Buchen

Kriegsende 1945 in Buchen (Teil 2) Normale Strukturen wurden im Finanzamt Buchen aufgebaut

Lebendiger Kampf um Landesbehörde

Buchen/Walldürn.Seit der „Berliner Deklaration“ vom 4. Juni 1945 hatten die vier Siegermächte die oberste Regierungsgewalt in Deutschland übernommen. Die Aufgaben des Reichsfinanzministeriums gingen auf die Alliierten über und der Landkreis Buchen gehörte zur amerikanischen Besatzungszone. Die provisorischen Strukturen wurden abgelöst durch den „Alliierten Kontrollrat“, der am 30. August 1945 seine Tätigkeit als oberste Regierungsgewalt aufnahm. Von den 35 zwischen Oktober 1945 und Juni 1946 verabschiedeten Gesetzen waren insgesamt zehn Steuergesetze. Besondere Einschneidungen brachten die Kontrollratsgesetze vom 28. Februar 1946 („Februar Gesetze“), die unter anderem eine drastische Erhöhung der Einkommensteuer brachten, um den Kaufpreisüberschuss abzuschöpfen. Im Einzelnen wurde der Spitzensteuersatz für die Einkommensteuer ab einem Jahreseinkommen von mehr als 60 000 Reichsmark auf 95 Prozent erhöht. Im Übrigen wurde der nationalsozialistische Einfluss aus dem Steuerrecht und bei der Gesetzesauslegung entfernt.

Mit dem Gesetz vom 5. März 1946 zur Befreiung vom Nationalsozialismus wurde die Möglichkeit geschaffen, dass früheres Personal, das aus dem Krieg zurückkehrte, oder durch Verordnung der Militärregierung entlassen war, wieder eingestellt werden konnte (Entnazifizierungsverfahren). Damit wollte man der Personalnot in den Verwaltungen begegnen. Dafür sollten aber auch Ruhestandsbeamte, die wegen der Personalknappheit durch die im Kriegseinsatz weilenden Kollegen während der Kriegsjahre reaktiviert wurden, wieder in den Ruhestand versetzt werden. Die meisten Beamten waren politisch nicht vorbelastet und konnten nach Abschluss ihres Verfahrens in den Dienst zurückkehren.

Dienst wieder angetreten

Durch die „Weihnachtsamnestie“ 1950 und 1951 konnten viele Beamte wieder ihren Dienst antreten, dazu kamen auch viele heimatvertriebene Angehörige der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung, so dass allmählich ein geordneter Ablauf in das Amt einkehrte. Mit der Zeit durfte auch neues Personal eingestellt werden. Voraussetzung dafür war neben einer freien Stelle, dass der Bewerber einen sogenannten Unterbringungsschein hatte. Diesen konnten Wehrmachtsangehörige, Bedienstete aufgelöster Dienststellen, „verdrängte“ Beamte, Angestellte und Arbeiter des öffentlichen Dienstes, Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsbeschädigte bei entsprechender politischer „Sauberkeit“ erhalten.

Erschwert wurde die Arbeit in den Finanzämtern durch die zusätzliche Übernahme steuerfremder Aufgaben wie die Erhebung der Beiträge für die landwirtschaftlichen Unfallversicherung, Rentenbankgrundschuldzinsen und Flüchtlingssiedlungsdarlehen und anderes sowie weiterer Steuern wie Hypothekengewinnabgabe, Lastenausgleichsabgabe und das „Notopfer Berlin“, das bereits einen Tag nach der Verkündigung am 10. November 1948 fällig war, so dass weniger die Gesetzeskenntnis als das Improvisationstalent der Bediensteten gefragt war.

Das Finanzamt Buchen in Walldürn unterstand als eines von acht Ämtern dem Oberfinanzpräsiden-ten Nordbaden in Mannheim z.Zt in Heidelberg, Leopoldstraße 22 (also in der amerikanischen Besatzungszone), das wiederum dem Landesfinanzamt Baden in Karlsruhe (in der französischen Besatzungszone) unterstellt war. Im Juli 1945 wurde die amerikanische Besatzungszone durch die Stadt- und Landkreise Bruchsal, Karlsruhe und Pforzheim erweitert (die südliche Landeshälfte blieb in der französischen Zone) und schließlich mit der Proklamation des amerikanischen Oberkommandierenden vom 19. September 1945 wurde Nordbaden und Nordwürttemberg zum Land Württemberg-Baden vereinigt, so dass dann das Landesfinanzamt in Karlsruhe zur späteren Oberfinanzdirektion für den Bereich Nordbadens wurde.

Am 17. und 18. September 1946 hielt das Landesfinanzamt Baden in Karlsruhe eine „Nachschau“ im Finanzamt Buchen z. Zt. in Walldürn ab mit den Schwerpunkten räumliche Unterbringung, Geschäftsverteilung und Organisation, Einrichtung und Stand des Erhebungs- und Vollstreckungsverfahrens sowie Umfang und Stand der Stundung- und Erlasspraxis. Im Bericht wird unter anderem festgestellt: „Das Amt, das z.Zt. 29 Bedienstete aufweist, ist in seiner Personalbesetzung hinsichtlich der Beamten beträchtlich überaltert. Vorsteher, Stellvertreter, Kassenleiter und zwei weitere Beamte sind bereits 65 Jahre oder erreichen im kommenden Jahr die 65-Jahr-Altersgrenze“.

