimpfzentrum ab dem 22. Januar 2021 mit den vom Land vorgesehenen sechs parallelen Impfstraßen zweischichtig an sieben Tagen pro Woche von sieben Uhr morgens bis 21 Uhr abends mit der angestrebten Tageskapazität von 750 Impfungen betreiben könnten, würde es bei zwei Impfungen pro Person auch im vergleichsweise kleinen Neckar-Odenwald-Kreis ein gutes Jahr dauern, bis wir tatsächlich mit allen durch sind“, rechnet er vor.

Selbst wenn die Impfstoffknappheit kein limitierender Faktor mehr sei, werde es nämlich nach menschlichem Ermessen immer Zeitfenster am Tag geben, die nicht vollständig ausgebucht sind oder möglicherweise auch personell nicht vollständig belegt werden könnten. „Kein Zweifel: Jeder, der geimpft werden will, wird tatsächlich auch geimpft werden. Aber: Es können eben nicht alle gleichzeitig drankommen. Deshalb brauchen wir nicht nur Hoffnung, sondern zwingend auch Verständnis und Geduld“, so sein Appell.

„Mein eigentliches Anliegen, mit, dem ich mich heute an Sie wenden will, ist aber ein ganz anderes. Mir geht es nämlich um die Impfstrategie des Landes. Ich finde, dass das Drei-Phasen-Modell nicht zuletzt vor dem Hintergrund des aktuell zur Verfügung stehenden Impfstoffs durchaus klug gewählt ist. Gleichwohl will ich dringend an Sie appellieren, die Phase drei zeitlich so weit wie irgend möglich vorzuziehen. In meinen Augen verspricht nämlich tatsächlich erst eine Überführung in die hausärztliche Regelversorgung den Erwartungen an Tempo und Flächendeckung der Impfung, die wir alle so dringend brauchen“, erklärt Brötel. Momentan gebe es zu zentralen „Ersatz“-Lösungen (ZIZ und KIZ) zwar definitiv keine Alternative. Das liege schon allein an den besonderen Sensibilitäten des Impfstoffs von BioNTech/Pfizer.

Achim Brötel hält es in dem Brief an den Ministerpräsidenten auch mit Blick auf das Subsidiaritätsprinzip sogar für geboten, staatliche Parallelstrukturen dann umgehend wieder zurückzunehmen, wenn Private das auch können. Die Parallelstruktur sei nur so lange richtig, wie die niedergelassenen Ärzte das nicht leisten könnten. Umgekehrt werde es aber dann eben auch falsch, wenn diese Voraussetzung nicht mehr gegeben ist.

Vor allem aber gebe es diese eingespielte Infrastruktur nicht nur ein Mal im Neckar-Odenwald-Kreis, sondern erfreulicherweise parallel an zahlreichen anderen Orten auch. Auf diese Weise wäre es also – etwa mit Impfschwerpunktpraxen analog dem Modell der Corona-Schwerpunktpraxen oder tatsächlich mit der Verimpfung bei allen niedergelassenen Ärzten – möglich, die Kapazitäten auf einen Schlag zu vervielfachen.

„Die dafür erforderliche Logistik innerhalb des Kreisgebiets bei der Zuführung des Impfstoffs würden wir seitens des Landkreises jederzeit übernehmen. Das ist seit der Verteilung der Schutzausrüstung ein eingespieltes System, das auch auf andere Bereiche übertragen werden kann. Vor diesem Hintergrund habe ich die dringende Bitte, dass Sie die an sich richtige Impfstrategie des Landes in ihrer zeitlichen Komponente noch einmal überdenken und so schnell wie irgend möglich, spätestens aber tatsächlich wie vorgesehen Anfang April 2021, die Phase drei einleiten.

„Impfstoffe in die Praxen“

Aus Gesprächen mit dem örtlichen Pandemiebeauftragten der Kassenärztlichen Vereinigung wisse er, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte dazu jederzeit bereit wären. „Insofern halte ich es sogar geradezu für geboten, in den zentralen Impfzentren (ZIZ und KIZ) nur noch diejenigen Präparate zu verimpfen, die wie BioNTech/Pfizer auch eine zentrale Handhabung erfordern. Alle anderen Impfstoffe sollten hingegen so schnell wie irgend möglich aber komplett in die hausärztlichen Praxen gesteuert werden“, schlägt Brötel vor.

„Das wäre kein Strategiewechsel, sondern lediglich eine Modifizierung der zeitlichen Komponente, brächte meiner festen Überzeugung nach aber einen ganz entscheidenden Durchbruch in Sachen Tempo, Kapazität und insbesondere auch Flächendeckung“, zeigt sich Brötel überzeugt und meint abschließend: „Baden-Württemberg darf dem Rest der Republik ruhig wieder einmal zeigen, wie es besser geht. Da ist jetzt beherztes Handeln gefragt.“

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