Buchen

„Spanische Grippe“ Pandemie in den Jahren 1918 bis 1920 / Höhere Sterblichkeit in der Region / Überlagert von Kriegsereignissen und der Inflation

Krankheit forderte in Buchen Todesopfer

Archivartikel

Indizien lassen den Schluss zu, dass auch Buchen von der „Spanischen Grippe“ betroffen war, die vor hundert Jahren weltweit viele Millionen Todesopfer forderte.

Buchen. Vor gut hundert Jahren grassierte ebenfalls eine weltweite Pandemie: die „Spanische Grippe“. Buchens Stadtarchivar Tobias-Jan Kohler fand in historischen Akten keine Informationen darüber, wie diese in Buchen verlaufen ist. Doch es gibt Hinweise, dass auch Buchen davon betroffen war.

„Leider hat sich die anfängliche Erfahrung bestätigt, dass es keinen wirklichen Niederschlag der Pandemie in den Buchener Akten gab“, stellte Stadtarchivar Tobias-Jan Kohler fest. Er fand weder in den Gesundheits- noch in den Schulstatistiken Besonderheiten. Die „Spanische Grippe“ wird darin nicht erwähnt oder es fehlen die Aufzeichnungen aus dem speziellen Zeitraum 1918/19.

Unterlagen zum städtischen Krankenhaus haben sich aus dieser Zeit ebenfalls nicht erhalten.

Die Überlieferung durch Zeitungen setzte erst später ein. Kohler vermutet, dass die Ereignisse infolge der „Spanischen Grippe“ in Deutschland und damit auch in Buchen massiv von den Folgen des Ersten Weltkrieges und der Inflation überlagert worden seien.

Wie der Stadtarchivar erläuterte, kam es vor gut hundert Jahren wegen der Pandemie in Deutschland vereinzelt zu Schulschließungen. Er geht davon aus, dass sich die Krankheitswelle auch in der Region auf das schulische Leben auswirkte.

Grippefälle in der Schule erwähnt

Allerdings wurde nur im Jahresbericht des Realprogymnasiums Buchen, dem heutigen Burghardt-Gymnasium, eine „Grippe“ erwähnt, und zwar für das Schuljahr 1918/19. Dort heißt es: „Der Gesundheitsstand war, abgesehen von mehreren Grippeerkrankungen, bei Lehrern und Schülern im allgemeinen gut.“ Kohler interpretiert das so, dass die Pandemie vom Gymnasium wahrgenommen wurde. Diese wurde jedoch nicht als so bedrohlich empfunden, dass Gegenmaßnahmen eingeleitet wurden. Dies scheint für die ganze Stadtverwaltung Buchen zu gelten.

Tobias-Jan Kohler wurde mündlich überliefert, es sei in manchen Zeugnissen notiert worden, dass in diesem Jahr keine Noten vergeben wurden. Allerdings hat er solch ein Zeugnis noch nicht gesehen.

Bei der Erforschung der Euthanasie-Opfer in Buchen stieß der Archivar auf die Erwähnung der „Spanischen Grippe“. So sei eines der späteren Opfer aus Rinschheim Ende Oktober 1918 an dieser erkrankt. Es scheint, dass die Pandemie in unserem Raum keinen besonderen Namen erhalten hatte, sondern immer als „die Grippe“ bezeichnet wurde.

Da es keine Statistiken über Erkrankungen gibt, könnte ein Blick in die Sterbeeinträge für die Stadt Buchen (Kernstadt) weiterhelfen. War vielleicht die Sterblichkeit in den Jahren 1918/19 ungewöhnlich hoch?

Todesursache nicht aufgeführt

Leider wird in den Sterbeeinträgen nicht die genaue Todesursache aufgeführt, so dass man nur die Gesamtsterblichkeit betrachten kann. Dabei kann man feststellen, dass diese im Oktober 1918, während der zweiten Welle der Pandemie, deutlich höher war als in den Monaten zuvor, nämlich viermal höher als in den Oktobermonaten der Jahre 1917 und 1919.

Legt man bei dieser Betrachtung den Fokus auf die Gruppe der Personen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, erkennt man, dass hier die Sterblichkeit besonders hoch war, berichtet der Archivar. Bereinigt um die Gefallenen des Weltkriegs ist festzustellen, dass in dieser Altersgruppe die Sterblichkeit in diesem Zeitraum um ein Mehrfaches angestiegen ist.

„Alles in allem könnte man darauf schließen, dass die ’Spanische Grippe’ auch in Buchen einige Opfer forderte“, fasste Tobias-Jan Kohler zusammen.

20- bis 40-Jährige gefährdet

Da die besonders gefährdete Risikogruppe der 20- bis 40-jährigen zum Zeitpunkt der Herbstwelle im Jahr 1918 zum großen Teil im Krieg eingesetzt war, sei davon auszugehen, dass die Todesrate ohne Weltkrieg in der Region wesentlich höher gewesen wäre. Dann wäre der Pandemie sicher eine größere Aufmerksamkeit gewidmet worden.

Um mehr Informationen über die „Spanische Grippe“ in Buchen herauszufinden, müsste man in Akten des Bezirksamts Buchen recherchieren, welche sich in Karlsruhe befinden, so der Archivar.

Bis zu 50 Millionen Tote weltweit

Die „Spanische Grippe“ verbreitete sich zwischen den Jahren 1918 und 1920 weltweit in drei Wellen. Ihr fielen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwischen 27 und 50 Millionen Menschenleben zum Opfer. Damit forderte diese Krankheit mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg, in dem man 17 Millionen Tote zu beklagen hatte. Ihr erlagen besonders Menschen in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren.

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