Das Landesfinanzamt schätzte, dass mindestens eintausend Landwirte künftig steuerpflichtig werden und dass darüber hinaus mit einer Zunahme von etwa 700 Umsatzsteuer- und mit 1000 Vermögensteuerpflichtigen zu rechnen sei, weshalb Neueinstellungen unumgänglich wären.

Zu der räumlichen Situation berichtete das Landesfinanzamt: „In Buchen ist das reichseigene frühere FA-Gebäude seit geraumer Zeit von den Besatzungstruppen geräumt. Der damalige Landrat Hauk hat, ohne sich mit der Finanzverwaltung hier wegen in Verbindung gesetzt zu haben, die Belegung mit Privatpersonen angeordnet und, wie von zuständiger Stelle des Finanzamts, dem damaligen stellvertretenden Finanzamts-Vorsteher, angegeben wird, dem Finanzamt eine Rückverlegung in seine frühere Unterkunft in Buchen durch Drohung mit Verhaftung verboten“. Oberfinanzpräsident Dr. Otto Nikolaus versuchte zwar Baustoffe in Seckach für das Amt zu erwerben, seine Pläne, das Finanzamt nach Buchen zurückzuführen, wurden jedoch vom badischen Präsidenten Dr. Heinrich Köhler vereitelt.

Eigene Interessen

Weil aber das Landratsamt daran interessiert war, selbst das ehemalige Finanzamtsgebäude zu beziehen und der seinerzeitige Bürgermeister und spätere Landrat Franz Xaver Schmerbeck bereits die Vorsteherwohnung inne hatte, gab es keinerlei Unterstützung und es halfen auch keine Proteste seitens der Finanzverwaltung, so dass Oberfinanzpräsident Dr. Nikolaus seinen Widerstand gegen Walldürn aufgab und stattdessen in der Folgezeit zu einem wahren Förderer der Wallfahrtsstadt wurde. Die Einstellung Buchens sollte sich aber schnell ändern, denn spätestens 1948 merkte man dort, welchen Verlust man mit der Wegverlegung des Finanzamts erlitten hatte.

Behördenzentrum

Von November 1948 ab herrschte ein regelrechter „Zeitungskrieg“ zwischen Walldürn und Buchen. Walldürn sah die Belassung der Finanzbehörde als eine „späte Wiedergutmachung“ für den Verlust anderer Behörden in der Vergangenheit, zumal sich die Stadt als die größte Kommune im Landkreis dazu berufen fühlte, ein Behördenzentrum zu sein. Bürgermeister Dr. Trautmann hatte in weiser Voraussicht schon hinter den Kulissen die Fäden gezogen und bot den Erweiterungsbau des Krankenhauses als Behördenzentrum an. Am 28. Juli 1948 fand sogar mit dem Landesfinanzamt eine Besichtigung der Örtlichkeiten statt, die Pläne wurden aber endgültig am 15. Dezember 1948 zu den Akten gelegt. Die Stadt gab zudem Zusagen bezüglich der Errichtung von Beamtenwohnungen und fand in dem früheren Reichsminister und dem derzeitigen Präsidenten des Landesbezirks Baden, Dr. Heinrich Köhler, einen Freund und Gönner der Wallfahrtsstadt. Ehe es Buchen richtig begriffen hatte, waren Fakten geschaffen und mit Erlass des Präsidenten des Landesbezirks Baden vom 20. November 1948 wurde der Verbleib des Finanzamts in Walldürn verfügt. Es erhielt die Bezeichnung „Finanzamt Walldürn“.

Im Laufe der Verhandlungen griff in den Monaten November und Dezember 1948 auch der Landrat in die Standortdebatte ein und versuchte die Bürgermeister der Gemeinden im Amtsbezirk für eine Rückverlegung des Finanzamts nach Buchen zu gewinnen. Die näher zu Walldürn liegenden Gemeinden votierten aber für den Standort Walldürn, weshalb die Umfrage nicht zu dem gewünschten Ziel führte und in der Schublade verschwand.

Seinen absoluten Höhepunkt fand der Streit um den Standort mit dem Rücktritt von Buchens Bürgermeister Kaiser, der zum 31. Dezember 1948 aus dem „schwarzen Kapitel“ in der Geschichte der Kreisstadt die Konsequenzen zog. Sein Amtsnachfolger Dr. Schmitt ließ nicht locker, verfasste auch eine Resolution, die er sich vom Buchener Gemeinderat billigen ließ, konnte aber nichts erreichen. In der Folgezeit gab es immer wieder Leserbriefe und der Finanzamtsstandort war sogar Thema in Fastnachtsveranstaltungen, aber die Weichen blieben zugunsten Walldürns endgültig gestellt.

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