Buchen

„(K)ein alltägliches Theater“ „Momo“-Vorführung überzeugte die Besucher in der Stadthalle / Michael Ende veröffentlichte das Buch 1973

Inklusives Projekt mit emsigen Darstellern auf der Bühne

Archivartikel

Buchen.Auch 25 Jahre nach dem Tod Michael Endes übt dessen literarisches Vermächtnis eine ungebrochene Faszination auf alle Generationen aus. Das bewies am Samstag die ansprechende Aufführung seines Werks „Momo“, mit der das Ensemble „(K)ein alltägliches Theater“ Menschen mit und ohne Behinderung auf der Bühne vereinte – sehr zur Freude des Publikums in der voll besetzten Stadthalle.

Zur Einstimmung ging Jutta Schüle als kommunale Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen auf das Engagement und die Leidenschaft aller Beteiligten ein. „Theaterarbeit bedingt Mut, Einsatz und Freude“, betonte sie. Gleichsam bereichern sich Vielfalt und „Anderssein“ im Sinne der Inklusion, um Grenzen einzuschmelzen und die Menschlichkeit ins Zentrum zu rücken.

Einfach da

Die Rahmenhandlung des von Vita Huber für das Theater aufbereiteten Stoffs (Regie: Alexander Kaffenberger) hielt sich nah am 1973 veröffentlichten Buch: Momo ist eines Tages einfach da. Sie ist arm, aber mit der Gabe ausgestattet, eine besonders gute Zuhörerin zu sein. Selbst Ältere suchen bei ihr einen guten Ratschlag für das Leben und wähnen sich in ihrer Gesellschaft als gerngesehene Gäste.

Das geht solange gut, bis die merkwürdigen grauen Herren mit ihren Aktenkoffern, Zigarren, Hüten und manchem markigen Spruch auf der Bildfläche erscheinen. Von Kopf bis Fuß in tristes Grau gehüllt, verfolgen sie finstere Absichten: Als Agenten der „Zeitsparkasse“ haben sie die Absicht, das Leben der Menschheit neuen Regelungen zu unterziehen und nehmen es dabei mit der Wahrheit nicht sonderlich genau. Das offizielle Credo besteht in dem Ansatz, Zeit „anzusparen“, um sie zu einem späteren Zeitpunkt gut verzinst wieder in Anspruch nehmen zu können. Die Wahrheit sieht anders aus: Die grauen Herren nehmen es mit der Ehrlichkeit nicht allzu genau und betreiben dunkle Geschäfte. So versuchen die Menschen im Sinne einer sicheren Zukunft ein Zeitguthaben anzuhäufen, vergessen aber dabei die Gegenwart.

Momo kommt dem Betrug auf die Schliche, indem sie diversen „Zeitsparern“ ihr Ohr leiht und erfährt, um was es eigentlich geht. Jetzt erfahren die grauen Herren von ihrer Existenz und versuchen, Momo zu beeinflussen. Ein Agent aber unterliegt ihrer Eloquenz, um ihr diverse Geheimnisse rund um die „Zeitsparkasse“ zu verraten. Das bereut er bitter. Momo möge niemandem etwas erzählen, was sie aber trotzdem tut: Mit ihren Freunden Gigi und Beppo setzt das pfiffige Mädchen alle Hebel in Bewegung, gibt Zunder und informiert alle über die grauen Herren und ihre Pläne.

Das lassen diese nicht ungesühnt und wollen Momo finden. Allerdings wird Momo von der Schildkröte Kassopeia über die Suche in Kenntnis gesetzt und taucht unter, ehe sie Meister Hora trifft. Als sagenumwobener „Meister der Zeit“ herrscht er von seinem „Nirgendhaus“ aus über die Stunden und Minuten, Tage und Nächte, Wochen und Monate. So mystisch er wirkt, so gütig ist er und verrät Momo das Geheimnis der Zeit, mit dem die grauen Herren ausgetrickst werden können. Außerdem machen sie sich die von gutwilligen Sparern angesammelte Zeit zunutze, um sie durch ihre Zigarren in die Luft zu paffen und ihr eigenes Dasein auf Erden zu sichern. Die grauen Herren waren fleißig und können allerhand Zeit rauchen: Viele Menschen erlagen ihrer vereinnahmenden Art und ihren vollmundigen Versprechen.

Das aber hat trotz aller ihnen zuliebe gesparter Zeit ein Ende: Momo und Kassopeia folgen ihnen bis in ihre Hauptstelle und greifen mit Meister Hora gemeinsam ein. Die grauen Herren geraten in Hektik, verlieren ihre letzten Zigarren und expedieren sich selbst aus der Welt. Nun sind alle glücklich: Momo nimmt ihre Freunde wieder in dem Arm und Meister Hora seine Kassopeia. Die musicalartig aufgebaute Aufführung setzte einen Akzent nach dem anderen: Turbulente Momente wechselten sich ab mit sehr nachdenklichen Szenen, was die emsigen Darsteller auf sehr sympathische Art zu präsentieren vermochten. Weiter wurde die tiefere und zeitlose Botschaft von Michael Endes „Momo“ einmal mehr ins Bewusstsein gerückt: Niemals und unter keinen Umständen soll der Mensch sich sein Gottesgeschenk des freien Denkens und Handelns nehmen lassen, dafür aber fragwürdige „Ideologien“ so kritisch wie genau hinterfragen. ad

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